Wärmeplanung in Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg: Abwärme statt Öl und Gas?

Die Abwärme der Bietigheimer Eishalle wird schon genutzt. Thilo Dittmann, Abteilungsleiter der Bäder und Eishallen der Stadtwerke Bietigheim-Bissingen, im Maschinenraum.
Martin KalbWenn Motoren laufen, Hallen gekühlt werden oder Druckluft erzeugt wird, entsteht Wärme. Oft geht diese ungenutzt als heiße Luft oder heißes Wasser verloren. Dabei bietet die Nutzung von Abwärme laut Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW) großes Potenzial – in der Theorie. Mit ihr lassen sich Büros heizen, sie kann in den Produktionsprozess zurückgeführt oder auch in Strom umgewandelt werden. Laut einer Studie des Umweltministeriums (siehe Infokasten) könnte die in der Industrie anfallende Abwärme in ganz Baden-Württemberg rund zehn Prozent der privaten Haushalte mit Wärme und Warmwasser versorgen. Das wären rund 500 000 Haushalte. Aber wo liegen die Probleme und wie ist die Lage im Kreis Ludwigsburg?
Erhebung bis Juni
Im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung sind Städte wie Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg zurzeit auch dabei, die verfügbare Menge an erneuerbaren Energien im Bereich der Wärme zu erheben und zu bewerten. „Ludwigsburg hat zur Erhebung der Potenziale in Industriebetrieben bereits Unternehmen angefragt“, sagt Sprecherin Susanne Jenne auf BZ-Anfrage. Die Erhebung soll voraussichtlich im Juni 2022 abgeschlossen sein.
Bietigheim-Bissingen arbeitet bei der kommunalen Wärmeplanung gemeinsam mit Oberriexingen, Sersheim und Ingersheim, sagt der Geschäftsführer der Bietigheimer Stadtwerke Richard Mastenbroek. Die Kommunen suchen im produzierenden Gewerbe nach bisher ungenutzter Energie. Das Ziel: Die Klimaneutralität auf kommunaler Ebene umzusetzen.
Doch es ist gar nicht so einfach, dauerhafte Quellen für Abwärme zu finden, sagt der Projektleiter Wärmewende der Ludwigsburger Energieagentur (LEA), Raphael Gruseck. Denn zunächst wird versucht, Produktionsprozesse effektiver zu gestalten – Abwärme also gar nicht erst entstehen zu lassen. „Hier sind wir gerade in einem Umbruch“, sagt Gruseck, bei dem viele Prozesse grundlegend angeschaut und verbessert würden. Der zweite Schritt sei es, Abwärme innerhalb eines Betriebs gleich wieder zu nutzen. Erst wenn das nicht möglich sei, sollte die Abwärme an andere Nutzer abgegeben werden.
Wenn aus physikalischen Gründen Wärme entsteht, zum Beispiel wenn man Gas komprimiert, entsteht auch künftig Abwärme. Auch aus Abwasser könne man Wärme gewinnen, sagt Gruseck. Selbst wenn dies keine klassische Abwärme sei, könnten rein rechnerisch rund zehn Prozent des Wärmebedarfs von Kommunen gedeckt werden. Ob das aber für Kommunen wirtschaftlich sei, hänge vom Einzelfall ab – von der Größe der Kläranlage etwa und der Entfernung zur Kommune.
Zwei Hemmnisse
Der Geschäftsführer der Bietigheimer Stadtwerke sieht vor allem zwei Hemmnisse bei der Nutzung von Abwärme: die Höhe der Temperatur sowie die Kontinuität. Die Abwärme einer Gießerei im Dreischichtbetrieb zum Beispiel lasse sich sehr gut nutzen, doch diese hohen Produktzyklen würden nicht überall anfallen. Daher suchen die Kommunen auch nach kleineren Quellen.
Um Abwärme sinnvoll nutzen zu können, benötigt man Zwischenspeicher, um Spitzen abfangen zu können. „Die Abwärmenutzung muss man topografisch einengen“, erklärt der Geschäftsführer der Stadtwerke. In der Regel sitzen die Nutzer von Abwärme auch in der Nähe der Quelle, das sei am effektivsten.
Während das Zentralgebiet über Fernwärme beheizt werde, sind für einzelne Stadtteile und Quartiere kleinere Netze und Insellösungen wichtig. Die Netze dürften aber auch nicht zu klein ausfallen, eine Vernetzung trage auch bei ihnen zur Effektivität bei. Die Folge: „Eine höhere Versorgungssicherheit und eine größere Flexibilität.“
Eishalle und Bäder
Schon jetzt wird Abwärme in kleinerem Rahmen genutzt: Zum Beispiel in Bietigheim-Bissingen in der Eishalle oder im Bad am Viadukt. Über Kraft-Wärme-Kopplung werde die Abwärme vor Ort wieder für die Aufheizung der Objekte genutzt. Im Campusbad in Ludwigsburg wird bei der Luftumwälzung Wärme zurückgewonnen und intern genutzt.
Sobald die Kommunen im Kreis erhoben haben, mit welchen Energieträgern und Versorgungssystemen eine klimaneutrale Wärmeversorgung erreicht werden kann, sollen sie für die gesamte Stadt ausgewiesen werden, erklärt Sprecherin Jenne. Anschließend werden Strategien und Maßnahmen als Leitfaden für die Verwaltung erarbeitet.