Recherche zu Rechtsextremismus
: Kritischer Journalismus aus Hohenlohe wird in Berlin gewürdigt

Jens Sitarek, Harald Zigan und Timo Büchner haben mit ihrer Ludendorffer-Berichterstattung im Hohenloher Tagblatt bundesweit Aufsehen erregt. Jetzt gab es dafür den renommierten Otto-Brenner-Preis.
Von
Sebastian Unbehauen
Crailsheim/Berlin
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Die Gewinner des Otto-Brenner-Preises 2024: Jens Sitarek (Achter von rechts), Harald Zigan (Neunter von rechts) stehen neben Reporterlegende Günter Wallraff.

Die Gewinner des Otto-Brenner-Preises 2024: Jens Sitarek (Achter von rechts), Harald Zigan (Neunter von rechts) stehen neben Reporterlegende Günter Wallraff.

Christian von Polentz/transitfoto.de
  • Jens Sitarek, Harald Zigan und Timo Büchner vom "Hohenloher Tagblatt" erhielten den Otto-Brenner-Preis.
  • Ihre Berichte über rechtsextreme Aktivitäten in Herboldshausen wurden ausgezeichnet.
  • Günter Wallraff erhielt den Preis fürs Lebenswerk, Christian Schweppe für Berichte zum Afghanistan-Abzug.
  • Der Preis würdigt Journalismus, der Demokratie fördert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Christian Schweppe hat akribisch, kritisch und gegen alle Widerstände zum verheerenden Desaster des Bundeswehr-Abzugs aus Afghanistan recherchiert. Ortskräfte, die die deutschen Truppen unterstützt und sich auf Deutschland verlassen hatten, wurden schändlich im Stich gelassen. Sein mehrseitiges Dossier erschien unter dem Titel „Wahnsinn. Eine Riesenscheiße“ in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Schweppe ist für das herausragende Stück am Dienstag in Berlin mit dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet worden.

Der zweite Preis ging an ein Investigativteam des Magazins „stern“ und von RTL um Christian Esser, Manka Heise und Tina Kaiser, das sich hartnäckig mit den Arbeitsbedingungen und verschleierten Vorfällen in der Tesla-Gigafactory in Brandenburg auseinandergesetzt hat.

Der legendäre Investigativreporter Günter Wallraff – berühmt für seine Undercover-Recherchen, etwa als Reporter bei der „Bild“-Zeitung oder als Türke Ali im Deutschland der 1980er-Jahre – bekam den Preis fürs Lebenswerk.

Dieses Umfeld macht deutlich, welch großer Wurf es ist, dass auch das „Hohenloher Tagblatt“, eine Lokalausgabe der „Südwest Presse“, zu den Geehrten gehörte: HT-Redakteur Jens Sitarek, der langjährige HT-Redakteur Harald Zigan und unser Mitarbeiter Timo Büchner wurden für ihre Recherchen zu den rechtsextremen Umtrieben rund ums „Jugendheim Hohenlohe“ in Herboldshausen mit dem dritten Hauptpreis ausgezeichnet. Für Zigan kam das ebenfalls einer Würdigung des Lebenswerks gleich, beschäftigt er sich doch seit Jahrzehnten mit dem völkischen, rassistischen und antisemitischen „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)“. Dem Verein gehört das „Jugendheim“, ein altes Bauernhaus in dem Kirchberger Ortsteil.

Die Jury, der unter anderem die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, die Leiterin der Deutschen Journalistenschule in München Henriette Löwisch und der langjährige Ressortchef Innenpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“ Heribert Prantl angehörten, sieht in der Berichterstattung Sitareks, Zigans und Büchners einen „effektiven und exemplarischen Lokaljournalismus“.

Dass ein solcher nicht selbstverständlich ist, machte bei der Preisverleihung in Berlin Festredner Georg Mascolo deutlich. Mascolo war einst Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ und Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“. Er verwies auf das sogenannte Wüstenradar, eine Studie, die in der kommenden Woche vorgestellt wird und sich mit regionalen Nachrichtenwüsten in Deutschland beschäftigt. „Es wird nichts zu feiern geben, das wird ein Moment des Erschreckens werden“, prophezeite Mascolo. Lokalzeitungen stehen unter Druck, Auflagen sinken, die Kosten für die Zustellung steigen – und die Politik hat bisher keine Konzepte, wie dem Problem begegnet werden könnte. Dabei sterbe Demokratie in der Dunkelheit, zitierte der Festredner den Leitspruch der „Washington Post“. Auch bei uns sei „in vielen Regionen das Licht schon aus“.

