Es ist WM in Katar – ein Großereignis. Die ganze Welt schaut auf das kleine Emirat am Persischen Golf, schaut auf glänzende Fassaden; auf ein Sportfest, bei dem sich der Gastgeber in bestem Licht präsentieren will. Amnesty International lässt sich davon aber nicht blenden. Mit der Kampagne „Fußball ja, Ausbeutung nein“ rückt die Menschenrechtsorganisation die Schattenseiten der WM in den Blickpunkt.
Denn wer weiß schon, wie viele ausländische Arbeiter beim Bau der Stadien ihre Gesundheit, ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben? Wie viele Menschen in Katar als Hausmädchen und Chauffeure, als Straßenarbeiter und Küchenhilfen unter sklavenähnlichen Bedingungen ihr Dasein fristen, nur um jeden Monat ein wenig Geld nach Hause schicken zu können?

Menschrechte? Ein Fremdwort!

Die Ausstellung „Forgotten Team“ gibt diesen Menschen ein Gesicht und eine Stimme, zeigt, was Anna von den Philippinen, Nirmala aus Nepal oder Shanker aus Bangladesch erleiden müssen, weil Menschenrechte in Katar ein Fremdwort sind. Herzstück der Ausstellung sind die Bilder des palästinensischen Künstlers und Aktivisten Mohamed Badarne. Er rückt mit seinem fotografischen Erzählprojekt das Leben der Arbeitsmigranten in den Mittelpunkt, die den Grundstein für die Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar gelegt haben.

Bis Februar zu sehen

Die Wanderausstellung von Amnesty International war schon in vielen deutschen Städten zu Gast. Jetzt ist sie nun auch in der Rathausgalerie in Hechingen zu sehen. Zur Eröffnung begrüßten Bürgermeister Philipp Hahn und die Mitglieder der Hechinger AI-Gruppe zahlreiche Gäste. Für die klangvolle Umrahmung sorgten Paulina Zopf (Saxophon) Hanna Kraus (Horn) und Sara Kraus (Oboe). Die jungen Musikerinnen werden an der Jugendmusikschule Hechingen ausgebildet und erfreuten die Zuhörer mit anspruchsvollen Solostücken.

Zwei Mal AI dieses Jahr

Bürgermeister Philipp Hahn wies in seiner Ansprache darauf hin, dass nach der Jubiläumsausstellung im April nun schon die zweite Amnesty-Ausstellung innerhalb eines Jahres im Rathaus zu sehen ist. Und das nicht ohne Grund: „Die Menschenrechtslage weltweit ist so schlecht, dass es wichtig und richtig ist, immer wieder auf Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen“, betonte er. Man dürfe nicht aus den Augen verlieren, dass es Ausbeutung, Folter und Missachtung der Menschenrechte nicht nur in Katar, sondern in vielen weiteren Ländern der Welt gebe.
Für jeden stelle sich angesichts von Bildern grausamer Foltermethoden die Frage: „Soll ich hinschauen? Soll ich wegschauen?“ Amnesty International habe es sich zur Aufgabe gemacht, stets hinzusehen, zu mahnen und aktiv zu werden. „Ich persönlich bin sehr dankbar für Ihr Wirken und froh, dass es Sie gibt“, sprach der Bürgermeister den Aktivisten seine Anerkennung aus.

Die im Dunkeln

„Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht; und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“, führte Kerstin Gotthard von der Hechinger AI-Gruppe mit einem Zitat von Bertolt Brecht in die Veranstaltung ein. Die Ausstellung ,Forgotten Teamʻ rücke diejenigen ins Licht, „die in Katar im Dunkeln sind, aber dafür sorgen, dass dort alles funkelt und erstrahlt.“
Die WM sei noch nicht angepfiffen gewesen, da habe schon das Balancieren mit den Zahlen begonnen. Wie viele Menschen starben auf den Baustellen? Waren es 15 021? Waren es 6500, 40 oder gar nur drei, wie Fifa-Präsident Gianni Infantino behauptet? „Der wahre Skandal ist, dass wir die Zahlen nicht kennen, weil es Katar egal ist“, konstatierte Kerstin Gotthard. Die, die überlebt haben, fristen nach wie vor ihr Dasein unter menschenunwürdigen Bedingungen. Auf einen Katari kommen neun Arbeitsmigranten, 100 000 Haushaltshilfen leben im Land. Rechtlos, chancenlos, hoffnungslos. „Mit der Ausstellung wollen wir einmal ,hinabdunkelnʻ zu diesen Menschen und für ,Lichtzwangʻ plädieren“, unterstrich Kerstin Gotthard.

Info Die Ausstellung ist bis zum 7. Februar zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen: montags bis freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr.

Man kann doch nichts tun? Von wegen!

Schreiben Wer selbst aktiv werden möchte, kann Petitionen unterschreiben, die sich für die Entschädigung der Familien betroffener Arbeiter in Katar einsetzen. Gert Rominger von der Hechinger AI-Gruppe warb zudem für den Briefmarathon, mit dem sich Amnesty für die russische Künstlerin Alexandra Skochilenko starkmacht. Ihr droht eine Haftstrafe, weil sie in einem Supermarkt in Sankt Petersburg Botschaften gezeigt haben soll, um gegen den Ukraine-Krieg zu protestieren. Mehr Informationen zu diesen und weiteren Kampagnen gibt`s unter www.amnesty.de. dm