Auf der einen Seite fahren Autos, Busse und jede Menge Lkw, auf der anderen Seite arbeiten etwa 15 Menschen. Sie bohren, fertigen massive Stahlkonstruktionen und verarbeiten Beton. Dazwischen fährt etwa alle 25 Minuten ein Zug durch die Szenerie – direkt an der großen Baustelle vorbei. Der Arbeitsplatz von Beton- und Stahlbauer ist beeindruckend. An einem kalten, aber sonnigen Apriltag darf ich mir selbst ein Bild von den Tätigkeiten auf einer Baustelle von Leonhard Weiss machen – und komme aus dem Staunen oft gar nicht mehr heraus.

Mein Arbeitsplatz liegt an der A 6 zwischen Schnelldorf und Feuchtwangen. Das Bauunternehmen aus Satteldorf wurde mit dem sechsspurigen Ausbau der Autobahn beauftragt. Dafür muss jedoch auch eine dazugehörige Brücke, die über Bahngleise und eine Landstraße führt, komplett erneuert werden. Ein schwieriges Unterfangen, das viel Planung und kompetentes Personal erfordert, wie Frank Lindner, Polier und Weisungsbeauftragter auf der Baustelle, mir zu Beginn erklärt. Bevor ich jedoch selbst Hand anlegen darf, werde ich zuerst richtig ausgestattet, denn ohne Bauhelm, Sicherheitsschuhe und -weste in auffallendem Orange darf niemand die Baustelle betreten.
Und dann geht es auch schon los: Gemeinsam mit Florian Tudor, Auszubildender im zweiten Lehrjahr, stehe ich vor einer großen, rund sechs Meter hohen Konstruktion, an der Stahlteile, sogenannte Schalungen angebracht sind. „Das ist die Hauptaufgabe eines jeden Beton- und Stahlbauers“, erklärt er mir. Die Schalungen sind Negativformen, in die später Beton gegossen wird. Ich darf eine Schalung verschrauben. Die ganze Konstruktion muss sehr stabil sein, schließlich muss sie später, wenn der Beton gegossen wird, großem Druck standhalten. Deshalb sei es auch sehr wichtig, dass alles im Lot ist, ergänzt Frank Lindner. Regelmäßiges Messen mit der Wasserwaage sei deshalb unerlässlich.

