Video-Schiedsrichter aus Freudental
: Entscheidungen werden final auf dem Platz getroffen

Die BZ begleitete exklusiv den Video-Schiedsrichter Pascal Müller aus Freudental im Video-Assist-Center in Köln bei einem Einsatz in der Fußball-Bundesliga.
Von
Claus Pfitzer
Stuttgart
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Video-Schiedsrichter Pascal Müller (rechts) und Assistent Mike Pickel an der „Workstation“ im Video-Assist-Center in Köln nach der hoch konzentrierten Arbeit beim Spiel zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln.

Claus Pfitzer

Hoch konzentriert verfolgen die Video-Assistenten im „Kölner Keller“ die Spiele der Bundesliga und der Zweiten Liga. Die BZ begleitete den Video Assistant Referee (VAR) Pascal Müller aus Freudental bei der Partie zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Köln. Mit rund 350 nationalen und internationalen Einsätzen verfügt Müller über umfassende Erfahrung. Er war unter anderem in der Bundesliga, den europäischen Vereinswettbewerben, bei Länderspielen sowie in der Türkei, Saudi-Arabien, Griechenland und Ägypten tätig. Der frühere Zweitliga-Schiedsrichter ist seit sechseinhalb Jahren VAR-Spezialist, davon fünfeinhalb Jahre in der Bundesliga. Rund 270 seiner Einsätze entfallen auf die 1. und 2. Bundesliga.

Entscheidungen aus dem Keller

Das Video-Assist-Center befindet sich seit 2017 in den Rheinhallen in Köln-Deutz. Durch die Büroflure von RTL geht es ins Untergeschoss zu zwei Studios mit zusammen rund 100 Quadratmetern. Zehn sogenannte „Workstations“ mit jeweils vier Arbeitsplätzen und acht Bildschirmen stehen dort zur Verfügung. Zur Saison 2027/28 soll das Center an den DFB-Campus in Frankfurt am Main umziehen. Nach den veröffentlichten Planungen soll die Fläche dort mehr als 600 Quadratmeter umfassen.

Während Tobias Welz und Günter Perl mit ihren Teams die Zweitligapartien Energie Cottbus gegen den 1. FC Nürnberg und Holstein Kiel gegen Hertha BSC betreuten, bereiteten sich nebenan Müller, sein Assistent Mike Pickel und zwei Techniker auf Frankfurt gegen Köln vor. Rund 45 Minuten vor dem Anpfiff prüften sie Kamerabilder und Tonverbindungen. Feste Teams gibt es nicht, Müller und Pickel haben aber schon mehrfach zusammengearbeitet. Die Techniker stellen die jeweils benötigten Bilder aus mehr als 30 Kameraperspektiven bereit.

Hinter dem Arbeitsplatz verfolgte Dr. Jochen Drees die Partie und den Funkverkehr. Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter ist in der Sportlichen Leitung der DFB Schiri GmbH für die Video-Assistenten zuständig. Über Kopfhörer waren die Abstimmungen innerhalb des Schiedsrichterteams und teilweise auch Gespräche mit Spielern zu hören. „Safe.“ Immer wieder kam diese Rückmeldung aus Köln bei Schiedsrichter Benjamin Brand an. Müller und Pickel prüften im Hintergrund die für den VAR relevanten Szenen. Als Brand bei einem Zweikampf mit Kölns Said El Mala weiterspielen ließ, kam ein Lob aus Köln: „Sehr gut, Benni.“ Bei Standardsituationen lenkte Müller die Aufmerksamkeit seines Teams gezielt auf mögliche Vergehen: „Auf Handspiel achten.“

Bilder müssen Pfiff widerlegen

Besondere Aufmerksamkeit erforderte ein Luftzweikampf im Frankfurter Strafraum. Der bereits verwarnte Lilian Brassier hatte Luka Lochoshvili mit dem Ellbogen am Kopf getroffen, aber auch sauber den Ball aus dem Strafraum geköpft. Brand entschied auf Weiterspielen. Müller prüfte einen möglichen Strafstoß und erkannte nach Sichtung mehrerer Perspektiven keine klare und offensichtliche Fehlentscheidung, die einen Eingriff gerechtfertigt hätte. Maßgeblich ist, ob die Bilder die ursprüngliche Entscheidung eindeutig widerlegen. Die endgültige Entscheidung trifft weiterhin der Schiedsrichter auf dem Platz.

„Check complete – Tor korrekt“

Auch der Frankfurter 1:0-Siegtreffer durch Younes Ebnoutalib nach einem Zuspiel von Noel Aseko erforderte einen genauen Blick. Bei jedem Tor wird unter anderem geprüft, ob im maßgeblichen Angriff ein Abseitsvergehen, ein Foul oder ein strafbares Handspiel vorlag.

Assistent Thomas Stein hatte kein Abseits angezeigt, Brand auf Tor entschieden. Das Team in Köln kontrollierte noch mit Unterstützung der halbautomatischen Abseitstechnologie den „Kickpoint“, also den maßgeblichen Abspielzeitpunkt und die weiteren relevanten Szenen. „Wir checken noch, sieht gut aus“, meldete Pickel. Dann kam von Müller: „Check complete, Tor korrekt.“ Hinterher erklärte er: „Beim 1:0 war es ganz eng. Da musste ich mir die Linien zeigen lassen.“

Warum ein Check manchmal länger dauert, erläutert Müller so: „Ich kann gut verstehen, dass längere Checks bei den Zuschauern für Unmut sorgen. Gerade im Stadion ist oft nicht erkennbar, was wir prüfen. Bei einem Tor können mehrere Fragen zusammenkommen: Lag Abseits vor? Gab es zuvor ein Foul oder ein strafbares Handspiel? Dafür brauchen wir die passenden Kamerabilder und bei knappen Abseitsentscheidungen den genauen Abspielzeitpunkt sowie die Linien. Unser Anspruch ist, die Prüfung so schnell wie möglich abzuschließen. Gleichzeitig brauchen wir eine verlässliche Grundlage für die Entscheidung.“

Pickel unterstützte Brand außerdem mit Hinweisen auf bereits verwarnte Spieler und bei der Ermittlung der Nachspielzeit. Für Spielerwechsel während der beiden Halbzeiten werden in der Bundesliga inzwischen zehn Sekunden je Wechsel angesetzt. Bei zehn solchen Spielerwechseln beider Mannschaften ergibt das eine Minute und 40 Sekunden. In der Vorsaison kamen bei sechs vollständig genutzten Wechselfenstern mit jeweils 30 Sekunden insgesamt drei Minuten zusammen. Gemeint ist dabei nur der wechselbedingte Anteil der Nachspielzeit. Andere Unterbrechungen werden zusätzlich berücksichtigt.

Auch mit seinem Hauptberuf ist der Vater zweier Kinder „absolut glücklich und zufrieden“. Seit dem 1. Oktober 2026 leitet Müller das Referat 14 (Personal) beim Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) in Stuttgart.