„Das hat ihm das Leben gerettet“: Zwei „Helfer vor Ort“ über Einsätze, bei denen sie den Unterschied machten

Julia und Robert Demmelmaier bei der Hauptübung der Winkelfeuerwehren. Beide rücken seit Jahren ehrenamtlich als „Helfer vor Ort“ aus.
Amrei Oellermann- Innenministerium BW will HvO nur noch für Notfallkategorie 1 alarmieren.
- Robert und Julia Demmelmaier widersprechen: Gefahr für Patienten im ländlichen Raum.
- Beispiele: gestoppte starke Blutung mit Tourniquet und Begleitung einer Geburt.
- Viele Unfälle und Stürze fielen weg – zeitkritische Versorgung wäre gefährdet.
- Oberstadioner HvO hatte 141 Alarme, nach Neuregelung bliebe wohl nur ein Fünftel.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Das Einsatzstichwort konnte alles bedeuten: „Trauma Extremität“ stand auf den Funkmeldern der „Helfer vor Ort“ (HvO) des DRK-Ortsvereins Oberstadion. Robert Demmelmaier machte sich sofort auf den Weg – und fand einen Mann mit einer stark blutenden, offenen Fraktur am Bein vor. Der 34-jährige Rettungshelfer verlor keine Zeit. Er legte dem Verletzten ein sogenanntes Tourniquet an. Dieses medizinische Abbindesystem, das ursprünglich aus der Wehrmedizin kommt, bringt selbst stärkste Blutungen zum Versiegen. „Das hat ihm das Leben gerettet“, ist Roberts Frau Julia überzeugt. Als Leitende Notärztin im Landkreis Biberach weiß sie, wovon sie spricht. Als der Notarzt aus Ulm bei Demmelmaier und seinem Patienten eintraf, war die größte Gefahr für den Mann bereits gebannt.
In einem anderen Fall rückten Robert und Julia Demmelmaier vor wenigen Jahren als „Helfer vor Ort“ zu einer beginnenden Geburt aus. Der werdende Vater hatte den Notruf gewählt, doch das Kind dachte nicht daran, sich bis zur Klinik zu gedulden: Weil ein Warten auf einen nachalarmierten Notarzt nicht infrage kam, begleitete Dr. Julia Demmelmaier den Transport ins Krankenhaus. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte: Die werdende Mutter kam gerade noch rechtzeitig im Kreißsaal an.
Immer wieder lebensbedrohliche Verletzungen
Geht es nach dem Innenministerium Baden-Württemberg, könnten Helfer-vor-Ort-Einsätze wie diese in Zukunft der Vergangenheit angehören. In einem Schreiben fordert es die Leitstellen im Land dazu auf, „HvO-Gruppen grundsätzlich nur noch bei speziellen Einsätzen der Notfallkategorie 1 zu alarmieren“. Die Liste der zukünftig relevanten Einsatzstichworte umfasst unter anderem Atemnot, Kreislaufstillstand, Bewusstlosigkeit und neurologische Notfälle –gestrichen sind hingehen pauschal alle Verkehrs- und Betriebsunfälle sowie unter anderem Geburten, gynäkologische Notfälle, Schnitt- und Stichverletzungen, Stürze sowie Vergiftungen.
Für Robert und Julia Demmelmaier ist das ein Unding. In einem Leserbrief an die SÜDWEST PRESSE haben sie ihre Sicht der Dinge dargestellt. Sie nennen eine ganze Reihe von Gründen, die gegen eine Veränderung des Status Quo sprechen. Zuallererst geht es beiden um das Patientenwohl: „Gerade bei Verkehrs- und Arbeitsunfällen, bei denen das Ministerium zukünftig keinen Einsatz der HvO-Gruppe mehr vorsieht, waren wir in der Vergangenheit öfter mit lebensbedrohlichen Verletzungen konfrontiert, deren Versorgung absolut zeitkritisch ist“, schreiben sie. Da die Leitstelle bei ihrer Einschätzung auf das angewiesen ist, was der Notrufer ihr berichtet, sei das bei der Alarmierung nicht immer offensichtlich. „Durch unser schnelles Eintreffen konnten wir schon mehrfach eine entscheidende Verbesserung der Notfallversorgung gewährleisten.“ So wie im eingangs geschilderten Fall mit dem Beinbruch.
