Wenn das Dorf dich nicht will
: Eine Zugezogene berichtet: „Ich hab alles getan, um da reinzukommen“

Neu Zugezogene stoßen in Dorfgemeinschaften nicht immer auf offene Arme. Eine Mutter aus der Region Ehingen berichtet von ihren Bemühungen um Anschluss – und dem Moment, an dem sie resignierte.
Von
Julia-Maria Bammes
Ehingen
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Landleben

Allein auf weiter Flur: Das Leben auf dem Land muss nicht immer einfach sein.

Julia-Maria Bammes
  • Susanne Hofmann zieht vor 20 Jahren ins Dorf in der Region Ehingen, findet nur schwer Anschluss.
  • Sie engagiert sich intensiv, wird jedoch nicht in die Dorfgemeinschaft aufgenommen.
  • Ältere Generation ist fürsorglich, jüngere eher distanziert.
  • Studie: Leben auf dem Land kann aufgrund sozialer Kontrolle schwierig sein.
  • Hofmann hat nun einen kleinen Kreis von Menschen gefunden, fühlt sich aber immer noch oft ausgeschlossen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Landleben: Das ist Natur, Ruhe, Gemeinschaft. Heißt es. Das Leben auf dem Land kann aber auch einsam sein. Wie fühlt es sich an, wenn man nie ankommt? Wenn man außen steht? Eine Frau, die in einem kleinen Dorf in der Region Ehingen lebt, erzählt davon. Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, deshalb soll sie hier Susanne Hofmann heißen.

Rund zwei Jahrzehnte ist es her, dass Susanne Hofmann, ihr Mann und ihr damals kleines Kind wegen eines neuen Jobs des Mannes in das Dorf in der Region ziehen. Susanne Hofmann kennt das Landleben, sie ist kein Stadtkind. Sie ist „absolut ländlich“ in einer anderen Region Deutschlands aufgewachsen, mit mehreren Geschwistern. „Ich hab alles getan, um da reinzukommen“, sagt sie rückblickend über die Dorfgemeinschaft. Sie hat sich angepasst, sie hat sich engagiert. Sie war aufmerksam und freundlich. Sie ging zu den Festen im Dorf. Wurde Mitglied des Sportvereins. Sie gratulierte zu Geburtstagen.

Die Älteren sind fürsorglich und bemüht

Auch wegen ihres Kindes knüpft Susanne Hofmann Kontakt zu anderen Familien aus dem Ort. Sie lädt die Freunde ihres Kindes und deren Eltern zu sich nachhause ein. Zunächst scheint es zu funktionieren, doch nach ein paar Jahren merkt Susanne Hofmann, dass sie nicht dort ankommt, wo sie eigentlich hin möchte. Einige Frauen, mit denen sie sich enger verbunden wähnte, gratulierten ihr nicht mehr zum Geburtstag. „Freundschaften verschieben sich“, habe eine der Frauen ihr gesagt, als sie sie darauf ansprach. Irgendwann kommt die Erkenntnis: So kommt sie nicht weiter.

Gute Erfahrungen macht Susanne Hofmann mit der älteren Generation: Die älteren Leute seien oft sehr fürsorglich gewesen, bemüht. Die jüngere Generation dagegen sei sehr darauf bedacht, dass ihr keiner etwas wegnehmen könne, ist Hofmanns Einschätzung.

Studie: Leben auf dem Land ist kein Ponyhof

Die Schwierigkeiten, mit denen Zugezogene mitunter zu kämpfen haben, sind nicht aus der Luft gegriffen. So beschreibt die Analyse „Neu im Dorf – Wie der Zuzug das Leben auf dem Land verändert“ des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot-Stiftung, die im Jahr 2023 erschienen ist, welche Probleme es geben kann: Wer aufs Land komme, habe unterschiedliche Erwartungen. Einige stammten selbst aus einem Dorf oder kehrten in den Heimatort zurück, andere hofften auf ein ländliches Idyll. Allerdings sei auch das Leben auf dem Land „kein sprichwörtlicher Ponyhof“, heißt es.

Verkehr, Industrie und Emissionen könnten in anderer Form auftreten „und die dörfliche Gemeinschaft durchaus ein Maß an sozialer Kontrolle ausüben, die so manche Neuankömmlinge abschreckt“. Es brauche Offenheit und Interesse aneinander, sowohl von Neuzugezogenen als auch von Alteingesessenen, um die Bedürfnisse und Erwartungen des Gegenübers zu verstehen und tatsächlich gut miteinander leben zu können.

Susanne Hofmann hat, so erzählt sie es, schließlich ihre Einstellung geändert. „Man möchte irgendwann akzeptiert werden.“ Mittlerweile hat sie einen Kreis von Menschen gefunden, bei denen sie sich aufgehoben fühlt: Seien es die Nachbarn, die ebenfalls zugezogen sind, oder auch die Schwiegereltern in spe ihres nun erwachsenen Kindes und deren Familien. Doch nach wie vor gibt es in ihrem kleinen Ort diese Begebenheiten, die sie wütend machen: Manche grüßten ganz bewusst nicht. Manche schauten weg. Andere begegneten ihr manchmal sogar mit Häme. Woran es liegt, dass sie so lange nicht richtig ankommen konnte, kann sie sich nicht erklären, sagt Susanne Hofmann. Sie erzählt mit fester Stimme, schildert ihre Erfahrungen, ohne anzuklagen. Abrechnen wolle sie nicht, sagt sie. Doch mittlerweile habe sie immer wieder andere Menschen getroffen, denen es ähnlich ergangen ist oder immer noch so ergeht. Die Jahre haben Spuren hinterlassen. Aber für sich selbst habe sie schließlich einen guten Weg gefunden.

Miteinander ist „kein Einbahnverkehr“

Wie kann das Miteinander in einem kleinen Ort gelingen? Es müssten sich beide Seiten – also Alteingesessene und Zugezogene – gleichermaßen einbringen, ist etwa Jutta Uhls Erfahrung. Sie ist seit vielen Jahren Ortsvorsteherin im Ehinger Teilort Frankenhofen. Das Dorf hat 300 Einwohnerinnen und Einwohner, und auch dort kommt es immer mal wieder vor, dass Leute zuziehen. „Es liegt immer an allen“, sagt Jutta Uhl darüber, wie ein Miteinander funktionieren kann. Zugezogene sollten, wenn sie Kontakt wollen, auf die anderen zugehen. Das Miteinander sei aber „kein Einbahnverkehr“. Manchmal gebe es jedoch auch Leute, die einfach nur ihre Ruhe haben wollten. „Es ist immer die Frage, inwieweit will man sich selber öffnen.“

Das Dorf ist mittlerweile gefragter als die Stadt: Die Menschen zieht es wieder in ländliche Räume, heißt es in der 2023 veröffentlichten Analyse „Neu im Dorf“ des Berlin-Instituts und der Wüstenrot-Stiftung. Für die Studie war unter anderem die Gemeinde Allmendingen ausgewählt worden. Noch vor gut zehn Jahren zogen Menschen vor allem in Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern. Aus Landgemeinden und Kleinstädten zogen mehr Menschen fort als hin. Mittlerweile zählten auch viele Dörfer und Kleinstädte zu den Wanderungsgewinnern. Für ländliche Kommunen eröffnet der Zuzug Chancen: Neue Menschen bringen zusätzlichen Schwung, Impulse und Ideen. Der Bevölkerungsrückgang und die Alterung könnten zumindest verlangsamt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst am 2. Januar 2025.