„Erste Autobahn bei uns im Land“: Ausgrabungen am A8-Albaufstieg bringen römischen Verkehrsweg zutage

Die Archäologen René Wollenweber (links) und Gerd Stegmaier erklären vor dem freigelegten Teilstück der Alblimes-Straße, was diesen Befund so besonders macht.
Markus Sontheimer- Archäologen legten am A8-Albaufstieg ein 90-Meter-Stück der römischen Alblimes-Straße frei.
- Der erhaltene Unterbau aus Jurakalkstein zeigt Bauweise und Verlauf der Militär- und Verkehrsroute.
- Die Straße verband u. a. Donnstetten und Urspring, entstand „74 bis 84 nach Christus“.
- Spuren von Wassergraben und Bauklammern belegen Entwässerung und Holzrahmen beim Bau.
- Ältere Siedlungsreste aus Bronze-, Eisen- und keltischer Zeit wurden neben der Trasse entdeckt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Alle Wege führen nach Rom“: Diese Redewendung hat vermutlich jeder schon einmal gehört. Sie erinnert an das gewaltige Straßennetz, mit dem die Römer ihr Reich erschlossen. Von den Provinzen führten zahlreiche Wege zur Hauptstadt – und machten Rom zum Mittelpunkt einer ganzen Welt.
Einer dieser Wege verlief einst über die Schwäbische Alb. Bei den Ausgrabungen im Vorfeld des Autobahnausbaus am Albaufstieg zwischen Hohenstadt und Drackenstein haben Archäologen ein Teilstück der Alblimes-Straße freigelegt. Die römische Militär- und Verkehrsverbindung verband unter anderem die Kastelle Donnstetten und Urspring (Ad Lunam) und führte insgesamt sogar von Rottweil bis nach Heidenheim. Sie wurde etwa 74 bis 84 nach Christus, vermutlich vom damaligen Kaiser Vespasian, erbaut und ermöglichte den Truppentransport und die Versorgung römischer Stützpunkte. Zudem markierte die Straße über ein Jahrhundert lang die Grenze des Imperiums zum freien Germanien.
Sehr gut erhaltener Straßenunterbau
90 Meter des sogenannten Statumens – so wird die unterste Tragschicht antiker römischer Straßen genannt – konnte das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) gemeinsam mit den Grabungsunternehmen ArchaeoBW und Fodilus freilegen. Die aus faustgroßen Jurakalksteinen bestehende Fundamentlage ist erhalten geblieben, während die eigentliche Fahrbahn und Zwischenschichten im Laufe der Jahrhunderte vor allem durch Niederschlag, Erosion und die landwirtschaftliche Nutzung verloren gingen. Dennoch liefert der sehr gut erhaltene Unterbau wichtige Erkenntnisse über Bauweise und Verlauf der Römerstraße. Bei einer Begehung der Ausgrabungsstelle erläuterten René Wollenweber, Archäologe des LAD, und Gerd Stegmaier, Geschäftsführer von Fodilus, die Funde und ihre Bedeutung.
„Wir stehen an einem bedeutenden Kulturdenkmal. Ich stehe gerade mittendrauf: eine römische Straße“, betont René Wollenweber, als er in der Flucht der freigelegten Kalksteinfläche steht und zu den Pressevertretern spricht. Durch Luftbilder, Laserscans und historische Karten sei zwar bereits bekannt gewesen, dass die Alblimes-Straße quer zum geplanten neuen A8-Albaufstieg verlaufen würde, dennoch sei es „besonders bemerkenswert, dass sich der Kreis zwischen archäologischem Befund und schriftlicher Überlieferung schließt“, so der LAD-Archäologe. Die auf der Tabula Peutingeriana, einer kartografischen Darstellung des spätrömischen Reiches, verzeichnete Verbindung zwischen den Kastellen Donnstetten und Urspring lasse sich durch die nun freigelegte Römerstraße nachvollziehen, ergänzt Gerd Stegmaier.

