Tipps bei mentaler Belastung im Studium
: Nicht verdrängen, sondern ansprechen

Katja Eickert, Studienberaterin der DHBW Heilbronn, spricht darüber, wie Studierende mit psychischem Druck umgehen können, wann er droht, zu viel zu werden, und wo es Hilfe gibt.
Von
Alisa Grün
Region
Jetzt in der App anhören
Prüfungsstress, Zuklunftsangst und Co. - psychische Belastungen sind bei Studierenden inzwischen nicht mehr unüblich.

Prüfungsstress, Zukunftsangst und Co. - psychische Belastungen sind bei Studierenden inzwischen nicht mehr unüblich.

Daniel/adobe.stock.com
  • Studienberatung rät: Belastungen nicht verdrängen, sondern frühzeitig ansprechen.
  • Häufige Anliegen sind Lern- und Prüfungsprobleme sowie depressive Verstimmungen und Angst.
  • Warnsignale der Überlastung sind Schlafprobleme, Erschöpfung, Rückzug und Leistungsabfall.
  • Hilfe gibt es über Studienberatung, psychosoziale Stellen am Campus und Evermood.
  • Tipp zum Umgang: Gedanken sammeln, Aufgaben priorisieren und realistische Erwartungen setzen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Frau Eickert, mit welchen Problemen kommen Studierende denn am häufigsten zu Ihnen?

Die Anliegen sind sehr vielfältig. Häufig suchen Studierende Unterstützung bei Lern- und Prüfungsproblemen, etwa wenn sie Schwierigkeiten haben, den Lernstoff zu strukturieren oder mit Prüfungsängsten umzugehen. Daneben spielen psychische Belastungen eine wichtige Rolle. Dazu gehören beispielsweise depressive Verstimmungen, Angstzustände, ADHS, Essstörungen oder persönliche Krisensituationen. In Einzelfällen wenden sich Studierende auch mit suizidalen Gedanken an uns, was selbstverständlich eine besonders sensible und schnelle Unterstützung erfordert. Ein weiterer Themenbereich betrifft studienorganisatorische Fragen, etwa wenn der Verlust des Prüfungsanspruchs droht oder bereits eingetreten ist. Auch Fragen zur weiteren akademischen Laufbahn, beispielsweise rund um ein anschließendes Masterstudium oder alternative Bildungswege, beschäftigen viele Studierende. Oft zeigt sich, dass hinter einem konkreten Anliegen mehrere Faktoren zusammenwirken und eine individuelle Betrachtung notwendig machen.

Würden Sie sagen, der psychische Druck hat sich bei vielen Studierenden verschärft? Wenn ja, woran könnte das liegen?

Für unsere Studierenden an der DHBW Heilbronn lässt sich ein Anstieg psychischer Belastungen nicht eindeutig feststellen. Kolleginnen und Kollegen anderer Hochschularten berichten jedoch häufig von einer Zunahme entsprechender Anfragen. Generell beobachten Forschende seit einigen Jahren, dass junge Menschen verstärkt mit Unsicherheiten umgehen müssen. Dazu zählen wirtschaftliche Entwicklungen, globale Krisen, gesellschaftliche Veränderungen sowie die hohe Informationsdichte durch digitale Medien. Gleichzeitig steigt bei vielen jungen Erwachsenen der Anspruch an sich selbst. Sie möchten akademisch überzeugen, beruflich erfolgreich sein und gleichzeitig persönliche Ziele verwirklichen. Dual Studierende verfügen oft über einen gewissen Stabilitätsfaktor, da sie bereits einen Praxispartner haben und während des Studiums eng in ein Unternehmen eingebunden sind. Dennoch erleben auch sie die Herausforderung, den Anforderungen aus Hochschule und Unternehmen gleichermaßen gerecht werden zu wollen.

Woran merken Studierende denn eigentlich, dass sie im Studium nicht mehr nur „gestresst“, sondern wirklich überlastet sind?

Das ist sehr individuell. Stress gehört in gewissem Maße zum Studium dazu. Problematisch wird es dann, wenn Belastungen über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben und keine ausreichende Erholung mehr möglich ist. Warnsignale können wiederkehrende Schlafprobleme, anhaltende Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten oder ein deutlicher Leistungsabfall sein. Viele Betroffene ziehen sich zudem aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Auch ungewöhnlich starke Stimmungsschwankungen, häufige Gereiztheit oder emotionale Ausbrüche können Hinweise darauf sein, dass die Belastungsgrenze überschritten wurde. Wer feststellt, dass solche Symptome über Wochen bestehen bleiben, sollte Unterstützung in Anspruch nehmen.

„Der wichtigste Schritt ist, das Problem nicht mit sich alleine auszumachen.“
<strong>Katja Eickert</strong>
Studienberaterin DHBW Heilbronn
Katja Eickert ist Studienberaterin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn.

Katja Eickert ist Studienberaterin der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn.

privat

Welche ersten Schritte empfehlen Sie Studierenden, wenn sie merken, dass sie psychisch belastet sind?

Der wichtigste Schritt ist, das Problem nicht mit sich alleine auszumachen. Viele Studierende versuchen zunächst, Belastungen zu verdrängen oder auszusitzen. Das führt jedoch häufig dazu, dass sich die Situation weiter verschärft. Ich empfehle, frühzeitig Kontakt zur Studienberatung aufzunehmen. In einem vertraulichen Gespräch analysieren wir gemeinsam die Situation und überlegen, welche nächsten Schritte sinnvoll sind. Je nach Anliegen können das organisatorische Lösungen, Gespräche mit der Studiengangsleitung oder die Vermittlung an professionelle Beratungs- und Unterstützungsangebote sein.

