Geflüchtete erzählen in Ebersbach
: Was Verliebte dürfen und was nicht

Die Flüchtlingshilfe Ebersbach lud zu einem Gesprächsabend über Liebe, Heirat und Familie ein. Geflüchtete erzählen von ihrer Heimat und dortigen Sitten. „Es ist nicht wie hier in Deutschland.“
Von
Joachim Auch
Ebersbach
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  • Im Stadtmuseum Ebersbach erzählten Geflüchtete, wie es ihren Herkunftsländern mit Liebe und Hochzeit ist. Dazu gab’s Liedeslieder von Sängerin Solin und Gitarrist Cetin.

    Im Stadtmuseum Ebersbach erzählten Geflüchtete, wie es ihren Herkunftsländern mit Liebe und Hochzeit ist. Dazu gab’s Liedeslieder von Sängerin Solin und Gitarrist Cetin.

    Joachim Auch
  • Die Hochzeitsausstellung des Stadtmuseums zeigte auch, was für Verliebte in alten Zeiten in Württemberg galt. Hochzeiten zwischen Evangelischen und Katholischen waren noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein „Mischehen“.

    Die Hochzeitsausstellung des Stadtmuseums zeigte auch, was für Verliebte in alten Zeiten in Württemberg galt. Hochzeiten zwischen Evangelischen und Katholischen waren noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein „Mischehen“.

    Joachim Auch
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„Es ist nicht wie hier in Deutschland!“ Vanissa lacht und schüttelt den Kopf mit den eng geflochtenen Zöpfchen. Sie stammt aus Kamerun und erinnert sich an ihren ersten Freund. Ali hieß er, das war noch zu Schulzeiten. „Was dürfen in Afrika Verliebte tun? Dürfen sie sich zum Beispiel küssen?“, will Henrike Dierig wissen, die zusammen mit Joachim Auch den Gesprächsabend der Flüchtlingshilfe moderierte. „Oh là, là, nein! Nein! Händchen halten — vielleicht.“ Und selbst das sei schwierig, weil das ganze Dorf aufpasse. „Vanissa, was machst du da! Ich sag es deiner Mama!“

„Liebe, Hochzeit, Familie. Geflüchtete erzählen aus ihrer Heimat“ war das Thema, zu dem die Flüchtlingshilfe Ebersbach neben Vanissa noch Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und dem Irak ins Stadtmuseum eingeladen hatte — passend zum Ende der dortigen großen Hochzeitsausstellung. Ein Thema, das trotz Sturm und Regen offenbar auch rund 35 Ebersbacher und Ebersbacherinnen interessierte — allesamt Menschen, die nach eigenem Bekunden auch schon mindestens ein Mal verliebt waren.

Ja, Liebe gibt es überall auf der Welt, Liebe ist einfach menschlich, aber dann wird’s kompliziert: je nach Kultur, Besitz und Religion.

Verschiedene Konfession — ein hartes Hindernis

Was Verliebte dürfen und was nicht, wen man heiraten darf und wen nicht, davon konnte auch Museumsleiter Uwe Geiger dem Publikum bei einer Führung durch die Hochzeitsausstellung berichten, die jetzt zu Ende ging. Hochzeiten zwischen Evangelischen und Katholischen waren beispielsweise in Ebersbach in der Vergangenheit extrem selten. Erst für das Ende des 19. Jahrhunderts sind einzelne Fälle dokumentiert. Und auch aus Vanissa und Ali ist nichts geworden: Er ist Moslem und sie Christin.

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Die unerfüllten Träumereien der Liebe — davon handelten denn auch die türkischen, kurdischen und armenischen Liebeslieder, mit denen die Bad Ditzenbacher Sängerin Solin und ihr Musikerpartner Cetin an der Gitarre das Publikum ins Reich der Erinnerungen entführten.

In der Diskussion wurde schnell deutlich: Beim Heiraten bleiben die Religionen meist unter sich. Das bestätigten Youssef aus Afghanistan, Bishar, ein Jeside aus dem Irak, und auch Koussai aus Syrien. Seine Mutter, so erzählte der Chirurg, sei sehr konservativ gewesen. Und an der Mutter führe nun mal kein Weg vorbei, wenn man heiraten wolle. Die sei es dann, die den Kontakt zur Familie der Angebeteten herstelle, dann erst kämen die Väter dazu.

Die Familien entscheiden

Letztlich entscheiden immer die Familien. Viel kommt darauf an, was der Mann in die Ehe einbringen könne. „Letztlich ist der Mann für alles verantwortlich, er muss alles bezahlen, eine Hochzeit für 400 Leute oder mehr, dann das alltägliche Leben, Wohnung, die Ausbildung der Kinder“, machte Koussai auf die Kehrseite des Patriarchats für Männer aufmerksam. Auf den Frauen laste hingegen die Angst, verstoßen zu werden — zum Beispiel, wenn sie angeblich keine Jungfrau mehr seien, erzählte Bishar. Zur Hochzeitsnacht, die meist in einem Hotel verbracht werde, werde das Brautpaar von der ganzen Familie begleitet.

Wie überhaupt das Ende der Liebe für Frauen in ihren Heimatländern ein ganz schweres Schicksal sei, da waren sich alle Gesprächsteilnehmer einig. Zwar sei Scheidung im Prinzip möglich, aber die Frauen stünden meist ohne Einkommen und ohne die Kinder da.

Ob es auch möglich sei, sich wieder neu zu verlieben und noch einmal zu heiraten? „Ja, jeder hat eine zweite Chance verdient“, meinte Bishar und lachte. Und außerdem, in Deutschland ist in Sachen „Liebe“ ja vieles anders.