Geboren am 19. Juni 1943 in Göppingen, schlug Hans Herdeg in der Jugend zunächst einen ungewöhnlichen Weg ein: Er ging in ein katholisches Internat in der Schweiz, wo er 1961 bei den Patres in St. Gallen seine Matura machte. Doch statt nun die Laufbahn eines Geistlichen einzuschlagen, machte er erst mal ein Praktikum bei der NWZ – und blieb der Zeitung treu. Dem Praktikum folgte die freie Mitarbeit während des Studiums der Philosophie, Geschichte und Musik in Tübingen und Göttingen. Die NWZ war damals noch eine selbstständige Zeitung mit eigenem überregionalen Kulturteil, wo er sich Meriten als Kulturrezensent verdiente. Fast 37 Jahre, von 1968 bis 2005, begleitete er als Redakteur die Kulturszene in der Region – mit kritischem Blick, scharfem Verstand, spitzer Feder und stilistischer Finesse.
Nach mancher Stuttgarter Konzert- oder Opernaufführung sah man ihn nachts im Café Pflugfelder in Göppingen sitzen, wo er bei dröhnender Musik Kritiken schrieb. Seine langen Schachtelsätze stellten oft schon formal kleine Kunstwerke dar und machten der Schreibkunst seines Lieblingsautors Thomas Mann Ehre.
Vor allem waren seine Artikel geprägt von Sachverstand. Für viele Künstler war es eine Auszeichnung, von ihm rezensiert zu werden, doch manch einer bekam auch erhöhten Puls und Schnappatmung beim Lesen seiner Kritik – sei es vor Aufregung oder Zorn.
So hoch Hans Herdeg die Latte für professionelle Musiker legte, so sehr freute er sich darüber, wie das Kulturleben unterm Hohenstaufen immer vielfältiger und bunter wurde. Auch im Ruhestand schrieb der passionierte Musikkritiker noch bis 2015 für die NWZ aus den Konzertsälen.
Leidenschaftlich konnte Herdeg auch außerhalb der Kultur werden: Als Dauerkartenbesitzer sah er im Neckarstadion bessere Tage des VfB – Schulter an Schulter mit dem damaligen Feuilleton-Kollegen Heinrich Domes. Und in der „Hölle Süd“ saß er neben Sportredakteur Thomas Lober auf der Pressebank und feuerte das Bundesliga-Team von Frisch Auf Göppingen an.
Am 11. Januar verstarb Hans Herdeg im Alter von 79 Jahren in einem Pflegeheim in Wäschen-
beuren. Marcus Zecha