Geislinger Ultralauf Alb-Traum100: Blinder Läufer: „Alleine wäre ich nie so weit gekommen“

Pierre Heim (links) und sein Guide Kalle Dravec nehmen am Samstag, 16.5.2026, als Lauf-Tandem die 60 Kilometer lange Halb-Traum-Strecke beim Geislinger Benefizlauf Alb-Traum100 in Angriff.
Privat- Ein blinder Läufer startet am Samstag, 16.5.2026, beim Alb-Traum100 über 60 Kilometer.
- Pierre Heim läuft im Tandem mit Guide Kalle Dravec – Vertrauen und Sicherheit stehen im Fokus.
- Heim hat seit 2018 Ausdauer aufgebaut, Marathons absolviert und 2025 in Biel 100 Kilometer beendet.
- Der Halb-Traum ist sein erster echter Trailwettbewerb mit 1700 Höhenmetern und wohl nassen Bedingungen.
- Ziel der beiden: Ankunft vor Einbruch der Dunkelheit an der Geislinger Jahnhalle.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Gerade hat er seinen letzten Trainingslauf absolviert. 24 Kilometer, eine Woche vor dem „Halb-Traum“; die letzten Tage vor dem Geislinger Benefiz-Ultralauf macht er dann langsam. Pierre Heim ist ein besonderer Teilnehmer: Der Mann aus Reichenbach an der Fils sieht seit seinem 15. Lebensjahr nichts. „Ich kann hell-dunkel unterscheiden und mich an den Schattierungen etwas orientieren, aber alleine kann ich nicht laufen“, sagt der 44-Jährige. Pierre Heim ist deshalb als sogenanntes Lauf-Tandem mit einem Guide unterwegs.
Nach dem 100-Kilometer-Rennen in Biel 2025 geht Heim jetzt auf die Trails rund um Geislingen
Vor acht Jahren hat Heim das Inklusionsprojekt „Laufen mit Blinden“ beim TSV Lichtenwald kennengelernt. Er erinnert sich noch an die erste Einheit: „Ich war fix und alle, da hat niemand gedacht, dass ich wiederkomme.“ Aber er blieb dran, machte mit kleinen Schritten weiter und lief am zweiten Weihnachtsfeiertag 2018 erstmals fünf Kilometer am Stück. Damals ein Meilenstein.
Am Samstag will er die zwölffache Strecke mit 1700 Höhenmetern bewältigen. Doch inzwischen ist Heim im Ultralaufen angekommen, hat einige Marathons bewältigt und hat im Vorjahr das legendäre 100-Kilometer-Rennen im schweizerischen Biel absolviert.
Dass er 2024 beim Berlin-Marathon in 3:47:49 Stunden Deutscher Meister der Sehbehinderten wurde, scheint Pierre Heim nicht so wichtig: „Ich achte nicht so auf die Zeiten, das Laufen wird bei mir meist zur Nebensache. Mir ist es viel wichtiger mit den Leuten unterwegs zu sein“, erzählt er.
Der Halb-Traum wird Heims erster echter Trailwettbewerb, und er ist etwas aufgeregt: „Das wird schon echt herausfordernd.“ Dabei macht ihm weniger die Wegführung, sondern die Länge mit den An- und Abstiegen Kopfzerbrechen. Mit seinem Guide Kalle Dravec, ebenfalls Mitglied beim TSV Lichtenwald, ist er die Halb-Traum-Strecke zwar schon abschnittsweise abgelaufen, doch die zu erwartenden nassen Bedingungen machen das Abenteuer nicht einfacher. Zu Kalle Dravec hat er vollstes Vertrauen, der 44-jährige Software-Entwickler muss sich komplett auf seinen Guide verlassen können. Mit 25 verschiedenen Menschen sei er inzwischen unterwegs gewesen, „da sind ganz tolle Freundschaften entstanden“. Und er fügt hinzu: „Wenn ich alleine laufen könnte, wäre ich nie so weit gekommen“ – da hätte er dieses Laufprojekt nie begonnen und wäre vielleicht nie gelaufen, meint Heim.
Das Ziel: Ankommen vor Einbruch der Dunkelheit
Dass das Lauf-Tandem vor Einbruch der Dunkelheit am Samstag wieder an der Geislinger Jahnhalle ankommt, dafür will Guide Kalle Dravec sorgen. Er ist ein Ultralauf-Urgestein, hat mehrmals den Alb-Traum100 gefinisht, hat im vergangenen Jahr mit dem Eintritt in den Ruhestand in sechs Tagen den 360 Kilometer langen Alb-Steig (Hauptwanderweg 1) über die Schwäbische Alb bewältigt und ist körperlich und mental topfit.
