Demonstration in Crailsheim: Dieses Land braucht Vielfalt – an Menschen und an Meinungen


Blick auf die Kundgebung „Crailsheim bleibt bunt! - Menschenrechte zuerst“ am Freitagabend in Crailsheim.
Daniela IllingEs ist gut, dass auch in diesem Winter viele Tausend Menschen in ganz Deutschland auf die Straße gehen, um sich für eine demokratische, liberale, offene Bundesrepublik einzusetzen. Eine Demokratie braucht Demokraten, eine Republik braucht Republikaner, eine Verfassung braucht entschlossene Verteidiger der Rechte, die sie garantiert. Der Blick in die USA zeigt, wie schnell etwas ins Rutschen geraten kann.
Umso wichtiger ist diese Selbstvergewisserung der gesellschaftlichen Mitte, wenn man sich die ätzenden Kommentare im Netz anschaut, die solche Kundgebungen begleiten – auch in Crailsheim. Bezugnehmend auf die jüngsten Anschläge durch Asylbewerber war da etwa zu lesen: „Eure Vielfalt tanzt auf Kindersärgen“ – ein Satz von ungeheuerlicher Einfalt. Die Vielfalt dieser Gesellschaft verteidigt unseren Wohlstand, sie behandelt im Krankenhaus und pflegt im Altenheim, sie schießt Tore für den Lieblingsverein, bringt den Müll weg, bedient im Restaurant, schließt Freundschaften. Ja, Vielfalt ist ganz unabhängig von aktuellen Migrationsfragen seit Jahrzehnten deutsche Realität. Wer diese Vielfalt nicht will, will Millionen Bürgerinnen und Bürger nicht, die sie verkörpern – und stellt sich gegen Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Gleichzeitig sind da Trauer, Wut und Verzweiflung angesichts der Terrortaten von München, Aschaffenburg, Magdeburg, Solingen, Mannheim, Brokstedt. Wer sich in diesen Tagen innerlich zerrissen fühlt, wer mit seinem Weltbild ringt, wer sich schlicht fürchtet, der soll und muss das sagen dürfen, ohne verdächtig zu sein und abgekanzelt zu werden.
Und wer angesichts solcher Taten und angesichts der Überforderungsanzeigen von Kreisen und Kommunen für mehr Kontrolle und Restriktion in der Migrationspolitik plädiert, vertritt keine abstruse Meinung, sondern einen legitimen Standpunkt in der Debatte. Genau wie jener übrigens, der dem widerspricht. Das ist Pluralismus.
Lasst uns wegkommen von der Logik der sozialen Medien, die Polarisierungsmaschinen sind, hin zu einer Differenzierung, die niemanden sofort in eine Ecke stellt. Die Demokratie verträgt eine sehr breite Palette an Ansichten, ja braucht sie zum Überleben. Aber sie braucht auch eine klare Trennlinie: Wo gehetzt und das Grundgesetz mit Füßen getreten wird, müssen wir uns mit aller Kraft zur Wehr setzen.