Verleihung Otto-Brenner-Preis 2024 in Berlin: die Preisträger Jens Sitarek (links) und Harald Zigan (Mitte) im Gespräch mit dem Journalisten Christoph Lütgert.

Die Preisträger Jens Sitarek (links) und Harald Zigan (Mitte) im Gespräch mit dem Journalisten Christoph Lütgert.

Christian von Polentz/transitfoto.de

Umso froher war Laudatorin Henriette Löwisch, dass sie einen der wichtigsten Preise für kritischen Journalismus in Deutschland an das Team einer Lokalzeitung verleihen durfte. „Wir vergessen manchmal, dass im Lokaljournalismus auch noch unfassbar gute Arbeit geleistet wird“, sagte sie, ehe sie kurz die Hintergründe zu den Ludendorffern und ihrer Präsenz in Herboldshausen skizzierte. Der Weiler sei so klein, betonte Löwisch, „dass er noch nicht mal einen Wikipedia-Eintrag hat“, und „nicht ganz so klein, aber doch sehr klein ist das ,Hohenloher Tagblatt'“.

„Diese kleine Zeitung schafft es“, so Löwisch, „die Umtriebe in ihrer Nachbarschaft seit Jahren sehr intensiv und journalistisch mit höchster Qualität zu begleiten.“ Sitarek, Zigan und Büchner verbänden Beobachtungen von vor Ort mit Hintergrundwissen, im Ton immer sachlich, Kommentar und Bericht würden sauber getrennt. Das „Hohenloher Tagblatt“ schaffe damit „die Grundlage für die Zivilgesellschaft, aktiv zu werden“ – Löwisch verwies so auf das Kirchberger Bündnis, das sich als Reaktion auf die Berichterstattung gegründet hat. Allein das sei „ein perfektes Beispiel für Journalismus, der etwas bewirkt, ohne zu agitieren. Einfach nur, indem er seine Arbeit macht, und zwar beharrlich und gut.“ Auch der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg hat die Ludendorffer erst auf die HT-Artikel hin in seinen Bericht aufgenommen.

Christoph Lütgert, ehemaliger Chefreporter des Norddeutschen Rundfunks, befragte Zigan und Sitarek auf der Bühne. Büchner, der sich intensiv mit vielen weiteren Schattierungen des Rechtsextremismus beschäftigt, verzichtete auf einen Auftritt, weil er mit Drohungen aus der Szene konfrontiert ist. Harald Zigan zitierte dazu seine Oma: „Bub, wer sich einsetzt, setzt sich aus.“  Sitarek berichtete indes von einer „überwältigenden Resonanz“ und viel positivem Feedback seit dem Bekanntwerden der Auszeichnung. Es sind dies die zwei Seiten der Medaille, wenn Journalismus den Finger in gesellschaftliche Wunden legt – und sich damit für den Otto-Brenner-Preis qualifiziert. Dieser sei „kein Schönwetterpreis, der Trallala-Journalismus auszeichnet“, hatte die Journalistin, Moderatorin und frühere Preisträgerin Sonia Seymour Mikich in einem Einspieler zu Beginn des Abends betont. Und Tina Groll, Moderatorin der Preisverleihung, präzisierte: „Es wird der Einsatz für Demokratie gewürdigt.“

Der Einsatz Jens Sitareks, Harald Zigans und Timo Büchners war bisher aller Ehren wert. Und, so versprach Sitarek von der Bühne herab: „Wir machen weiter.“

Otto Brenner, die Stiftung und der Preis

Die Otto-Brenner-Stiftung, die den Otto-Brenner-Preis verleiht, ist die Wissenschaftsstiftung der IG Metall mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie wurde 1972 gegründet, im Todesjahr des damaligen 1. Vorsitzenden der IG Metall, Otto Brenner – eines überzeugten Gewerkschafters und entschiedenen Gegners der Nationalsozialisten. Von ihm ist folgender Satz überliefert: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.“

In diesem Sinne wird seit 2005 der Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus verliehen. 2024 gab es die Auszeichnung also zum 20. Mal. Rund 10.000 Bewerbungen haben die Jurys in dieser Zeit gesichtet. Mit etwa 900.000 Euro wurden investigative Journalisten in den zwei Jahrzehnten von der Stiftung gefördert.