Bei Veranstaltungen im Rathaussaal blicken die Besucher auf ein großes Fresko, das in warmen, sonnigen Farben eine Stadtansicht von Crailsheim zeigt. Der Künstler Peter Jakob Schober hat es nach dem Neubau des Rathauses im Auftrag des Stadtrates 1958 geschaffen.
Für die Darstellung der Stadt auf der fast neunmal sechs Meter großen Fläche hat der Künstler auf eine Stadtansicht von Jacob Friedrich Nolde aus der Zeit um 1775/76 zurückgegriffen, die Crailsheim von der Jagstseite zeigt: Hinter der lang gezogenen waagrechten Stadtmauer mit ihren ehemals zahlreichen Türmchen ist die Dachlandschaft der Crailsheimer Wohnhäuser zu sehen, zwischen denen der Rathausturm, die Liebfrauenkapelle, die Johanneskirche und die Staffelgiebel des Schlosses emporragen. Auch für das Fresko im Ratssaal gilt, was Marinela Seitz in ihrem Buch über die moderne Kunst in Crailsheim grundsätzlich zur Kunst von Peter Jakob Schober sagt: „Er konzentrierte sich auf die Darstellung von Landschaften und Menschen, die er in verschiedenen Graden der Stilisierung und Abstraktion, jedoch nie völlig abstrakt wiedergab. Seine Orte sind wiedererkennbar, obwohl sie keine genauen Abbildungen sind. Das Schöne ist hervorgehoben und wird durch gekonnte Farbgebung atmosphärisch aufgeladen.“
Sieben Wappenschilde sind im Vordergrund zu sehen, so als wären sie an die Stadtmauer angebracht. Sie verweisen auf die Stadtherren Crailsheims: das Moritzstift Augsburg bis 1289, die Grafen von Öttingen bis 1314, die Grafen von Hohenlohe bis 1390, die Burggrafen von Nürnberg und spätere Markgrafen von 1399 bis 1791. Dann wurde die Stadt einige Jahre bayerisch, bevor sie 1810 an Württemberg kam. Marinela Seitz hält fest: „Auf diese Art und Weise erfasst Schober in nur einer Szene Jahrhunderte der Crailsheimer Stadtgeschichte und verdeutlicht damit ihre wechselvolle Entwicklung bis zur Gegenwart.“ Auf die Überzeitlichkeit der Szene verweist die große Person hinter der Stadt. Hier steht der Geschichtsschreiber, ein dickes aufgeschlagenes Buch auf dem linken Arm. Seine rechte Hand, in der er einen Stift hält, ist in einer raumgreifenden Geste erhoben.
An beiden Seiten der Stadtansicht sind zwei Figurengruppen hervorgehoben: Rechts sind es in einer dunklen muschelartigen Form zwei Männer und eine Frau mit Kleinkind, die mit ängstlichen Blicken aneinander Schutz suchen. Links ist vor hellem Hintergrund eine sitzende Frau mit Kind auf dem Arm zu sehen, ein Mann hat die Hände in einem Dankesgestus erhoben, ein Bäumchen und eine Taube sind als Zeichen der Hoffnung zu deuten. Die beiden Bildfelder symbolisieren somit Niedergang und Blüte der Stadt.
Die Gefühle der dargestellten Personen, ihre Ängste und Hoffnungen, sind für jeden trotz der vereinfachten Linienführung unmittelbar nachvollziehbar. Schober verzichtet auf eine komplizierte Bildsprache: „Er erzählt alt überlieferte Geschichten und stellt traditionelle symbolische Gestalten in einer modernen Ausdrucksweise dar, die aber nicht verschlüsselt, sondern für jeden verständlich ist“, so Marinela Seitz.
Peter Jakob Schober hat neben dem Sgraffito im Treppenaufgang schon 1953 ein weiteres Fresko geschaffen, das Crailsheim als fränkisches Zentrum zeigt. Es befindet sich neben dem Eingang zum kleinen Sitzungssaal und ist heute durch einen Aufzug verbaut. Wer es genauer sehen möchte, sollte daher Aufzug fahren!

Der Künstler

Peter Jakob Schober (1897–1983) arbeitete zunächst als Zeichen- und Turnlehrer, bevor er 1922 ein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart begann. Bei einem Aufenthalt in Paris vom Jahr 1929 an setzte er sich mit dem Impressionismus und dem Kubismus auseinander. Marinela Seitz konstatiert: „Der Einfluss auf Motive, Farb- und Raumgestaltung ist vor allem in seinem Frühwerk deutlich zu erkennen.“ Schober wurde Leiter der Radierklasse an der Stuttgarter Akademie. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er, als freischaffender Künstler zu arbeiten und machte sich mit Arbeiten im öffentlichen Raum und Porträts landesweit einen Namen. hst