Wirtschaftsgespräch des Landkreises: KI: Bedeutung kaum zu unterschätzen

Landrat Dietmar Allgaier (Mitte hinten) lud Vertreter aus der lokalen Wirtschaft zum Gespräch nach Benningen ein (von links): Präsident der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg Julian Pflugfelder, Dr. Heinz-Werner Schulte, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, Dr. Tanja Rückert, Mitglieder der Bosch-Geschäftsführung, Moderatorin Janine Steeger, Bürgermeister Klaus Warthon, Marabu-Geschäftsführer York Boeder und Dr. Benjamin Strehl, Vorstand der USU Software AG.
Ralf PollerDer Umgang mit Künstlicher Intelligenz sorgt in den Unternehmen des Landkreises für Unsicherheit, für Zurückhaltung, für Sorgen, ja für Ängste. Bei der Veranstaltung „Wirtschaft im Gespräch“ sollte es jedoch vor allem um die wirtschaftlichen Chancen gehen, die eine intelligente, selbst lernende und neue Inhalte erzeugende Software bietet.
Mit dem Thema einen Nerv getroffen
Mit dem Thema „Digitale Transformation und Künstliche Intelligenz“, moderiert von Janine Steeger, hatte der Landkreis als Veranstalter einen Nerv getroffen, wie die Resonanz unter den meist mittelständischen Unternehmern am Dienstag in der Alten Kelter in Benningen zeigte. Landrat Dietmar Allgaier ist der Dialog im Netzwerk der Unternehmen „wesentlich und wichtig“. Das Format, das sich bei der Premiere im vergangenen Jahr um die Energiewende drehte, soll verstetigt werden, kündigte er an.
Die wirtschaftlichen Chancen der Künstlichen Intelligenz, kurz KI, sind kaum zu unterschätzen, wurde beim Kurzvortrag von Tanja Rückert deutlich. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung bei Bosch und dort für das Thema Digitalisierung zuständig. Die KI werde Gesellschaft und Arbeitswelt so verändern wie die Erfindung des Internets, ist sie überzeugt. KI verspricht zusätzlichen Umsatz in hohen Dimensionen, aber auch eine Optimierung der Wertschöpfungskette.
Aus Rückerts Sicht hat die KI eine „Assistenzfunktion“, sie hilft die eigenen Prozesse zu verbessern und eine höhere Produktivität zu erreichen, eignet sich aber auch, um in die Produkte eingebaut zu werden und damit den Kunden zu nutzen.
Anwendungen bei Bosch sind etwa die Verbesserung von Assistenzsystemen im Auto, die vorausschauend handeln, oder auch Software im Kühlschrank, die Lebensmittel erfasst und Rezeptvorschläge macht und sie damit vor dem Wegwerfen bewahrt. Bosch setzt KI beispielsweise auch bei der Optischen Inspektion ein, bei der Beurteilung von Teilen auf Defekte anhand synthetisch erzeugter Vergleichsbilder. Mit Hilfe dieses Verfahrens kann die Produktion dieser Teile deutlich früher beginnen. Eine andere Anwendung ist ein Pannenservice mit Hilfe eines künstlich erzeugten Gesprächspartners, der sogar Dialekte versteht und für sofortige Hilfe sorgt.
Das Wichtigste ist für Rückert jedoch: „Die Mitarbeiter müssen das Thema vorantreiben.“ Sie müssen die Chancen erkennen, von den Vorteilen überzeugt sein und ihre Kollegen mitziehen. „Wenn die Mitarbeiter die Vorteile sehen, dann geht es vorwärts.“, Unternehmen müssen sich dem Thema stellen: „Es liegt in unseren Händen, wer wen treibt“, sagt Rückert, die KI die Unternehmen oder die Unternehmen die Anwendungen mithilfe von KI.
Marabu hat sich mit KI einen Vorsprung erarbeitet
Einer, der sich als Treiber versteht, ist York Boeder, Geschäftsführer von Marabu in Tamm. Das Unternehmen sieht sich als „Innovationsführer“ bei der Herstellung von Farben für industrielle Anwendungen. Bei der Implementierung und Anwendung von KI habe sich Marabu einen Vorsprung erarbeitet, machte Boeder im Podiumsgespräch deutlich, der hilft, sich gegen wachsenden Druck aus Asien zu behaupten.
Das zahlt sich beispielsweise bei der Erforschung neuer Farbanwendungen aus. Was Marabu-Chemiker in China entwickeln, können ihre Kollegen in USA nutzen, „ohne dass sie es merken.“ Vorbei seien die Zeiten, „in denen jeder in seiner eigenen Küche brodelt“. Das System lerne permanent hinzu und mache Vorschläge für das weitere Verfahren. Und die Vorteile? Die Entwicklung neuer Farben dauert aktuell bis zu 18 Monate. Boeder hofft, diese Zeitspanne in etwa fünf Jahren auf drei bis vier Monate verkürzen zu können. Von 400 Projektanfragen jährlich können bisher nur 20 angenommen werden. „In zehn Jahren können wir vielleicht 100 Projekte starten.“
Wer sich schon seit Jahren mit KI beschäftigt, hat heute einen klaren Vorteil. Das sind die Erfahrungen von Benjamin Strehl, Vorstand des USU-Software-Hauses in Möglingen. „Es gibt tolle Anwendungsfälle“, sagt er.
Andere Kunden jedoch „trauen sich nicht so richtig an das Thema heran“ oder wollen, ganz im Gegensatz dazu, „jetzt ganz, ganz schnell dahin kommen“. Doch wichtige Fragen müssen geklärt werden. Wie kann KI im Unternehmen zum Einsatz gebracht werden, welche Anwendungen bieten sich an? Und wie komme man an die notwendigen Daten, die als Basis für eine Künstliche Intelligenz unerlässlich sind. „Das ist harte Arbeit mit den Kunden“, sagte Strehl.
Hemmschwelle im Mittelstand nach wie vor hoch
In den Reihen der mittelständischen Unternehmen ist die Hemmschwelle bei der Anwendung nach wie vor hoch, sagte Julian Pflugfelder, Präsident der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg, er sprach von Schreckgespenstern. Rechtliche Fragen sorgen für Unsicherheit. Viele Firmenchefs sorgten sich um die Risiken, nicht zuletzt aus Sorge um die Sicherheit ihrer Daten. Schließlich fehlen „Leute, die sich des Themas annehmen“, sprich die notwendigen Fachkräfte.
Potenzial für KI auch in der Baubranche
Ein „extremes Potenzial“ bestehe in seiner eigenen Branche, der Bauwirtschaft, so Pflugfelder, der geschäftsführender Gesellschafter der P Immobilien GmbH ist. Ihre Trägheit in dieser Hinsicht sei auch dem wirtschaftlichen Erfolg der vergangenen Jahre geschuldet. Jetzt, wo es nicht mehr so gut läuft „passiert etwas“. Ein „extremer Kostendruck“ sei spürbar.
Die große Sorge von Mitarbeitern ist der Stellenabbau als Folge der Einführung von KI. „Mit jeder Transformation verändern sich Stellenprofile“, sagte Tanja Rückert, bei der Einführung von Künstlicher Intelligenz ist das nicht anders. Sicher ist für die Bosch-Geschäftsführerin: Ohne KI haben Unternehmen Wettbewerbsnachteile. Das Personal wird zudem immer knapper, dafür sorgt allein schon der demografische Wandel. Vielleicht seien Unternehmen bald froh, dass sie „kleine Helferlein“ haben“, wie Rückert die Unterstützung durch intelligente Software nannte.