Wie lassen sich Zukunftsängste, etwa vor dem Berufseinstieg, der Angst vor Nicht-Übernahme nach Abschluss oder vor Fehlentscheidungen im Studium, konkret reduzieren?

Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, dass solche Sorgen völlig normal sind. Fast alle Studierenden beschäftigen sich irgendwann mit Fragen nach ihrer beruflichen Zukunft oder zweifeln an einzelnen Entscheidungen. Hilfreich ist, diese Gedanken nicht zu verdrängen, sondern offen anzusprechen. Das können Gespräche mit Freundinnen und Freunden, Familienangehörigen, Mitstudierenden oder Beratungsstellen sein. Der Vorteil einer Studienberatung liegt dabei in der Vertraulichkeit und der neutralen Perspektive. Außerdem lohnt es sich, die eigenen Erwartungen kritisch zu hinterfragen. Viele Menschen suchen nach dem perfekten Studium oder dem perfekten Beruf. In der Realität gibt es jedoch selten Entscheidungen, die dauerhaft alle Wünsche erfüllen. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass die meisten Entscheidungen später angepasst werden können. Berufswege verlaufen heute deutlich flexibler als noch vor einigen Jahrzehnten. Es ist häufig sinnvoller, eine gut überlegte Entscheidung zu treffen und diese bei Bedarf weiterzuentwickeln, als aus Angst vor Fehlern gar keine Entscheidung zu treffen und den Weg nicht zu starten.

Sie stehen als Studienberaterin mit Rat und Tat zur Seite. Gibt es für Studierende in persönlichen oder psychischen Krisen aber auch noch weitere Anlaufstellen?

Ja, selbstverständlich. Die Studienberatung ist nur eine von mehreren Unterstützungsangeboten. Auf unserer Homepage finden Studierende eine Übersicht verschiedener Hilfsangebote. Dazu gehört beispielsweise die psychosoziale Beratungsstelle direkt am Campus in Heilbronn, die persönliche und streng vertrauliche Gespräche anbietet. Darüber hinaus können Studierende die psychosoziale Beratungsstelle des Studierendenwerks Heidelberg nutzen. Ergänzend steht die Plattform Evermood zur Verfügung. Dort können kurzfristig Beratungstermine mit Psychologinnen und Psychologen vereinbart werden. Zusätzlich gibt es zahlreiche Seminare, Webinare und Informationsangebote zu Themen wie Stressmanagement, Resilienz oder mentaler Gesundheit.

Wie offen sollten Studierende denn generell über ihre mentalen Belastungen sprechen – und mit wem am besten zuerst?

Grundsätzlich halte ich es für wichtig, über psychische Belastungen zu sprechen. Gleichzeitig sollte jede Person selbst entscheiden, wem sie welche Informationen anvertraut. Leider bestehen insbesondere im beruflichen Umfeld teilweise noch Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen. Deshalb ist es sinnvoll, zunächst mit Menschen zu sprechen, denen man vertraut oder die einer besonderen Verschwiegenheitspflicht unterliegen. Dazu zählen beispielsweise Studienberaterinnen und Studienberater, Ärztinnen und Ärzte, Psychologinnen und Psychologen oder auch vertrauenswürdige Familienmitglieder und Freundinnen beziehungsweise Freunde.

Zum Abschluss: Welchen einen Rat würden Sie Studierenden geben, die gerade das Gefühl haben, alles wird zu viel?

Einen universellen Ratschlag gibt es zwar nicht, aber eine Methode erlebe ich in der Praxis immer wieder als hilfreich: Schreiben Sie zunächst alles auf, was Ihnen gerade durch den Kopf geht und erledigt werden muss. Viele Studierende berichten, dass allein dieser Schritt bereits entlastend wirkt, weil das Gedankenchaos sichtbar und greifbar wird. Anschließend empfiehlt sich eine Priorisierung in A-, B- und C‑Aufgaben. Die wichtigsten Aufgaben sollten bewusst begrenzt werden – idealerweise ein bis drei zentrale Aufgaben pro Tag. Beginnen Sie mit diesen Aufgaben, auch wenn sie unangenehm erscheinen. Oft handelt es sich genau um die Dinge, die man besonders lange vor sich herschiebt. Aufgaben mit geringerer Priorität können terminiert und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Und manche Punkte dürfen auch bewusst gestrichen werden. Nicht alles, was uns beschäftigt, muss tatsächlich erledigt werden. Sich von unnötigen Verpflichtungen zu trennen, schafft häufig mehr Entlastung als zusätzliche Produktivität. Mein wichtigster Rat lautet deshalb: Sie müssen nicht alles gleichzeitig schaffen. Struktur, realistische Erwartungen und rechtzeitige Unterstützung sind oft die wirksamsten Schritte, wenn die Belastung zu groß wird.

Alles Infos zum Magazin Next Step

Zweimal jährlich – einmal im März und nochmal im Juli – veröffentlicht die SÜDWEST PRESSE Hohenlohe das Magazin Next Step, das sich an junge Menschen richtet, die auf der Suche nach ihrem beruflichen Werdegang sind. Darin enthalten sind Berufsporträts von Azubis und Studierenden aus der Region, Geschichten von Machern und viel Wissen zu Bewerbung und Co. Jede Ausgabe ziert zudem eine oder mehrere prominente Persönlichkeiten die Titelseite und steht im großen Next Step-Interview Rede und Antwort.

Hier entlang zur Online-Ausgabe von Next Step.