Leben nach dem Gefängnis: „Die Verhaftung war das Beste, was mir passieren konnte“

Als Anita festgenommen wurde, fand die Polizei bei ihr Heroin und Kokain. (Symbolbild).
ANAHIT - stock.adobe.com- Anita wurde wegen Drogenverkaufs verhaftet und verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis.
- Sie kämpfte mit einer Sucht, die in einer gewalttätigen Beziehung begann.
- Nach der Haft lebt sie in einem Wohnheim und wird bei der Reintegration unterstützt.
- Anita hat Schulden und gesundheitliche Probleme, erhält jedoch Hilfe.
- Ihr Mann, ebenfalls inhaftiert, soll 2026 entlassen werden.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Anita sitzt auf einem Bürostuhl im Göppinger Wohnheim der Bewährungs- und Straffälligen Hilfe Ulm. Sie trägt einen braunen Kapuzenpullover und eine enge Jeanshose. In Wirklichkeit heißt Anita anders. Seit August, also ihrer Entlassung aus der Haft, wohnt sie dort zusammen mit fünf Mitbewohnern. Sie ist die erste und bislang einzige Frau. Die letzten acht Monate ihrer Strafe verbrachte sie in einer Haftanstalt für Frauen, zuvor war sie auf einer Therapiestation.
„Es wollte mir keiner glauben, dass ich über zwei Jahrzehnte was mit Drogen zu tun hatte.“ Damit war Anita in den vergangenen fünf Jahren immer wieder konfrontiert. Wegen des Besitzes und Verkaufs von Drogen wurde sie 2020 zu einer Haftstrafe verurteilt, machte zusätzlich eine Therapie. Wenn die Beamten Anita fragten, warum sie in Haft sei, glaubten sie der heute 51-Jährigen oft nicht. „Man sieht es mir nicht an“, sagt sie selbst.
In ihrem Zimmer sind auf kleinen Kommoden abstrakte Bilder aufgereiht, auf dem Schreibtisch steht eine metallene Rose. Es sind Relikte aus ihrer Zeit in Therapie, aus der sie neben künstlerischen Projekten auch mehr Selbstbewusstsein mitnahm. Sie habe anfangs lange gebraucht, um sich zu öffnen. Vor Nervosität habe sie in der Zeit zehn Kilogramm abgenommen. Heute ist nur noch ein leichtes Zittern in den Beinen bemerkbar. Im Gespräch mit der NWZ erzählt die ehemalige Drogendealerin ihre Lebensgeschichte in zwei Stunden.
Welchen Auslöser ihre Sucht hatte
In einer gewalttätigen Beziehung fing sie mit 26 Jahren an, Drogen zu nehmen, konsumierte zeitweise Heroin, Kokain und Methadon in hohen Dosen. Zuvor hatte sie nicht einmal einen Joint geraucht. Die Zeit in der gewalttätigen Partnerschaft wirbelte alte Erinnerungen auf: Als Kind wurde sie von ihrem Vater sexuell missbraucht. Ihre ältesten drei Kinder stammen von ihrem ersten Mann, der früh verstarb. Das vierte Kind, das in der gewalttätigen Beziehung entstand, gab sie nach der Geburt zur Adoption frei.
Sie sei „total überfordert“ gewesen. Mit Tränen in den türkis geschminkten Augen erzählt sie, wie sie ihre Kinder in die Obhut des Jugendamts beziehungsweise ihrer Eltern gab. Sie befreite sich aus der Beziehung und aus einem Drogendeal wurde schließlich Liebe: Sie heiratete ihren jetzigen Mann, bekam ihren fünften Sohn. Wegen des Verkaufs von Drogen wurde sie zum ersten Mal auf Bewährung verurteilt.
