Entdeckung bei Hechingen-Stein
: Denkmalamt staunt über barocken Garten aus dem 19. Jahrhundert

Man darf die Leute vom Römer-Förderverein nicht in den Wald lassen: Das Duo Schollian & Brunner ist auf der anderen Talseite der Villa rustica auf ein weiteres Kleinod gestoßen, das bereits die Landesdenkmalpflege interessiert.
Von
Ernst Klett
Hechingen
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Der visualisierte Geländeschnitt zeigt, wo am Nordhang des Starzeltals bei Stein Kulturgut aus dem 19. Jahrhundert unterm Waldboden versteckt liegt: Unterhalb des Hechinger Lindichs sind Gerd Schollian und Bernd Brunner auf einen barocken Garten gestoßen.

Der visualisierte Geländeschnitt zeigt, wo am Nordhang des Starzeltals bei Stein Kulturgut aus dem 19. Jahrhundert unterm Waldboden versteckt liegt: Unterhalb des Hechinger Lindich sind Gerd Schollian und Bernd Brunner auf einen früheren Barockgarten gestoßen.

privat
  • Entdeckung eines barocken Gartens aus dem 19. Jahrhundert bei Hechingen-Stein.
  • Fund von Gerd Schollian und Bernd Brunner; interessiert Denkmalamt.
  • Gartenanlage gehörte zum Schloss Lindich; entdeckt mit Lidar-Befliegung.
  • Historische Karten von 1860 bestätigen den Fund.
  • Gebiet als Denkmal empfohlen; bedroht durch forstwirtschaftliche Nutzung.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

im Starzeltal unterhalb von Stein lebt nicht allein das Altertum. Der Boden am Südhang der Starzel gibt seit Jahrzehnten Relikte eines einst riesigen römischen Gutshofes frei. Entdeckt hat, wer weiß es nicht, diese Villa rustica zu Beginn der 70er-Jahre der damalige Bürgermeister Gerd Schollian. Eben dieser hat jetzt mit seinem Vizevorsitzenden vom Förderverein Römisches Freilichtmuseum einen weiteren, durchaus spektakulären Fund gemacht: Es handelt sich um eine barocke Gartenanlage, die noch im 19. Jahrhundert existiert haben muss und zum Schloss Lindich gehörte. Das war bis zum Abgang des letzten Fürsten von Hohenzollern-Hechingen und dem Ende des Fürstentums 1850 in dessen Besitz gewesen. Die legendäre Fürstin Eugenie wohnte im Jagd- und Lust(sic!)schloss, bevor sie in die Villa Eugenia im Fürstengarten einziehen konnte.

Bewegte Geschichte mit Fragezeichen

Was danach auf dem Lindich passierte, wie das Schloss genutzt wurde: Fehlanzeige, zumindest bei der schnellen Recherche im Netz. In den 30er-Jahren war das Schloss, nachdem es auf Kosten der Stadt renoviert worden war, ein Jahr lang Tummelplatz der Nazis: Eine Sportschule der SA war vor den Toren der Stadt etabliert. Seit den 80er-Jahren ist das Areal durch eine private Investoren- und Wohngemeinschaft auf Dauer gesichert. Gleich ums Eck befindet sich der überregionial nachgefragte Ruheforst der Unternehmensgruppe Fürst von Hohenzollern.

Wieder einmal macht damit der Stadtteil Stein durch eine Neu- beziehungsweise Wiederentdeckung eines alten Kulturgutes auf seine geschichtsträchtige Vergangenheit aufmerksam. Und wieder war es Gerd Schollian, diesmal unterstützt von seinem Stellvertreter im Förderverein Römisches Freilichtmuseum, Bernd Brunner, der das Amt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, vertreten durch den für die römischen Ausgrabungen in Stein verantwortlichen Archäologen Dr. Klaus Kortüm, auf eine Besonderheit in der Bodenbeschaffenheit in einem Wald südwestlich von Stein im Gewann „Steingärtle“ aufmerksam gemacht hat.

Der Recher von Stein: Gerd Schollian arbeitet am Tag des Saisonstarts des Römischen Freilichtmuseums vor der schon hübsch anzuschauenden Portikushalle im Tempelbezirk. Die Kassettendecke der Halle wird bald von einer Künstlerin mit Bildnissen römischer Götter ausgemalt.⇥

Unermüdlich im Einsatz fürs Römische Freilichtmuseum Stein: Fördervereinsvorsitzender Gerd Schollian. Auf dem Archivbild ist er mit dem zukünftigen Götterzentrum der Villa rustica beschäftigt.

Hardy Kromer

Die Waldfläche liegt nur 200 Meter westlich der bereits im 14. Jahrhundert abgegangenen Burg (irrtümlich Volksburg genannt), 200 Meter nördlich der legendären Muttereiche und etwa 600 Meter nordöstlich des Schlosses Lindich. Eingehende Untersuchungen, so schildert es Gerd Schollian,  wurden durch Dr. Kortüm unter Einbeziehung historischer Karten des Landesarchivs von Fachleuten der Neuzeitarchäologie vorgenommen. Und die haben bestätigt, dass der Fundort zwar keinesfalls auf römische Zeiten zurückzuführen sei, aber durchaus als Denkmal hochinteressant sei.