Für den Unterbau der Alblimes-Straße haben die Römer große Kalksteine verwendet, die sie in der Region gesammelt haben.
Markus SontheimerDetails im Straßenkörper geben den Archäologen Einblicke in die Bauweise: Unterschiedliche Verfärbungen der Kalksteine deuten darauf hin, dass die Straße abschnittsweise von verschiedenen Bautrupps errichtet wurde. „Wenn Sie die Augen ein bisschen wandern lassen über diesen weißen Kalkstein, dann sehen Sie: quasi alle zehn Meter ändert sich die Farbe ein wenig“, erklärt Wollenweber bei der Führung. Eine gefundene Bauklammer liefere zudem Hinweise darauf, dass die römischen Bausoldaten bei der Erstellung der Straße mit hölzernen Rahmenkonstruktionen gearbeitet haben.
Sarah Roth, Gebietsreferentin des LAD, bezeichnet die Straße derweil als „die erste Autobahn bei uns im Land“. Die Römer seien dabei nicht viel anders vorgegangen, als man es heute tut: Erst wurde alles vermessen, dann geschaut, dass die Straße so geradlinig wie möglich angelegt wird. Wie passend also, dass die großflächige Freilegung der Alblimes-Straße im Zuge der Vorarbeiten zum Neubau des A8-Albaufstiegs erfolge, so Roth weiter. „Man sieht sowas ab und an mal im Land an anderen Stellen in kleinen Aufschlüssen, kleinen Schnitten. Aber hier die Römerstraße mal auf so einer Länge zu sehen: Das gibt es nicht häufig und ist wirklich eine Besonderheit.“
Auch Siedlungsspuren festgestellt
Parallel zur südwestlich respektive nordöstlich verlaufenden Grenzverbindung wurde von den archäologischen Teams auch ein einseitiger Wassergraben freigeschaufelt. Das zeige, dass schon damals an die Straßenentwässerung gedacht wurde.
In angrenzenden Grabungsflächen stießen die Archäologen zudem auf ältere Siedlungsspuren aus der Bronze-, Eisen- und keltischen Zeit. Brunneneintiefungen, Pfostenstellungen und weitere Befunde deuten darauf hin, dass das Areal bereits Jahrhunderte vor dem Bau der Römerstraße besiedelt war. Sogar Gehöfte mit Einfriedungen (Gräbern) konnten gesichert werden.
„Die Straße liegt auf älteren Strukturen. Wir sind gerade an einer bronze- und eisenzeitlichen Siedlung vorbeigegangen, und diese zieht auch unter die Straße drunter“, sagt Stegmaier und blickt in Richtung der passierten Grabungsflächen, bevor er die Pressevertreter auf den Rückweg beordert – „zurück durch die Zeiten, 1100 Jahre den Hang hinauf“.

Die Grabungsarbeiter schaufeln parallel zur Pressebegehung im Feld neben der freigelegten Alblimes-Straße fleißig weiter. Im Hintergrund ist eine weitere Grabungsfläche zu erkennen.
Markus SontheimerOb sich eventuell eine noch ältere Verkehrsverbindung unterhalb der Alblimes-Straße befindet, werden die nächsten Monate zeigen. Denn noch bis Ende des Jahres sollen die Ausgrabungsarbeiten andauern. Ein großer Dank der Archäologen ging abschließend an die Autobahn GmbH, die als Vorhabenträger großzügig Prospektionen zulasse. Nur so seien diese umfangreichen Untersuchungen möglich. Diese würden, das war Wollenweber wichtig zu betonen, die Bauzeit des A8-Albaufstiegs allerdings keineswegs verzögern. „Wir sind im Vorfeld eingegliedert, erst dann beginnt der Bau. So kann ein archäologisches Projekt für das kulturelle Erbe, aber auch für den infrastrukturellen Ausbauplan wunderbar in Einklang gebracht werden. Das muss sich nicht widersprechen.“
Die Schaufel als Zeitmaschine
Bei den Ausgrabungen an der A8-Baustelle zwischen Hohenstadt und Drackenstein ist körperliche Arbeit unverzichtbar. Der grobe Part werde mit Schaufeln, Baggern und Schippen erledigt, aber auch filigran werde gearbeitet, betont Archäologe René Wollenweber. „Man muss körperlich fit sein, sich richtig bücken und bewegen können, um diese schwere Arbeit machen zu können.“ Und das bei jeder Witterung: „Wir arbeiten nicht nur bei schönem Wetter. Der Winter auf der Alb geht im Oktober bereits los.“
Generell habe die Archäologie ein Nachwuchsproblem, so Wollenweber: „Die Leute wollen alle nur noch im Büro sitzen.“ Die Archäologie könne allerdings als Berufsfeld deutlich mehr bieten, als einige denken. „Man fasst hier Sachen an, die mehrere 100 Jahre niemand berührt hat. Wenn man einer Zeitmaschine am nächsten kommen will, dann mit Ausgrabungen.“
KI könne die Arbeit derweil (noch) nicht übernehmen – ganz im Gegenteil. Einen Befund und dessen Relevanz einzuschätzen, bedürfe laut Wollenweber jahrelanger Expertise: „Wir brauchen den Menschen und seinen Erfahrungsschatz.“