Gerade in der Peripherie der Rettungsdienstbereiche, in denen nächste Rettungswache weit und der Weg zum Patienten lang ist, seien „Helfer vor Ort“ oft viele Minuten vor Rettungsdienst und Notarzt beim Patienten –erst recht, „wenn zur langen Fahrstrecke noch widrige Wetterbedingungen, geschlossene Bahnschranken oder eine hohe Auslastung des Rettungsdienstes hinzukommen“.
Routine der Helfer wächst in den Einsätzen
„Ohne Not im ländlichen Raum auf die Mitalarmierung der HvO-Gruppe zu verzichten, kann die Versorgungsqualität unnötig verschlechtern“, sind Robert und Julia Demmelmaier überzeugt. Während in großen Städten teilweise High-Tech-Medizin und hochqualifiziertes Personal zum Einsatzort gebracht werden, würde mit der HvO-Neuregelung ein elementarer Bestandteil der notfallmedizinischen Basisversorgung im ländlichen Raum gestrichen. „Dadurch wird die ohnehin schon bestehende Ungleichheit in der Versorgungsqualität weiter verstärkt.“ Im schlimmsten Fall, so betonen die beiden, könnten Menschen dadurch unnötige gesundheitliche Schäden erleiden.
Im vergangenen Jahr wurde die Oberstadioner „Helfer-vor-Ort“-Gruppe 141 Mal alarmiert. „Würde man alle Fälle streichen, bei denen wir nach der Neuregelung nicht mehr dabei wären, bliebe vielleicht ein Fünftel der Einsätze übrig“, sagt Robert Demmelmaier. Und das wäre nicht nur für die Patienten ein Problem, sagt er: „Land und Bund setzen beim Zivil- und Katastrophenschutz in großen Teilen auf ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.“ Viele von ihnen engagierten sich auch in HvO-Gruppen. Die nötige Routine in der Patientenversorgung, in den Abläufen des Rettungsdienstes und in der Zusammenarbeit mit den hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen entstehe aber nicht durch wenige Katastrophenschutzübungen im Jahr. „Sie wächst in unseren Einsätzen.“
Aufwändige Ausbildung, regelmäßige Fortbildung
12 Helfer vor Ort stehen dem DRK-Ortsverein Oberstadion zur Verfügung. Fast alle von ihnen sind höher qualifiziert, als es das Land vorschreibt – neben Notärztin Dr. Julia Demmelmaier rücken zwei Rettungsassistenten, zwei Rettungssanitäter, fünf Rettungshelfer und zwei Sanitätshelfer aus. Der Sanitätshelfer ist die Mindestvoraussetzung für den Dienst, seine Ausbildung umfasst 64 Stunden. Ein Rettungshelfer muss 240 Stunden Ausbildung nachweisen, wovon 80 Stunden Praktikum auf einer Lehrrettungswache sind. „Wer macht das, wenn er danach kaum mehr zum Einsatz kommt?“, fragt Robert Demmelmaier. Zur einmaligen Ausbildung kommen regelmäßige Weiterbildungen; allein in diesem Jahr plant das DRK Oberstadion für seine „Helfer vor Ort“ 17 Dienstabende zu verschiedenen Themen.
„Es ist schön, dass das Innenministerium die Belastung der ehrenamtlichen Helfer im Blick hat“, finden Robert und Julia Demmelmaier. Wie unzählige andere „Helfer vor Ort“, die sich seit dem Bekanntwerden des Schreibens aus Stuttgart geäußert haben, sehen sie aber keine Überlastung: „Wir wollen helfen.“
Ministerium kündigt erneute Abstimmung mit DRK an
Die Welle des Protests seit Bekanntwerden der Änderungen scheint Wirkung zu zeigen: Wie das Innenministerium Baden-Württemberg gegenüber dem SWR ankündigte, soll es eine erneute Abstimmung mit dem DRK geben. Der Katalog mit künftigen Einsatzstichworten solle Leitstellen und „Helfern vor Ort“ demnach lediglich eine Orientierung für die Notfall-Alarmierung geben –in Stein gemeißelt sei nichts.
In dem Schreiben an alle Integrierten Leitstellen im Land, das am 24. März aus Stuttgart versendet wurde, klang das noch anders: Damals erging die Aufforderung, „den Einsatzstichwortkatalog HvO in den Integrierten Leitstellen verbindlich umzusetzen“.


Das Innenministerium Baden-Württemberg will, dass ehrenamtliche „Helfer vor Ort“ seltener alarmiert werden. Das bringt Nachteile für Betroffene, aber auch für den Rettungsdienst.