Geschafft! Abdulkader Sobh pustet tief durch. Drei Jahre Ausbildung zum „Eisenbahner im Betriebsdienst – Fachrichtung Lokführer und Transport“ liegen hinter ihm. Nachdem er die IHK-Prüfung und eine weitere SWEG-interne Prüfung erfolgreich gemeistert hat, ist er nun als Triebfahrzeugführer beim SWEG-Verkehrsbetrieb Hohenzollerische Landesbahn fest angestellt.
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Zollernalbkreis

Seine ersten Arbeitstage liegen bereits hinter ihm. „Ist schon was Besonderes, den Zug ganz allein zu steuern“, sagt der 26-Jährige und lächelt. Für ihn ist der erfolgreiche Berufseinstieg der Lohn für die anstrengende Ausbildung. „Leicht war es nicht, denn die Eisenbahn hat viele eigene Begriffe. Ich habe drei Jahre nichts anderes gemacht als lernen.“ Tobias Harms, Vorsitzender der SWEG-Geschäftsführung, erkennt die Leistung von Abdulkader Sobh an: „Großartig, was er geleistet hat! Wir haben ihm gern eine Chance gegeben, da wir so neue Zielgruppen für die Triebfahrzeugführer-Ausbildung erschließen und gleichzeitig zur Integration von Flüchtlingen beitragen. Wir haben ohnehin schon vielen Beschäftigten aus verschiedenen Ländern und Kulturen eine berufliche Perspektive in unserem Unternehmen gegeben.“

Krieg hat alle Pläne zerstört

Dass Abdulkader Sobh nun SWEG-Züge auf den Zollern-Alb-Bahnen sowie auf den Strecken Aalen – Ulm – Sigmaringen steuert, war alles andere als vorhersehbar. Geboren wurde er in Syrien in Idlib. Eigentlich stammt seine Familie aus Palästina, doch der Großvater flüchtete vor dem Krieg nach Syrien, wo der Vater wiederum heiratete. Im Alter von neun Jahren absolvierte Abdulkader Sobh eine Lehre zum Koch. Mit 13 machte er sich selbstständig und verkaufte Essen in einem Kiosk in Idlib. Die Tradition sah vor, im Alter von 15 Jahren zu heiraten. „Doch zu diesem Zeitpunkt begann der Krieg in Syrien und hat alle Pläne zunichtegemacht“, blickt Sobh zurück. Eine schlimme Zeit folgte: „Es konnte passieren, dass ich mich mit jemandem getroffen habe, und eine Stunde später war er tot.“

Im Mittelmeer gekentert

2015 schließlich fiel der Entschluss zur Flucht. Das Ziel war Schweden, weil dort Sobhs Onkels und Cousins leben. Gemeinsam mit Schwester und Schwager machte sich Abdulkader Sobh zunächst auf den Weg in die Türkei. Von dort schug ein erster Versuch fehl, Griechenland über das Mittelmeer zu erreichen. Das Boot war zu voll, und nur der türkischen Wasserschutzpolizei war es zu verdanken, dass die Gekenterten aus dem Wasser gerettet werden konnten. Der zweite Versuch glückte – auch wenn das Boot vor der griechischen Küste an einem Stein zerschellte. „Nette Griechen haben uns aus dem Wasser gezogen und Kleidung und Essen gebracht“, erzählt der junge Mann.

Über Messstetten nach Gammertingen

Weiter ging die Reise – mal mit Bus, Zug, Schiff oder zu Fuß – über den Balkan bis nach München. Dort forderte die Polizei entweder einen Fingerabdruck oder die Rückreise nach Mazedonien. Sobh entschied sich für den Fingerabdruck und schließlich auch für den Verbleib in Deutschland. Über das Flüchtlingslager in Meßstetten kam er schließlich nach Gammertingen. Mit großem Fleiß machte sich Sobh ans Lernen der deutschen Sprache, um anschließend den Hauptschulabschluss zu erwerben.

Rassismus-Erfahrung in der Schule

Das nächste Ziel war die Mittlere Reife, die für den Berufswunsch Rettungssanitäter nötig gewesen wäre. Doch die Schule brach er ab – zu unschön waren Rassismuserfahrungen seitens Mitschülern und auch Lehrern. Er entschied sich, lieber sofort zu arbeiten. Sein Vermieter half beim Schreiben der Bewerbungen, doch der Aufwand rentierte sich nicht: „Ich habe während eines halben Jahres bestimmt 50 Bewerbungen geschrieben, darauf kamen entweder gar keine Antworten oder Absagen.“
Als der Vermieter vom Info-Tag der Hohenzollerischen Landesbahn in Gammertingen hörte, ging er mit Sobh hin. „Das hatte mich interessiert, also bewarb ich mich für die Ausbildung zum Triebfahrzeugführer.“ Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Emotionale Bindung zum Arbeitgeber

Inzwischen ist Sobh sogar froh, dass es mit der Mittleren Reife und dem damaligen Berufsziel Rettungssanitäter nicht geklappt hat. „Lokführer macht mehr Spaß – das ist zu meinem Traumberuf geworden“, begründet er. Er schätzt vor allem, dass er nicht täglich im Büro sitzen muss, sondern stattdessen viel unterwegs ist.
Dass Abdulkader Sobh in Deutschland so gut Fuß fassen konnte, wäre ohne die Hilfe von anderen Deutschen nicht möglich gewesen. Drei Familien ist er besonders dankbar. „Sonst hätte es mit dem Spracherwerb, dem Finden einer Wohnung und eines Arbeitsplatzes wohl nicht geklappt“, so Sobh, der beim Sprechen an einigen Stellen sogar schon in den schwäbischen Dialekt verfällt. Während der Triebfahrzeugführer-Ausbildung haben ihm wiederum zwei Mitstreiter geduldig geholfen und viel erklärt.
Und die Zukunft? „Seitdem ich den Krieg erlebt habe, plane ich gar nichts mehr“, erläutert Sobh. „Ich lebe jeden Tag so, wie er kommt.“ Fest steht für ihn allerdings, dass er bei der SWEG bleiben will. Sie sei das erste Unternehmen gewesen, das ihm eine Chance gegeben hat. Und in seiner arabischen Heimat laute die Devise: „Wenn dir jemand etwas Gutes tut, dann gib etwas zurück.“