„Die Verhaftung war das Beste, was mir passieren konnte“
Im November 2019 wird sie erneut verhaftet: „So schnell konnte ich nicht gucken, da hatte ich schon Handschellen an“, sagt sie im Rückblick. Ihr Mann und sie hatten Drogen in Karlsruhe geholt; auf der Rückfahrt wurden sie von Polizisten überrascht. Die Tragweite der Ereignisse begriff sie zunächst nicht: „Ich war so zugedröhnt. Mir ist das erst so richtig klar geworden, als ich im Bunker gesessen hab.“
Nach 25 Jahren des Drogenkonsums und mehrerer gescheiterter Versuche, davon wegzukommen, machte sie noch am selben Tag einen kalten Entzug. Heute weiß sie, dass es auch der letzte Tag sein würde, an dem sie persönlich Kontakt mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn hatte. Trotzdem sagt die fünffache Mutter: „Das war das Beste, was mir passieren konnte.“
Am Tag ihrer Entlassung drehte sie sich nicht mehr um, denn das sei ein schlechtes Omen. Stattdessen richtete sie ihren Blick nach vorn. „Ich hab mich tierisch auf ein Red Bull gefreut“, sagt sie und lacht. Vier Monate vor ihrer Entlassung sah das noch ganz anders aus: „Da habe ich schon Angst gehabt, dass ich entlassen werde und habe kein Dach über dem Kopf.“ Die Vorstellung war für sie „Horror“. Doch Anita ergattert einen Platz im Wohnheim in Göppingen und wird von Freundinnen unterstützt. In Haft schloss sie zum ersten Mal seit langem wieder Freundschaften ohne Hintergedanken. Zuvor standen die meisten Freundinnen und Freunde mit Drogen in Verbindung.
Auf ihrem Schreibtisch liegen mehrere Ordner. Anita hat Schulden, die sie gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen im Wohnheim angehen möchte. Außerdem erhält sie Unterstützung bei Amtsgängen, Wohnungs- und Jobsuche und Versicherungen. Wegen langer Wartezeiten beim Jobcenter zog sich bei Anita auch die Bestätigung ihrer Krankenversicherung hin, obwohl sie wegen chronischer Rückenschmerzen dringend zum Arzt müsste.
Über alte und neue Gewohnheiten
An einiges muss sie sich erst wieder gewöhnen: beispielsweise an die vielen Menschen und das sich frei bewegen können. „Man zieht sich einfach an, geht zur Tür raus und geht zum Supermarkt.“ Als sie das erste Mal wieder Einkaufen war, habe sie sich so gefühlt, als wäre sie noch nie im Supermarkt gewesen. Nach den ersten fünf Minuten „fällt man einfach in seinen alten Trott“, sagt die Göppingerin. Nur die Zutatenliste von Lebensmitteln liest sie noch immer durch – eine Angewohnheit aus ihrer Zeit in Therapie. Dinge wie Alkohol, beispielsweise in Pralinen, durfte sie dort nicht auf die Station bringen.
An einem Schwarz-Weiß-Foto ihres Sohnes lehnt ein Brief. Er ist an die Haftanstalt adressiert, in der Anitas Mann sitzt. Sie sind noch immer zusammen. Im Jahr 2026 soll er entlassen werden, in ein paar Monaten darf sie ihn zum ersten Mal besuchen. Ihre Bedingung für die Beziehung: „Er muss die Finger weglassen von den Drogen!“ Sie hat Angst, durch ihn rückfällig zu werden und dann ihre Kinder zu verlieren. „Jetzt wo ich sie fast alle wieder hab und sie hinter mir stehen – das ist mir zu kostbar, das nochmal zu verlieren.“
Rauschgiftdelikte in Göppingen
Neun Menschen starben „im Zusammenhang mit dem Konsum von Rauschgift“ 2023 im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Ulm. Das geht aus der zugehörigen Kriminalstatistik hervor. Fünf davon werden zum Landkreis Göppingen gezählt, vier zum Landkreis Biberach. Damit bleiben die Zahlen vergleichbar mit dem Vorjahr. „Langjähriger Konsum von Heroin und der Mischkonsum mit Substitutionsmitteln beziehungsweise andere Drogenarten“ werden in dem Bericht als mögliche Ursachen genannt.
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