R. Stahl AG: Es brennt: Personalchef gefeuert, Betriebsrat gespalten

Auf Kampf eingestimmt: Ex-Personalchef Holger Angrick zieht gegen R. Stahl vor Gericht.
R. Stahl- R. Stahl entlässt Personalchef Holger Angrick, der nun vor Gericht gegen die Kündigung klagt.
- Der Betriebsrat widersprach der betriebsbedingten Kündigung mit acht zu fünf Stimmen.
- Streitpunkt laut Betriebsrat: Die Funktion werde weiter benötigt, Aufgaben übernahm Martin Wilkens.
- Im Unternehmen spaltet der Fall – IG Metall steigert Mitgliedsquote seit dem Tarifaustritt stark.
- Angrick sieht ein Machtspiel und bietet Rückkehr an, eine gütliche Einigung schließt er aus.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wer sich Hoffnungen gemacht hatte, bei R. Stahl würden sich nach dem Rausschmiss von Vorstandschef Claus Bischoff die Wogen glätten, hat sich getäuscht. Jetzt hat es auch den bisherigen Personalchef Holger Angrick, 47, erwischt. Wie unsere Redaktion exklusiv erfahren hat, wurde er schon Mitte August mit sofortiger Wirkung durch Vorstand Tobias Popp freigestellt. Vorletzte Woche fischte Angrick dann die betriebsbedingte Kündigung aus dem Briefkasten. Das Pikante dabei: Ausgerechnet der Betriebsrat hat sich mehrheitlich gegen diese Kündigung ausgesprochen. Damit nicht genug: Die Mehrheitsfraktion will Angrick zurück.
„Habe mir nicht viele Freunde gemacht“
Der Reihe nach. Angrick gilt als Architekt harter Einschnitte bei R. Stahl in den vergangenen Jahren. Der Personalchef von Lidl war im Januar 2023 unter dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Matthias Hallmann nach Waldenburg gewechselt und fing zügig an, mit dem eisernen Besen durchs Unternehmen zu fegen. In seine Zeit fallen Maßnahmen wie der Abbau von Beschäftigten über eine Transfergesellschaft, der Abschluss eines sogenannten Zukunftstarifvertrages mit der IG Metall und dem Betriebsrat sowie zuletzt im Frühjahr der Ausstieg des Unternehmens aus der Tarifbindung.
„Ich habe mir nicht viele Freunde gemacht“, räumt Angrick ein, um gleich hinzuzufügen: „Ohne diese Maßnahmen stünde R. Stahl heute noch viel schlechter da.“ Warum? „Das Unternehmen war an einem Punkt angekommen, an dem es mit seiner bisherigen Kostenstruktur, vor allem den Personalkosten, nicht weitermachen konnte.“ Dass etwas getan werden müsse, sei jedem klar gewesen. Das Problem: Was genau zu tun war – darüber schieden sich nach Darstellung Angricks die Geister. Hallmann und sein Nachfolger Bischoff, erklärt er, „wollten nach vorne, hatten die richtigen Ideen“. Gebremst hätten vor allem die Familienmitglieder im Aufsichtsrat. Ein Vorwurf, den die externen Anteilseigner seit Jahren erheben. Konkret: „Diese Familie will mit der Firma Geld machen, zeigt aber null Initiative.“
Angricks Rausschmiss: Alles wegen Seilschaften?
Dass es ihn ausgerechnet jetzt erwischt hat, ist für Angrick kein Zufall. Bei den Neuwahlen zum Betriebsrat seien die Karten neu gemischt worden. Der langjährige Vorsitzende Klaus Erker, mit dem Angrick die harten Entscheidungen nach eigener Aussage „konstruktiv durchgezogen“ hatte, war aus Gesundheitsgründen nicht mehr angetreten. Ihm folgte Yvonne an der Lan nach, die zuvor im Personalwesen in verantwortlicher Position gearbeitet hatte und dann in die Transfergesellschaft abgeschoben werden sollte. Dagegen wehrte sich an der Lan gerichtlich. Für Angrick handelt es sich bei seinem Rausschmiss um eine „Retourkutsche von Seilschaften, die jetzt das Sagen haben“.
