Vor 80 Jahren im Kreis Ludwigsburg
: Vertrieben und angekommen

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten Millionen Menschen ihre Heimat in Osteuropa verlassen, Zehntausende kamen im Kreis Ludwigsburg an: Ein Blick auf Zeitzeugenberichte und Zahlen.
Von
Bigna Fink
Bietigheim-Bissingen
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Die historischen Aufnahmen von 1946/47 aus dem Film „Der Kreis Ludwigsburg baut auf“ zeigen Ausschnitte aus dem Alltagsleben im Flüchtlingslager Sand bei Bietigheim.

Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen

Ich habe großen Respekt vor den Müttern“, erzählt Horst Balzer aus Kleinsachsenheim, der aus seinem Heimatort in Ostpreußen kurz vor Kriegsende mit seiner Mutter und Schwester gen Westen floh. „Es war eine Fahrt ins Ungewisse – unglaublich, was die Frauen für eine Verantwortung auf der Flucht hatten.“ Damals war er neun Jahre alt, seine Schwester zehn. Als Folge des Zweiten Weltkrieges wurden zwischen 1944 und 1950 bis zu 14 Millionen Deutsche von ihrer Heimat aus den ehemals deutschen Ostgebieten und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa vertrieben.

Anfang 1946 begann in den westlichen Besatzungszonen die systematische Aufnahme der Vertriebenen und Geflüchteten. Baden-Württemberg wurde zum zentralen Aufnahmeland, vor allem von Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Im Frühjahr 1946 trafen die ersten Flüchtlinge in Bietigheim ein, großteils Frauen und Kinder.

„Die Kommunen standen vor Aufgaben, die kaum zu bewältigen schienen: zerstörte Städte, Wohnraummangel, Lebensmittelknappheit, eine Bevölkerung selbst gezeichnet von Krieg und Verlust.“ Dennoch sei die Aufnahme gelungen: „Nicht reibungslos, nicht konfliktfrei – aber dauerhaft“, heißt es von der Sudetendeutschen Landmannschaft Baden-Württemberg.

Vier Flüchtlingslager in Bietigheim

Der Kreis Ludwigsburg verzeichnete von Ende 1946 bis 1950 mit über 15 Prozent die stärkste Bevölkerungszunahme in Nordwürttemberg, heißt es im Werk „Die Eingliederung der Vertriebenen im Landkreis Ludwigsburg“ von 1986.

Bis Ende 1952 wurden im Landkreis Ludwigsburg 45.600 Heimatvertriebene festgestellt, das waren mit 24 Prozent fast ein Viertel der Bevölkerung.

Das Landratsamt organisierte die Unterbringung in Lager und dann in Privatquartiere. In Bietigheim mit dem Sitz in den Deutschen Linoleumwerken (DLW) war die sogenannte Umsiedlungskommission ansässig, in der die Flüchtlinge im Kreis erfasst und überprüft wurden. In Bietigheim gab es vier Flüchtlingslager bis 1947/1948: das Lager der DLW, das Barackenlager Grünwiesenstraße im Sand, das Lager Farbstraße und das Lager Wilhelmstraße. Bis Anfang 1947 waren in der Stadt 2067 Flüchtlinge aufgenommen worden, die Einwohnerzahl stieg über 11.000 Menschen, heißt es in den Blättern zur Stadtgeschichte.

Ziel war es, die Menschen schnell und geordnet auf die umliegenden Gemeinden zu verteilen, notfalls zeitweise bei Familien unterzubringen. „Jeder Flüchtling hat Anspruch darauf, in einem Privatquartier untergebracht zu werden“, heißt es in einem Bericht im November 1946 im Bietigheimer Amtsblatt.

Skepsis bei den Einheimischen

Die Vertriebenen im Altkreis Ludwigsburg kamen zu 46 Prozent aus dem Sudetenland, zu zwölf Prozent aus Schlesien, zu zehn Prozent aus Ungarn und eine kleinere Anzahl aus Rumänien, Bessarabien, Ostpreußen, Pommern, Westpreußen, Jugoslawien, Russland und dem Baltikum.

Die Eingewöhnungszeit sei für alle schwierig gewesen, sagt Renate Wendt, die 2014 als damals Vorsitzende der Aktiven Senioren Bietigheim im Verein mit Schülern der Realschule Aurain das Buch „Als wäre es gestern gewesen“, mit Berichten von Bietigheimer Heimatvertriebenen erstellte. Die Einheimischen seien skeptisch gewesen, wer da denn komme. „Doch im Laufe der Zeit hat man hier viel Verständnis füreinander entwickelt.“

Ihre Eltern, erzählt Wendt, hatten damals in der Dachgeschosswohnung ihres Hauses ein Ehepaar mit den zwei Söhnen aufgenommen. Vermieter bekamen die geförderten Lakra-Darlehen, wenn sie Vertriebene über zehn Jahre aufnahmen, so Wendt. Kurt Sartorius von der Historischen Gesellschaft Bönnigheim erzählt von einem älteren Paar, das in der kleinen Nachbarswohnung unterkam und sehr freundlich gewesen sei.

„Weil der Zuzug von Vertriebenen und Aussiedlern so massiv war, reichte der Wohnraum in Sand und der Altstadt bei weitem nicht aus“, heißt es vom Stadtarchiv Bietigheim. Deshalb wurde in den Nachkriegsjahren ein komplett neuer Stadtteil aus dem Boden gestampft: das Wohngebiet Buch.

