Ausstellung in Haigerloch: Textilartistin Alraune serviert schaurig-schönen Kunstgenuss

Alles Handarbeit, alles Soft-Art: Alraune schafft nicht nur Kunst-Menschen, sondern auch Speisen, Tiere und Gegenstände aus Watte, Stoff, Knöpfen, Perlen... Nicht einmal vor einer Erdbeertorte oder einem Roulettetisch kapituliert ihre überbordende Fantasie und ihr außergewöhnliches Können.
Andrea SpatzalAlraune hat wieder alle Fäden ihrer Kunst gezogen und ihren Kunst-Menschen neues Leben eingehaucht. „Heiter bis tödlich“ heißt die neue Ausstellung, die ab Ostersonntag, 9. April, in Alraunes Privat-Museum am Marktplatz in Haigerloch zu sehen sein wird. Auf über 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche geht es um die schaurig-schöne Lebensgeschichte von Otto Essig.
Die Künstlerin überlässt nichts dem Zufall
Alraune, die mit bürgerlichem Namen Stefanie Siebert heißt, lässt sich bei ihrer Arbeit von den unterschiedlichsten Dingen inspirieren. Von Stoffen zum Beispiel: „Sie raunen mir mit leiser Stimme zu, was sie werden wollen.“ So ist ein silbrig changierender Chintz dazu prädestiniert, durch Alraunes Hände und Können zu einem Fisch zu werden. Genauer gesagt, ist es eine Dorade, die von der Künstlerin so lebensecht nachempfunden wird, dass man sie am liebsten gleich in die Pfanne hauen will. Nichts überlässt Alraune dem Zufall, jede Flosse muss sitzen. Sie studiert Fachliteratur und besorgt sich Anschauungsmaterial – in diesem Fall frisch von der Fischtheke.
Einladung auf den Stuttgarter Pragfriedhof
Eine Inspiration für „Heiter bis tödlich“ war außerdem das 9-Euro-Ticket vom letzten Sommer – und mit eben diesem ein Ausflug nach Stuttgart. Dort bekamen Alraune und ihr kongenialer Partner, Manager und Ehemann Hans-Wolf Siebert das (eigentlich sensationelle) Angebot, im historischen Leichenhaus des Stuttgarter Pragfriedhofs dauerhaft ein Museum einzurichten. „Ich bin ja anarchisch veranlagt“, sagt Alraune über sich selbst, aber ihre Kunst-Menschen in einer Leichenhalle zu präsentieren, das sei ihr dann doch nicht ganz geheuer gewesen. Aber die Idee für die neue Ausstellung in Haigerloch war damit geboren.

Textilartistin Alraune lässt in „Heiter bis tödlich“ ihre Kunst-Menschen neue Geschichten erzählen. Alles dreht sich diesmal um das Leben von Otto Essig.
Andrea SpatzalDie Wurst-dekorierten Hüte sind Publikumslieblinge
15 Szenerien dürfen auf den drei Etagen des ehemaligen Sterne-Hotel-Restaurants Schwanen in der Ausstellung „Heiter bis tödlich“ entdeckt werden: Beginnend mit der Schwangerschaft von Otto Essigs Mutter, eine Mops-Circus-Artistin, führt der Weg vorbei am Leihhut-Salon.
Mit einem Wurst-dekorierten Hut kommen die Gäste in den großen Saal, wo der junge Otto mit seiner Großmutter nächtens für die „Tafel“ kocht.
Promis an der Bar: Adolf Hitler und Marlene Dietrich
An der Schwanen-Bar haben sich die Prominenten des Hauses versammelt: der Alte Fritz trifft hier Miss Sophie und James, Miss Marple, Salvador Dalí, Adolf Hitler und Marlene Dietrich. Kult-Getränk ist Klosterfrau-Melissengeist, der auch für Ausstellungsbesucher zu haben ist.
Weiter geht es in die große Hotel-Küche: Otto Essig, inzwischen erwachsen, übernimmt Metzgerei und Delikatessen-Handlung vom „alten Meister Schlemmerle“. Am Küchenpass stehen Speisehauben bereit und warten auf die Entdeckung ihres verborgenen Inhalts. Hier ist berühren erlaubt! Glitzernde Fische hängen von der Decke. Es gibt Hummer und Kaviar, feinste Würste: Hier können sich die Besucher sattsehen...
Sarg aus dem „Klimbim“-Fundus
Beim weiteren Rundgang erleben die Ausstellungsbesucher Otto Essigs Hochzeit, ein Roulette-Gelage, Ottos Klinik-Aufenthalt und seinen Lebensabschied mit trauernden Hinterbliebenen samt Alraunes Einspritzung von Klosterfrau-Melissengeist in die Armvene des Verblichenen.
Die Besucher gehen weiter in den 2. Stock. Dort sind einige Trauergäste untergebracht, die es noch nicht bis in den „Raum des Abschieds“ geschafft haben, fünf Geliebte von Otto...
75 Kunst-Menschen (menschengroße Textilfiguren, aber keine Puppen!) sind, eingebaut in Szenerien, Teil der „Heiter bis tödlich“-Ausstellung, neun davon sind neu entstanden. In einem der beiden ausgestellten Särge lag übrigens einmal Ingrid Steeger für einen Klimbim-Fernsehclip.
Info Alraunes Privat-Museum (www.panoptikum-siebert.de), Marktplatz 5, 72401 Haigerloch. Öffnungszeiten: Donnerstag, Freitag, Sonn- und Feiertag von 14 bis 17 Uhr (samstags geschlossen).
