Armut – könnte das auch mich treffen?“, fragte Franz-Josef Konarkowski. In jedem Fall sei die Beschäftigung mit dem Thema immer auch eine Anfrage an den eigenen Lebensstil. So begrüßte der katholische Stadtpfarrer die Zuhörer in der recht gut gefüllten Johanneskirche, die am Abend des Reformationstags gekommen waren, um sich genau mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Angekündigt war ein Vortrag von Professor Dr. Gerhard Trabert aus Mainz. Er ist Sozialmediziner und Initiator eines Arztmobils, das unter dem Motto steht: „Wenn Obdachlose nicht zum Arzt kommen können, muss der Arzt zu den Obdachlosen.“
Der engagierte Mediziner hatte sich mit der Bahn nach Crailsheim aufgemacht. Weil aber sein Anschlusszug überraschend ersatzlos gestrichen wurde, war er noch längst nicht in Crailsheim angekommen, als Dekanin Friederike Wagner die Besucher an der Kirchentür begrüßte.
„Zum Glück haben wir gute Musiker, die können uns jetzt was vorspielen“, sagte sie und stellte Roland Palatzky (Wolpertshausen) und Matthias Waßer (Hall) vor, die in Crailsheim keine Unbekannten sind. Palatzky verbrachte seine Jugend im Jugendwerk. Waßer ist mit Crailsheim familiär verbandelt. Beide treten als „Magic Acoustic Guitars“ auf und das unbedingt hörenswert.

Lutherscher Veränderungsschub

Stadtarchivar Folker Förtsch erläuterte dann, was es mit dem Thema Armenwesen und Reformation auf sich hat. Die Lutherschen Umwälzungen brachten nämlich auch hier einen entscheidenden Veränderungsschub. Während die vorreformatorischen Katholiken ihr Seelenheil mit mildtätigen Gaben sichern konnten, kam es in der neuen Lutherschen Denkweise nur noch auf den Glauben an („sola fide“). Zwar rief auch Luther zur Fürsorge auf, doch die Protestanten sollten jetzt ihre Almosen nicht mehr direkt verteilen, sondern in einen „Gotteskasten“ in der Kirche legen. Ein solcher ist symbolisch auf der Stele des Reformationswegs zu sehen, die an der Stelle des alten Crailsheimer Armenhauses steht.
Aus diesem Gotteskasten heraus wurden die Almosen verteilt. Aber nur an denjenigen, der „gottesfürchtig, arbeitswillig und der Unterstützung würdig“ sei, so Förtsch, was einer weltanschaulichen Prüfung und Sozialdisziplinierung gleichkam.
Sozialmediziner Trabert kennt diese „Vorauswahl“ der Hilfe freilich nicht. Das wurde deutlich, als er gerade noch rechtzeitig ans Rednerpult gerauscht kam. Er kümmert sich ehrenamtlich um Flüchtlinge in Syrien oder Obdachlose in Mainz und fragt dann nicht nach der Versicherungskarte. Für Obdachlose sei es mit unglaublichen Hindernissen verbunden, überhaupt eine solche zu beantragen. „Armut macht krank und Krankheit macht arm.“ Das Recht auf Gesundheitsfürsorge sei das Menschenrecht, das am häufigsten gebrochen werde.

Armut kann jeden treffen

Deshalb sei die Lebenserwartung Armer auch in unserem Land deutlich niedriger. „Ein Skandal“, so Trabert. Dabei könne Armut jeden treffen. In der Armut sei dann jeder gleich – und von der Gesellschaft gleich ausgestoßen. Der Mediziner hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Solidarität und gegen Rassismus. Auch Sprache grenze Benachteiligte aus: „Menschen sind nicht ‚sozial schwach‘. Einer, der in Monte Carlo keine Steuern zahlt, der ist sozial schwach.“ Aus diesem Grund warnte er vor einer „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft und noch mehr vor den populistischen Parteien.
Viel Zeit zum Verweilen hatte Trabert nach seinem engagierten Vortrag übrigens nicht. Mit wehenden Haaren verließ er die Johanneskirche wieder. Der Zug, der ihn zurück nach Mainz bringen sollte, wollte ja pünktlich erreicht werden.

Info Wer die „Magic Acoustic Guitars“ hören will: Sie treten am Freitag, 9. November, 20 Uhr, bei Feuchters in Bovenzenweiler auf.