Yvonne an der Lan wollte sich auf Nachfrage dazu nicht äußern. Aus dem Umfeld des Betriebsrates jedoch wird Angricks Sicht der Dinge bestätigt. „Die Personalie Angrick“, so ein Informant im Gespräch mit dieser Redaktion, „ist ein reines Machtspiel.“ Der Ex-Personaler sei mit seinem Wissen und seinem Potenzial „einigen, bis hin zum Vorstand, zu gefährlich geworden“. Angrick habe jahrelang „für den Vorstand die Drecksarbeit gemacht, und jetzt wurde es Zeit, ihn loszuwerden“, berichtet ein Insider. Darauf angesprochen, reagiert das Unternehmen einsilbig: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu internen Personalangelegenheiten grundsätzlich nicht äußern.“
Ausgerechnet Betriebsräte wollen ihn zurück
Umso pikanter, dass ausgerechnet der Betriebsrat sich am 2. September mehrheitlich gegen die Kündigung ausgesprochen hat – mit acht zu fünf Stimmen. In seiner Stellungnahme, die der Redaktion vorliegt, nimmt das Gremium kein Blatt vor den Mund. So rügt der Betriebsrat unter Berufung auf das Betriebsverfassungsgesetz den Versuch des Vorstandes, die Anhörung des Betriebsrates komplett zu umschiffen. Das Argument: Angrick sei leitender Angestellter gewesen. Rechtlich nicht zutreffend, so der Betriebsrat, weil der ehemalige Personalchef ohne Zustimmung des Vorstandes nicht alleine hätte Entscheidungen treffen können. Paragrafen-Klein-Klein…
Vor allem aber ein Kritikpunkt trifft die Kündigung ins Mark. Sie hätte laut Betriebsrat gar nicht erst „betriebsbedingt“ ausgesprochen werden dürfen, denn: Dies ist nur zulässig, wenn die damit verbundene Tätigkeit in Zukunft nicht mehr benötigt wird. Was man vom Personalchef kaum behaupten kann. Tatsächlich hat Angricks früherer Bereichskollege Martin Wilkens inzwischen diese Aufgaben übernommen. „Viele im Unternehmen haben mit der Person Angrick ein Problem“, heißt es aus dem Umfeld des Betriebsrates. „Aber dennoch muss er rechtlich genauso behandelt werden wie jeder andere Angestellte auch.“
Seit dem Mehrheitsbeschluss zieht sich ein tiefer Riss durch den Betriebsrat. Denn es geht längst nicht nur um das Thema Gleichbehandlung. Die Fraktion, die sich gegen die Kündigung von Angrick ausgesprochen hat, will nun sogar seine Rückkehr. „Angrick hat das Wissen, die Ambition und das Durchhaltevermögen, notwendige Veränderungen durchzuziehen“, betont der Informant. Der Betriebsrat habe nicht per se die Aufgabe, immer nur für die Beschäftigten da zu sein, „sondern er muss an das ganze Unternehmen denken“. Wenn am Ende kein Geld mehr da sei, sei niemandem geholfen. „Dann brauchen 1000 Leute einen neuen Arbeitsplatz. Man kann aber nicht jeden retten.“
IG Metall macht Stimmung
Unterdessen hat sich die Polarisierung quer durch die Reihen der Beschäftigten fortgepflanzt. Seit dem Ausstieg aus der Tarifpartnerschaft ist es der IG Metall gelungen, den Anteil der Mitglieder in der Belegschaft von 30 auf 90 Prozent hochzuschrauben. „Den Austritt lassen wir so nicht stehen“, hatte der Schwäbisch Haller IG-Metall-Funktionär Uwe Bauer seinerzeit in einer ersten Stellungnahme gegenüber der Redaktion klargestellt.

Stefan Horny ist bei der IG Metall Beauftragter für die R. Stahl AG.
privatVorwürfe, beim Anwerben sei Druck auf die Beschäftigten ausgeübt worden, weist der Beauftragte der IG Metall für R. Stahl, Stefan Horny, von sich: „Davon wissen wir nichts.“ Ein Insider sieht das anders: „Die Gewerkschaft saß in den Sprechstunden des Betriebsrates mit am Tisch. Da wurden gezielt Ängste geschürt.“ Laut Horny ging es dagegen darum, die Belegschaft über die Folgen des Tarifaustritts zu informieren: „Durch den Beitritt haben sich die Beschäftigten abgesichert.“ Soll heißen: Als IG-Metall-Mitglied hat man weiterhin Anspruch auf die tarifvertraglichen Leistungen, die so lange weitergelten, bis ein neuer Tarifvertrag oder ein individueller Arbeitsvertrag zustande kommt. Die Quote von 90 Prozent Mitgliederanteil wollte Horny im Interview nicht bestätigen, aber: „Wir sind als Gewerkschaft so gut organisiert und so stark wie nie bei R. Stahl.“
Angrick geht vor Gericht
Wie geht es jetzt weiter? Für den Betriebsrat ist mit der Stellungnahme zur Kündigung der Fall erst einmal zu den Akten gelegt. Für Holger Angrick geht es jetzt erst los. Angrick, selbst ehrenamtlicher Richter, hat beim Arbeitsgericht Heilbronn Klage gegen R. Stahl eingereicht. Eine gütliche Einigung auf einen Vergleich schließt er jetzt schon aus. Ihm geht es um mehr: „Wenn das Unternehmen mich zurückruft, bin ich da“, sagt er. Angricks Begründung: „Ich fühle mich den Leuten verpflichtet, die sich für mich einsetzen. Und das, obwohl ich weiß, dass ich ein verdammt harter Knochen bin.“