Sicherer Weg entlang der Autobahn

Auf den Gerüsten, die vor der Konstruktion angebracht sind, laufen immer wieder Arbeiter entlang. „Ganz schön hoch“, sage ich zu Florian. Er grinst: „Ja, aber das darf einem Beton- und Stahlbauer nichts ausmachen. Das Arbeiten in luftigen Höhen gehört dazu.“
Anschließend zeigt mir Polier René Rabe, wie die Arbeiter eine Schalung herstellen. „Für spezielle Formen müssen wir extra Schablonen anfertigen. Diese bestehen aus Holz und werden von uns selbst konstruiert und vernagelt“, erklärt er mir. Auch ich darf mich wieder daran versuchen. Ein zerschnittenes Rohr, an das zwei Holzhebel befestigt werden, dient später als Negativform. „Wenn der Beton gegossen wird, bleibt durch diese Form eine Mulde zurück – genau so, wie wir es haben wollen“, sagt René.
Auch die Materialbeschaffung zählt zu den Aufgaben eines Beton- und Stahlbauers. Schwere Stahlteile und Zubehör werden mit dem Radlader transportiert. Den darf der 20-jährige Florian schon selbst steuern, einen speziellen Führerschein bedarf es dafür nicht. Leichtere Materialien, wie Holz, das für die Negativformen benötigt wird, werden von Hand getragen. Damit die Arbeiter sicher von A nach B kommen, wurde extra für die Bauarbeiten der Standstreifen der Autobahn gesperrt, die oberhalb der großen neuen Stahlkonstruktion verläuft.
Von hier oben bekomme ich einen ersten Überblick über die Ausmaße der Baustelle. Rechts und links der bereits bestehenden Brücke befinden sich die Widerlager, auf denen die neue Brücke später aufliegen wird. Während sich die linke Konstruktion – dort wo wir Schalungen verschraubt haben – noch im Bau befindet, wurde das rechte Widerlager schon in Beton gegossen und ist bereits so gut wie fertig. „In etwa zweieinhalb Wochen wollen wir auch die linke Seite finalisieren“, sagt Frank. Die Brücke wird später als fertiges Teil angeliefert und auf die beiden Widerlager aufgesetzt. „Das reicht aber nicht, um die großen Lasten zu tragen, schließlich fahren hier täglich tausende Fahrzeuge drüber. Wir brauchen Pfeiler, die zusätzlichen Halt geben“, so der Polier. Diese werden tief in die Erde gebohrt, um die enormen Lasten in den Boden abzuleiten. Sobald alles fertiggestellt ist und die neue Brücke verankert wurde, wird der Verkehr auf diese umgeleitet und der sechsspurige Ausbau der Autobahn beginnt – das wird aber erst im Jahr 2024 der Fall sein.
Während wir auf der Brücke stehen und Frank die verschiedenen Arbeiten erklärt, ertönt auf einmal ein penetrantes, akustisches Signal. Zusätzlich blinken Warnleuchten entlang der Bahnschienen auf. „Jetzt kommt ein Zug“, erklärt René Rabe. Die Hupe und die Lichter warnen die Bauarbeiter, die nahe der Gleise arbeiten. „Eine Baustelle in diesem Ausmaß, die so nahe an Gefahrenquellen wie Bahnschienen oder der Autobahn liegt, birgt Risiken für Unfälle. Sicherheit steht hier an erster Stelle“, verdeutlicht Weisungsbeauftragter Frank Lindner.
Zurück im Büro des Poliers in den Baucontainern zeigt Frank mir die Pläne für das große Bauvorhaben. Hier ist genau aufgezeichnet, welche Maße die Widerlager besitzen und wo die Baukräne platziert werden. Es gehört auch zum Job eines Beton- und Stahlbauers diese Pläne zu lesen und zu verstehen, schließlich muss er sie später in die Realität umsetzen. „Der Job ist wahnsinnig vielseitig und komplex“, sagt Frank und ergänzt: „Der Beruf ist einfach ehrlich. Ehrliches Handwerk. Man baut etwas, das für Jahrzehnte geschaffen ist. Und wenn man mit dem Auto dann mal über die Autobahn oder eine Brücke fährt, kann man sagen: Das hier, das habe ich gebaut.“
Azubi Florian stimmt ihm zu: „Es ist sehr abwechslungsreich. Und gerade in der Ausbildung ist man auf vielen verschiedenen Baustellen unterwegs und bekommt viele Einblicke.“ Sein Vater arbeitet ebenfalls bei Leonhard Weiss, da lag es für ihn nahe, sich auch dort zu bewerben.

Bei Wind und Wetter unterwegs

Polier René Rabe hebt zudem die Wichtigkeit des Berufes hervor: „Wenns uns nicht gäbe, dann gäbe es keine Autobahnen, keine Industriehallen, nichts. Beton- und Stahlbauer werden immer gebraucht. Doch leider gibt es viel zu wenig Auszubildende für diesen schönen Beruf.“ Frank Lindner fasst die Vorteile zusammen: „Man ist immer an der frischen Luft, es wird nie langweilig und man kann einiges lernen, was man auch im Privatleben gebrauchen kann. Das Teamgefüge ist toll, jeder kann sich auf jeden verlassen. Und natürlich kann man auch die Karriereleiter hochsteigen.“ So sei es auch für einen Facharbeiter mit einigen Weiterbildungen möglich, in die Bauleiterposition zu wechseln. Wer sich durchkämpft und Wille zeige, dem stehe jede Tür offen, resümiert er.
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Die Ausbildung im Überblick

Die Ausbildung zum Beton- und Stahlbetonbauer dauert drei Jahre und besteht aus drei Bereichen: der Berufsschule, der Ausbildung im Betrieb beziehungsweise auf den Baustellen und einer überbetrieblichen Ausbildung. Letzteres findet in Aalen statt. Dort lernen die Azubis Tätigkeiten, die im Betrieb nicht gelehrt werden können, wie beispielsweise Mauern, und können außerhalb der Baustelle ihr praktisches Können verbessern.
Das solltest du mitbringen:
- Technisches Interesse und Geschick
- Gutes Augenmaß
- Hauptschulabschluss
Leonhard Weiss bildet insgesamt 21 verschiedene Berufe an 17 Standorten aus. Auf die Azubis wartet eine gemeinsame Einführungswoche, verschiedene Ausflüge, eigene Azubi-Baustellen sowie interne Schulungen und Lehrgänge im neuen, hauseigenen Ausbildungszentrum.