Millionengewinn im Lotto
: Gewinner, Forscher und Experten erzählen, was Geld mit dem Glücklichsein macht

Nicht einmal der Lotto-Sechser ist ein Glücksgarant. Zu wenig darf auf dem Konto aber auch nicht sein. Die richtige Balance beim Vermögen ist schwierig – aber machbar. Wie bescheiden manche Millionäre sind.
Von
Thomas Veitinger
Ulm
Jetzt in der App anhören
Geld durch einen Lotto-Gewinn oder viel Gehalt kann ein Werkzeug sein, um glücklicher zu sein, etwa auf einer Weltreise. Ein Glücksgarant ist es aber nicht.

Geld durch einen Lotto-Gewinn oder viel Gehalt kann ein Werkzeug sein, um glücklicher zu sein, etwa auf einer Weltreise. Ein Glücksgarant ist es aber nicht.

Peters, ©PureSolution/adobe.stock.com
  • Geld allein macht nicht glücklich, Millionäre sind oft bescheiden.
  • Lotto-Gewinne können kurzfristig Glück bringen, langfristig jedoch nicht garantieren.
  • Studien zeigen, dass Geld bis zu einem gewissen Punkt das Wohlbefinden erhöht, darüber hinaus weniger.
  • Beziehungen, Gesundheit und Sinn im Leben sind entscheidender für langfristiges Glück.
  • Zeit ist ein wichtiger Glücksfaktor, Geld für zeitsparende Dienstleistungen erhöht Zufriedenheit.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ein älterer Mann reist noch einmal nach Italien. An einen Ort, der ihm etwas bedeutet und den er noch einmal sehen will. Er kann sogar in Begleitung reisen – eine Voraussetzung in seinem Alter. Der Mann hat Geld gewonnen, viel Geld. Er ist Millionär. Er ist glücklich. Dies ist eine Geschichte, die Viktoria Kesper erzählt. Sie gehört einem Team an, das bei der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg Gespräche mit aktuellen Großgewinnerinnen und Großgewinnern führt und Träume wahr werden lässt.

Menschen sind dabei oft erstaunlich bescheiden. Kesper erzählt von Gewinnern, die im Fahrrad vorfahren oder einem 20-Jährigen, der mit seinen Eltern kommt. Eine Lotto-Königin vertraute ihr an: „Jetzt kann ich mir die Küchenmaschine kaufen, die ich schon lange wollte“ – als mehrfache Millionärin. In einer Studie in 33 Ländern durften sich die Versuchsteilnehmer einen fiktiven Gewinn aussuchen. In keinem Land wollte die Mehrheit den Höchstgewinn von 100 Millionen Dollar – weniger scheint auch okay zu sein.

Reaktion auf Gewinn unterschiedlich

Realer Reichtum scheint oft anders zu sein, als zuvor geträumt. Menschen können das viele Geld nicht selten schwer realisieren. Viele Gewinner melden sich erst nach Tagen, nachdem sie alles haben sacken lassen. „Viele glauben es erst, wenn sie vor uns stehen und wir ihnen tatsächlich bestätigen, dass das Los in ihren Händen Millionen wert ist“, berichtet Kesper. Die Reaktionen auf den Gewinn sind dann unterschiedlich. „Es hat viel mit der Lebenssituation zu tun. Geld hat für jemanden, der seine Hypothek aufs Haus loswird, eine stärkere Bedeutung wie für jemanden, der bereits wohlhabend ist.“ Ein Jackpot-Gewinner, der 90 Millionen Euro überwiesen bekommt, freute sich natürlich. Bei 50 Millionen Euro wäre seine Reaktionen aber keine andere gewesen, mutmaßt die Glücksfee.

Den schwerreichen Gewinner aus dem Schwarzwald warnte damals ein Experte in den Medien: „Man muss damit umgehen können. Es ist Fluch und Segen.“ Tatsächlich könnte ein Gewinn in dieser Dimension das Glück sogar schmälern. Wer Familie, Freunde, Arbeit und gewohnte Umgebung von jetzt auf nachher verlässt, hat es oft schwer. Dazu kommt ein gewisser Neideffekt bei Freunden. Auch der Beruf ist ein wichtiger Glücksfaktor – wer nicht mehr arbeitet, dem fehle unter Umständen der tägliche Sinn. Entscheidend ist laut Experten, ob der Glückspilz auf dem Boden bleibt.

Nur nichts überstürzen

Entsprechend empfiehlt Toto-Lotto in einer Broschüre für Gewinner: „Bleiben Sie ruhig und überstürzen Sie nichts.“ Der Gewinn solle als Geheimnis betrachtet werden, von denen nur wenigen Menschen berichtet werde. Dies schütze vor Menschen, „die es nicht unbedingt gut mit Ihnen meinen wie Bittsteller oder ungewollter Ratgeber“. Die Situation sei erfreulich, „aber auch ungewohnt“.

Studien zeigen, dass Geld bis zu einem gewissen Punkt das Wohlbefinden steigern kann – vor allem, wenn es Grundbedürfnisse deckt, Sicherheit schafft und Stress wie Sorgen um Miete, Essen oder unerwartete Rechnungen beseitigt. Dieser „Wohlfühlpunkt“ unterscheidet sich je nach Land und Lebensstandard und liegt je nach Studie bei etwa 70.000 bis 90.000 Euro Jahreseinkommen, manchmal sind es auch 120.000 Euro.