Die Flucht von Horst Balzer, des heute 91-Jährigen, führte per Pferde-Fuhrwerk, LKW, Schiff, Güter- und Personenzug nach Itzehoe in Schleswig-Holstein, wo die Familien wie in Bietigheim auf umliegende Gemeinden verteilt wurden. 1961 fand er Arbeit in Stuttgart, zog nach Bietigheim. Hier gründete Balzer eine Familie und brachte später seine Eltern aus dem Norden her. 1972 zogen sie nach Sachsenheim. „Ich habe immer gleich Anschluss gefunden,“ sagt Balzer , Mitglied im Geschichtsverein Bietigheim, zufrieden, „auch weil ich viel im Sport aktiv war.“

Ein Zeitzeuginnenbericht: „Im Bietigheimer Lager war Endstation“:

„Am 9. Oktober 1946 wurden die deutschen Bewohner in Tschimischel, einem kleinen Dorf in Nordmähren im heutigen Tschechien, vertrieben“, erzählt Marianne Kress. Ihr Vater sei im Krieg geblieben. Die heute 83-Jährige hat die Geschichte ihrer Vertreibung für die im Dezember erscheinenenden Ganerbenblätter Bönnigheims aufgeschrieben. „Mit dem Lastwagen kamen wir, meine Mutter und ich, in die nächste Kreisstadt. Dort wurde unser Gepäck durchsucht und alles was gefallen hat, wurde uns abgenommen“, berichtet die Bönnigheimerin. „Selbst meine geliebte Puppe hat man mir weggenommen. Das war ein schlimmer Verlust für mich.“ Danach seien die Familien in Viehwaggons durch halb Deutschland gefahren. In Seckach, Kreis Buchen, waren sie für drei Wochen in einem Lager untergebracht. Nach einer weiteren Fahrt, so Kress, war in Bietigheim Endstation, im Flüchtlingslager Sand. „Ab hier wurden wir in die umliegenden Gemeinden verteilt. Meine Mutter und ich, gerade mal drei Jahre alt, kamen ins Kameradschaftshaus in Besigheim, bis für uns endlich eine Wohnung gefunden war.“

Marianne Kress und ihre Mutter aus Bönnigheim wurden im Oktober 1946 aus ihrer Heimat in Nordmähren, heute Tschechien, vertrieben. Das Bild zeigt die dreijährige Marianne zu Besuch bei ihrer Tante und Cousine, die sie vor der Flucht öfters besuchte, damit ihre Mutter Zeit hatte zu packen. Die Kleidung und Schühchen auf dem Foto wurden ihr ausgeliehen.

Foto: Marianne Kress/privat

„Der Winter 1946 war sehr kalt“, erzählt sie weiter, „ich hatte nicht mal einen Wintermantel. Kurz nach unserem Einzug stand das erste Weihnachtsfest vor der Tür. Das war für uns eine sehr traurige Erfahrung. Es gab weder einen Weihnachtsbaum, noch gab es Geschenke, nicht mal etwas Schokolade für mich. Meine Mutter hat es sehr geschmerzt, dass sie nicht mal einen wärmenden Tee machen konnte.“

Zu Beginn sei es für beide Seiten nicht leicht gewesen, miteinander auszukommen. Ihre Mutter und sie lebten anfangs zur Untermiete in der Besigheimer Turmstraße bei einer Frau. Damals kam es häufig zur Zwangseinquartierung der Vertriebenen bei Haushalten in Untermiete. „Mit der Zeit wurde aber das Verhältnis immer besser. Und wenn die Hausfrau Dampfnudeln machte, brachte sie uns auch welche. Ich habe nie mehr in meinem Leben so gute Dampfnudeln gegessen.“

In der ersten Nachkriegszeit hätten die Vertriebenen oft Heimweh gehabt, erzählt Kress, „nach einigen Jahren war es aber kaum noch ein Thema.“ Nach wenigen Jahren seien die ersten Häuser gebaut, vieles in Eigenleistung und dank der Unterstützung der Nachbarn, Siedlungen entstanden. „In meiner Klasse wurde ich gut aufgenommen. Dass meine Mutter und ich Heimatvertriebene waren, war für die anderen Kinder kein Thema.“ 1965 kamen Marianne Kress und ihre Mutter nach Bönnigheim. Dort lernte sie ihren heutigen Mann kennen, sie bekamen vier Kinder und feiern bald ihre Diamantene Hochzeit.

Veranstaltungen und Museen, die an die Heimat der Vertriebenen erinnern
Bietigheim zeigt ein kleines Museum eine Sammlung an Alltagsdingen der ehemaligen deutschen Bevölkerung aus Zuckmantel in Tschechien. Die Zuckmantler Heimatstube ist jeden ersten Sonntag im Monat bei freiem Eintritt von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

In der Bietigheimer Schieringer Straße 20, 1. OG, ist ein kleines Museum jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet: Die Zuckmantler Heimatstube zeigt allerlei Alltagsgegenstände aus dem Leben in dieser ehemaligen sudetendeutschen Region im heutigen Tschechien. Auch Trachten werden ausgestellt.

Foto: Martin Kalb

Am Freitag, 16. Oktober, veranstaltet die schlesische Landsmannschaft einen Heimatnachmittag der Ortsgruppe Ludwigsburg ab 17 Uhr im SKV-Heim in Eglosheim. Anmeldung unter (07141) - 31203 (Herr Prahl) oder per E-Mail an schlesien.mbd@gmail.com.

Die Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU) organisiert eine Kulturtagung für den Samstag, 17. Oktober, im Gerlinger Rathaus mit dem Titel „80 Jahre vertrieben – 80 Jahre geblieben“.

Am 23. und 24. Oktober findet vom Bund der Vertriebenen im Stuttgarter Haus der Heimat die jährliche Landeskulturtagung statt. bfi