Der Chefarchäologe hat schon mal gratuliert

Wetten, dass Gerd Schollian angesichts der auffälligen Bodenbeschaffenheit auf der anderen Talseite des Römischen Freilichtmuseums zuerst auf eine Zweitniederlassung der alten Römer getippt und deshalb schon kleine Freudensprünge gemacht hat? Nun, Altertum ist definitiv Fehlanzeige im Wald oberhalb der Starzel. Aber die Denkmalschützer sind trotzdem interessiert. Dr. Klaus Kortüm, seit eh und je zuständig für die Villa rustica, hat Schollian wissen lassen: "Gratuliere, Sie haben eine alte Gartenanlage (wieder-)entdeckt. Ich habe die Sache weitergeleitet." Die darauf folgende Antwort: "Das ist doch mal etwas anderes, römisch ist das mit Sicherheit nicht, aber als Denkmal wirklich interessant. In der Karte von 1860 ist etwas eingetragen, was wie ein Barockgarten aussieht. Zirka 100 Meter südwestlich davon liegt eine terrassierte geometrische Anlage mit radialen Achsen, und dann gibt es unten einen namenlosen Bach noch etwas mehr als Landschaftsarchitektur. Alles in allem ein sehr schönes Ensemble, das sicher schützenswert ist."

Eine Karte aus dem Jahr 1860 zeigt, dass an der Fundstelle einst ein barocker Garten angelegt war. Die Besitzer waren die damaligen Herrschaften von Schloss Lindich – je nach Jahr noch das Fürstenpaar von Hohenzollern-Hechingen, oder die anschließenden Bewohner beziehungsweise Nutzer. Wir tippen aber auf Fürstens und Eugenie von Hohenzollern-Hechingens französische Herkunft mit der Neigung zu ausschweifender Gartenkunst.

Zur näheren Untersuchung des Waldfundes wurde es hochmodern, und Bernd Brunner zog eine sogenannte Lidar-Befliegung heran. Bei dieser Methode können mithilfe von Laserstrahlen neben vielem anderen auch archäologische Beobachtungen gemacht werden. Abgezeichnet ist eine rechteckige Struktur von etwa 36 auf 50 Metern.

Gut, dass wenigstens alte Karten nicht weggeschmissen werden und irgendwer alles aufhebt: Eine historische Karte von 1860 weist auf den barocken Garten unterhalb von Schloss Lindich hin.

Gut, dass wenigstens alte Karten nicht weggeschmissen werden und irgendwer alles aufhebt: Eine historische Karte von 1860 weist auf den barocken Garten unterhalb von Schloss Lindich hin.

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Rund 100 Meter südwestlich befindet sich eine in zwei Terrassenstufen gegliederte geometrische Anlage mit vier geradlinigen, radialen Achsen. Eine untere Terrassenstufe misst 25 auf 25 Meter, die etwa 90 Zentimeter höher liegende ist zirka 22 auf 40 Meter groß. Auffällig ist talwärts eine halbkreisförmige Struktur erkennbar, aufsteigend am Sporn drei kleine Terrassenstufen. Vielleicht, so vermuten Gerd Schollian und Bernd Brunner, standen dort ein Gebäude oder sogar ein kleines Schloss sowie mehrere Pavillons.

Frankreich und Versailles lassen grüßen

Nur keine Befürchtungen jetzt, was im Wald am Starzelhang vielleicht auszugraben wäre. Der Lindich -Barockgarten dürfte viele, viele Nummern kleiner sein als beispielsweise die Weltattraktion Versailles vor den Toren von Paris. Die Barock- oder auch Französischen Gärten zeichnen sich durch eine auffallend strenge Anlage aus, wogegen die Englischen Gärten mehr naturnah gehalten waren. Der Hechinger Fürstengarten war einmal so einer und soll es jetzt wieder sein.

Globusschau von Ingo Günther in Schleswig: PRODUKTION - 28.03.2024, Schleswig-Holstein, Schleswig: Die Sonne scheint auf den Barockgarten und das Globushaus am Schloss Gottorf. Es ist Schauplatz für eine Ausstellung mit Globen des in New York lebenden deutschen Künstlers Ingo Günther. Günther hat seit 1988 auf mehr als 1000 Globen politische Konflikte, soziale Spannungen, ökologische und ökonomische Zusammenhänge mit grafischen Mitteln visualisiert. Die Schau im Globushaus ist zu sehen vom 29. März bis zum 27. Oktober 2024. (Luftaufnahme mit Drohne) Foto: Frank Molter/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Halt! Keine Verwirrung jetzt! Das Bild ist nur ein Beispiel und zeigt einen sehr großen Barockgarten, nämlich den von Schloss Gottorf im ganz hohen Norden, in Schleswig-Holstein. Den jetzt unterm Steinemer Waldboden entdeckten Garten muss man sich viele Nummern kleiner vorstellen.

Frank Molter/dpa

Das Areal bei Stein wird heute als stark gefährdet durch forstwirtschaftliche Nutzung angesehen. Es wird, so lässt Gerd Schollian wissen, dringend auf eine Eintragung als Denkmal empfohlen. Egal, wie das angesichts der Besitzverhältnisse ausgehen mag: Mehrere Jahrtausende Anwesenheit von Menschen sind auf der Gemarkung Stein inzwischen nachgewiesen.

Unterm Steinemer Boden

Funde von Gerd Schollian aus der Jungsteinzeit (etwa 1500 vor Christus) im Gewann "Nonnenwald" lassen auf eine Steinzeitsiedlung schließen. Vor den Römern sind Funde aus der Hallstattzeit (rund 250 Jahre vor Christus) nachgewiesen. Nach den Römern kamen die Alamannen, die dann um 800 nach Christus den Ort Stein gründeten: Eine erste Kirche nahe des Martinsberges und eine Burg westlich von Stein wurden erstellt.