Job oder Karriere ist sehr wichtig

Sind die Grundbedürfnisse gedeckt, wächst das Glück nicht mehr linear. Stattdessen kommen dann andere Dinge stärker ins Spiel: Beziehungen, Gesundheit, der Sinn im Leben, Freiheit, Zeit für sich selbst und anderes. Geld kann also ein Werkzeug sein, um glücklicher zu leben, aber es ist nicht automatisch ein Glücksgarant. Eine amerikanische Studie hatte das Ergebnis, dass der Job oder die Karriere extrem oder sehr wichtig für die Gesamtidentität eines Menschen ist. Die Arbeitszufriedenheit aber nicht ausschließlich von materiellen Vorteilen wie Gehalt oder Beförderungsmöglichkeiten abhängt.

Selbst die Sparkasse sieht in Geld keinen Glücksgaranten: „Konsum macht viele Menschen nicht dauerhaft glücklich. Es gibt jedoch Dinge, die das Glücksgefühl verlängern oder wieder hervorrufen können“, schreibt das Geldhaus über den Zusammenhang zwischen Geld und Glück auf seiner Internetseite.

Ein Forschungsteam der Harvard Business School kam bereits 2017 zu dem Schluss, dass Zeit ein wichtiger Faktor für das Zufriedenheitslevel ist. Eine größere Lebenszufriedenheit setzte bei Befragten dann ein, wenn sie Geld für zeitsparende Dienstleistungen ausgaben und so mehr Zeit für Hobbys oder Freizeitaktivitäten übrigblieb.

Für den Glücksforscher Christian Thiele ist die uralte Frage, ob Geld glücklich macht, nicht leicht zu beantworten. „Ich möchte sie umgekehrt beantworten. Sind Menschen, die sehr wenig Geld haben, unglücklich? Tendenziell ja.“ Wenn eine alleinerziehende Mutter bei jedem Schulausflug überlegen müsse, ob sie ihrem Kind eine Teilnahme ermöglichen oder ihm einen warmen Anorak kaufen könne, mache das sicherlich nicht glücklich. „Wenn Entscheidungen immer unter der Knappheit des Geldes leiden, dann hat es auch negative Auswirkungen auf unsere Teilhabe, das Einbringen, damit auch das Wohlbefinden.“ Die Wichtigkeit von Geld hänge von der Kultur ab, in der wir leben und dem Kontext. Ob wir uns an anderen orientierten, etwa am Nachbarn. Arbeitslosigkeit sei ein ziemlich zuverlässiger Prädiktor für Unglück, meint der Glücksforscher.

Glücksbooster Auto

Seine Kollegin Mailin Stefanie Modrack weiß aus der Forschung, dass materielle Dinge wie der Kauf eines schnellen Autos kurzfristige Glücksbooster sein können. Besonders lang und nachhaltig glücklich machten aber außergewöhnliche Erlebnisse wie zum Beispiel eine Weltreise – vielleicht sogar gemeinsam mit wichtigen Bezugspersonen, wird sie im Lotto-„Glüxmagazin“ zitiert. „Idealerweise ist eine Mischung aus beidem der beste Weg, um lange vom Lotto-Glück zu zehren.“

Dabei heißt es, bedachtsam vorzugehen. Weitere Studien ergeben, dass drei Viertel aller Millionen-Lottogewinner nach vier Jahren kaum noch etwas davon übrig hatten. Für den Soziologen Thomas Druyen ist es sehr schwierig, mit Reichtum richtig umzugehen, wenn er unerwartet eintritt. Kesper weiß nicht, was aus ihren Millionengewinnerinnen und -gewinnern geworden ist, sie melden sich in der Regel nicht mehr. „Da ich von ihnen aber nicht in der Zeitung lese, werte ich das als gutes Zeichen.“

Suche seit Jahrtausenden

Ob Geld glücklich macht, beschäftigt Menschen schon seit Jahrtausenden. Aristoteles etwa sah im vierten Jahrhundert vor Christi in Geld ein Mittel zum Zweck, nicht aber das Ziel. Das war vielmehr in seinen Augen „Eudaimonia“ – Glückseligkeit oder gelingendes Leben.

Kyniker und später Stoiker vertraten sogar die Ansicht, dass äußere Güter wie Reichtum eher ablenken als helfen – wahres Glück sei unabhängig von Besitz. Im christlichen Denken wurde dann materielle Bescheidenheit oft als Tugend gesehen. Reichtum galt als potenziell gefährlich für die Seele.

Mit der Entstehung moderner Gesellschaften und Wirtschaftssysteme wurde der Blick differenzierter. Philosophen wie John Locke oder Adam Smith sahen Eigentum und materiellen Wohlstand als wichtige Bestandteile persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Fortschritts.

Philosoph und Ökonom Karl Marx wiederum kritisierte das kapitalistische Streben nach Geld als Entfremdung vom eigentlichen Menschsein.