Wenn eine Kurve kommt, gibt Dravec Kommandos wie diese: Linkskurve, 90 Grad – dann zählt er langsam runter: drei, zwo, eins, damit sein Laufpartner weiß, wie schnell die Kurve erreicht ist. Am Samstag wird das alleine nicht reichen, und die beiden gehen auf Körperkontakt. „In schwierigen Abschnitten packt mich Pierre von hinten an den Schultern, und wir gehen im Gleichschritt“, sagt Kalle Dravec. Die meiste Zeit sind sie durch ein Band verbunden. Dravec sagt dazu: „Das erfordert auf solchen Streckenabschnitten eine wahnsinnige Konzentration, ich muss genau gucken, wo ich meine Schritte setze, schließlich zählt mein Schritt für uns beide.“ Der Guide ist sich seiner Aufgabe bewusst, und Sicherheit geht an dem Tag für beide vor.
Die beiden Laufpartner verstehen sich bestens und sind inzwischen gute Freunde geworden. Dass ihnen unterwegs die Gesprächsthemen nie ausgehen, mag auch daran liegen, dass beide langjährige Dauerkarteninhaber beim VfB Stuttgart sind. Für das entscheidende Saisonspiel am Samstag in Frankfurt kommt deshalb vielleicht auch ein kleiner Lautsprecher in den Laufrucksack, damit sie beim Spielstand auf dem Laufenden bleiben. Um Vertrauen aufzubauen, muss der Guide für Pierre Heim mutig sein und Verantwortung übernehmen. Daran hat Kalle Dravec richtig Spaß: „Dieses Vertrauen zu spüren, das ist schon groß.“
Veranstalter rechnen mit erschwerten Bedingungen wegen matschiger Trails
Der Geislinger Benefiz-Ultratraillauf Alb-Traum100 findet 2026 zum siebten Mal statt. Der Veranstalter, der gleichnamige Verein, geht davon aus, dass die Teilnehmer erstmals mit erschwerten Bedingungen auf dem Albtraufgänger-Wanderweg rechnen müssen, über den der Lauf führt: Wenn am Samstag um 4 Uhr die Starter des Albtraums vor der Jahnhalle loslaufen, werden sie nasse Trails und Wege vorfinden, schreiben die Organisatoren in ihrer Pressemitteilung.
130 Starter wollen die lange Runde über 115 Kilometer bewältigen. Um 9 Uhr folgen dann 250 Teilnehmer über die 60 Kilometer lange Halb-Traum-Strecke. Die Startplätze waren im Januar so gefragt, dass der Anmeldeserver dem Ansturm nicht standhielt. Die Verantwortlichen sind laut Mitteilung auf die Witterung vorbereitet und haben unterwegs wetterfeste Verpflegungsstellen integriert. 130 ehrenamtliche Helfer unterstützen die Veranstaltung über 22 Stunden lang; die letzte Verpflegungsstelle im TG-Stadion im Eybacher Tal sei fast zwölf Stunden in Betrieb, so der Verein.
Verein sammelte bislang mehr als 251.000 Euro für soziale Projekte
Der Alb-Traum100 sammelt mit dem Lauf Geld für soziale Einrichtungen im Landkreis Göppingen – bisher mehr als 251.000 Euro. Die Erlebnisregion Schwäbischer Albtrauf schickt wieder eine Bürgermeisterstaffel auf die lange Strecke. Den Schlussläufer macht Geislingens Oberbürgermeister Ignazio Ceffalia. Er freue sich auf dieses überregional wahrgenommene Sportereignis, das Kondition und Disziplin erfordere, heißt es in der Mitteilung. Dies stärke die Gesundheit und zeige Geislingen von einer schönen, touristischen Seite.
Dass es neben dem Spaß und Erlebnis auch um Platzierungen geht, dafür haben sich einige Mehrfachstarter in die Startliste eingetragen. Der Lauf habe sich in der Ultraszene etabliert, schreiben die Veranstalter. Das liege auch an der schönen Alblandschaft und am familiären Miteinander der Veranstaltung. Am Ende soll ein möglichst hoher Spendenbetrag für soziale Projekte im Landkreis Göppingen ausgeschüttet werden. Ob die Spendensumme von 46.500 Euro aus dem Vorjahr übertroffen wird, bleibe abzuwarten, schreiben die Organisatoren.


