Krieg in Israel
: Gastfamilie und Ex-Kollegin Opfer von Hamas-Angriff – Geislingerin berichtet

Die israelische Gastmutter von Victoria Majko aus Geislingen hat wenige Tage vor dem Hamas-Angriff ein Kind geboren – dann wird dessen Großmutter ermordet. Die Angst um Freunde im Kriegsgebiet ist groß.
Von
Michael Scheifele
Geislingen
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Viktoria Majko (im Bild) aus Geislingen lebte bis August rund zwei Jahre in Israel. Der Angriff der Hamas-Kämpfer auf ihren ehemaligen Wohnort macht sie betroffen.

privat

Victoria Majko ist im August nach fast zwei Jahren in Israel nach Geislingen zurückgekehrt. Doch nur wenige Wochen später erkennt sie ihr Gastland kaum wieder. Seit dem blutigen Angriff der Hamas ist sie zumindest gedanklich wieder in Nahost. Majko hängt am Nachrichten-Ticker und erkundigt sich, wie es ihren Freunden und Bekannten vor Ort geht. Was sie dabei hört, macht sie traurig.

Ex-Kollegin wird Opfer des Überfalls

Die heute 20-Jährige leistete seit dem 7. Oktober 2021 einen Freiwilligendienst mit den „World Wide Volunteers“ in Ofakim – 20 bis 30 Kilometer entfernt vom Gazastreifen. Auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrer Ankunft fielen am vergangenen Samstag Terroristen in die 30.000-Einwohner Stadt ein – wobei es Todesopfer zu beklagen gab. Die Örtlichkeiten des Vereins „ADI Negev – Nahalat Eran“ für den sie mit körperlich und geistig schwer beeinträchtigten jungen Menschen arbeitete, wurde nicht angegriffen. Doch am vierten Tag nach dem Hamas-Überfall bekam Majko eine schreckliche Nachricht: Eine enge Ex-Kollegin wurde auf dem Heimweg von der Arbeit nachts in Ofakim ermordet.

Auch Victoria Majkos Gastfamilie, die in einem Kibbuz in der Nähe des Gazastreifens lebt, ereilte ein tragisches Ereignis. Ihre Gastmutter hat noch wenige Tage vor dem 7. Oktober ein Kind zur Welt gebracht. „Ich habe mich gefreut, als ich die Bilder des Babys gesehen habe“, so die Geislingerin. Doch kurz darauf geschah das Unglück: Die Oma wurde wohl auf dem Weg zum Haus ihres Enkelkindes von der Hamas ermordet. So habe es die Gastmutter Majko berichtet. Inzwischen sei die Familie geflohen – wohin, weiß die ehemalige MiGy-Schülerin nicht. Victoria Majko macht das betroffen. Es sei eine Sache, die schlimmen Meldungen in den Nachrichten zu hören, sagt sie: „Aber wenn man die Opfer kennt, ist das nochmal anders.“

Freunde von Bekannten werden von der Hamas entführt

Nachdem die Hamas Geiseln genommen hatte, durchforstete die Geislingerin, die in den sozialen Netzwerken veröffentlichten Listen nach Bekannten. Glücklicherweise habe sie auf den Dokumenten keinen vertrauten Namen entdeckt. Bekannte haben Victoria Majko allerdings berichtet, dass deren Freunde entführt wurden, sagt die junge Frau.

Viele der verbliebenen Freiwilligen, mit denen Victoria Majko in Ofarim zusammengearbeitet hat, seien inzwischen wegen des Angriffs aus dem Westen Israels geflüchtet. Einige sind nach Jerusalem gereist, so Majkos.

Das ist Majkos Sicht auf den Konflikt

Die heutige Studentin hat während ihrer Zeit in Israel viel entdeckt. Mit Freunden und allein ist sie durch Israel gereist und fuhr in palästinensische Gebiete im Westjordanland – nach Bethlehem, Ramallah und Hebron. Auch in Ägypten und Jordanien war sie und hat mit den Menschen gesprochen. Ein paar Bekannte, denen sie auf Social-Media folge, feierten die Angriffe der Hamas. Das findet Victoria Majko unerträglich. „Für den Angriff auf Israel gibt es keine Rechtfertigung“, so die 20-Jährige, die in dieser Woche begonnen hat, in Konstanz Politikwissenschaft und Soziologie zu studieren. Dennoch sei sie der Überzeugung: „Es braucht Solidarität für die Zivilisten auf beiden Seiten – für israelische und palästinensische.“ Ihr Wunsch: Die unschuldigen Opfer, die es auf palästinensischer Seite gebe, sollten in den hiesigen Medien ebenso Beachtung finden. „Eine palästinensische Mutter empfindet denselben Schmerz wie eine israelische, wenn sie ihr totes Kind in den Armen hält“, sagt sie. Was es brauche, seien neue Lösungsvorschläge für den Nahostkonflikt und einen Stopp des Siedlungsbaus. Auch in den sozialen Netzwerken mache sie sich für eine differenzierte Sicht stark, sagt sie. Dass sie dafür auch Widerspruch erntet, nehme sie in Kauf.

Majko wird die Situation rund um Israel so schnell nicht loslassen. Ein israelischer Freund sei nun im Rahmen der großen Reservisten-Mobilisierung in die Armee einberufen worden. Sie schrieb ihm: „Pass auf dich auf.“