
Interview mit Bauforscher Tilmann Marstaller: Wichtige Zeitzeugen oder altes Gelump?

Der Bauforscher Tilmann Marstaller erläutert Bürgern bei einer Führung die Besonderheiten eines Kirchendachstuhls.
Werner Bauknecht- Bauforscher Tilmann Marstaller betont den Wert historischer Gebäude für Identität und Nachhaltigkeit.
- Debatte um Klinge 3 in Bad Boll: Er lobt Engagement, kritisiert aber Gleichgültigkeit und Abriss.
- Er fordert einen offenen Dialog statt alter Denkmuster – nicht Parkplätze, sondern Lösungen für Wohnraum.
- Großes Wissensdefizit zu verputzten Altbauten: Ohne Schutz fehlen Untersuchungen und viele gehen verloren.
- Klinge 3: ehemaliges Seldnerhaus hinter dem Rathaus, Bau zwischen 1830 und 1842, zuletzt abgerissen.
Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.
Herr Marstaller, warum sind historische Gebäude aus Ihrer Sicht wichtig und warum sollte man sie erhalten?
Tilmann Marstaller: Historische Gebäude sind die sichtbarsten Zeugnisse der eigenen Geschichte. Anders als die zahllosen Neubauten sind sie identitätsstiftend. Aufgrund der bei Bauten aus vorindustrieller Zeit verwendeten Baumaterialen, bei denen der Transportweg so kurz wie möglich gehalten wurde, sind sie Musterbeispiele für nachhaltiges und ökologisches Bauen.
Wie haben Sie die Debatte über die Klinge 3 in Bad Boll empfunden?
Ich fand es einerseits wohltuend und mutmachend, dass es eben doch noch Menschen gibt, denen die gebaute Geschichte vor Ort am Herzen liegt. Menschen, die für die Erhaltung solcher Gebäude einstehen und die kreative Lösungen suchen. Andererseits war es ernüchternd, wie gleichgültig mit diesem Potenzial an Kulturträgern umgegangen wurde: mit dem Gebäude Klinge 3 ebenso, wie mit den Befürwortern der Erhaltung.
Am Ende wurde das historische Gebäude trotz aller Proteste abgerissen. Was hätte anders laufen können?
Ein ergebnisoffener Dialog zwischen Gemeinde und Initiative wäre nicht nur wünschenswert, sondern auch zeitgemäß gewesen. So führten Beschlüsse vor dem Hintergrund antiquierter Denkmodelle (Parkplatz statt bezahlbarem Wohnraum!) zum Verlust von einem unterbewerteten Kulturgut. Die Verantwortung für das historische Ortsbild alleine an die Denkmalpflege abzuschieben, ist letztlich verantwortungslos.
Kennen Sie ähnliche „missachtete Schätze“ im Kreis Göppingen?
Die „Missachtung“ historischer Bauwerke ist ein altbekanntes Phänomen und praktisch in jedem Ort und ganz besonders in ländlichen Siedlungen zu beobachten. Bereits die Meinung darüber, was im Gebäudesektor überhaupt einen „Schatz“ darstellt, klafft inzwischen wieder so weit auseinander, wie zuletzt in den 1960er/70er Jahren. Während die Einen die Wirtschaftlichkeit für das Gebot der Stunde halten, die häufig wenig gepflegten Altbauten als Schandflecke abkanzeln und den Denkmalschutz als großen Feind einer „modernen“ innerörtlichen Entwicklung betrachten, beobachten andere die rasante Veränderung der Ortsbilder und den schleichenden, aber stetig voranschreitenden Verlust der die Heimat prägenden Altbauten mit allergrößer Sorge.
Was könnte man in Zukunft anders machen, um solche Schätze zu heben, sprich mehr historische Gebäude zu erhalten?
Grundsätzlich mangelt es an Wissen über die noch vorhandenen historischen Gebäude: Nur bei einem Bruchteil der mit Putzfassaden versehenen Fachwerkhäuser liegen Informationen zu Form, Bestand und Alter der Gebäude vor. Dementsprechend stehen auch die wenigsten dieser Bauten unter Denkmalschutz. Dass man an den verputzten Bauten nichts Wertvolles sieht, bedeutet aber noch lange nicht, dass unter dem Putz keine denkmalrelevante Substanz verborgen liegt. Stehen Gebäude aber nicht unter Denkmalschutz, besteht auch keine Chance, eine bauhistorisch- restauratorische Untersuchung zu fordern. Dies hat zur Folge, dass diese Gebäude normalerweise für die weitere Erforschung verloren sind. Wenn man bedenkt, dass in den meisten Orten, wie eben auch in Bad Boll, die nicht untersuchten und dementsprechend nicht bewertbaren Bauten den Löwenanteil der historischen Bauten ausmachen, muss man nicht rätseln, warum sich die historischen Ortskerne landauf landab immer schneller in langweilige Neubaugebiete verwandeln.
Um den großen Mangel an Wissen zu beheben, benötigt man zuallererst den grundsätzlichen Willen dazu, dann einen finanziellen Etat und auch ein Gespür dafür, wann bauhistorische Untersuchungen in welchem Umfang durchgeführt werden sollten. Ein Anlass für solche Untersuchungen – in Absprache mit den Eigentümern – können Bauvorhaben sein. Die Verantwortung für die Bau- und Kulturgeschichte beginnt eben an der eigenen „Haustüre" und lässt sich keinesfalls auf ein Amt abschieben. Auch wenn man in den Ortsverwaltungen immer gerne auf das Denkmalamt verweist, wenn es um Verantwortlichkeiten geht.
Zur Person: Tilmann Marstaller
Bauforscher Tilmann Marstaller ist einer der bekanntesten Bauforscher in Baden-Württemberg. Er war auch immer wieder bei Denkmalthemen im Kreis Göppingen involviert, zuletzt befasste er sich zusammen mit dem ehemaligen Kreisarchäologen Reinhard Rademacher über die historische Bedeutung des Gebäudes Klinge 3 in Bad Boll. Dort hatte sich eine Bürgerinitiative für die Erhaltung des Gebäudes eingesetzt. Der Gemeinderat entschied sich aber nach einer längeren Debatte trotz der Proteste für den Abriss. Die Bürgerinitiative hat sich inzwischen zu einem Verein zusammengeschlossen und setzt sich für historische Themen im Ort ein.
Klinge 3 Das ehemalige Seldnerhaus, ein Gebäude für Kleinbauern oder Knechte ohne eigenen Grundbesitz, befand sich in Bad Boll hinter dem Rathaus. Es wurde zwischen 1830 und 1842 gebaut und war das älteste Doppelhaus in Baden-Württemberg, das die Fachwelt kennt. Ortsgeschichtlich war es auch deswegen von Bedeutung, weil es lange Zeit als „Armenhaus“ genutzt wurde. Es wurde im vergangenen Jahr abgerissen.