Vaihingen: Erste Hilfe für stachelige Notfälle

Tatjana Bauz mit der kleinen Igeldame Smartie. Sie kam unterernährt zu ihr, wird aktuell liebevoll aufgepäppelt und die Chancen, dass sie überleben wird, stehen ebenfalls sehr gut.
Michaela GlemserA
ufgeweckt krabbelt die kleine Smartie in ihrer Box umher und verkriecht sich in ihr warmes Kuschelsäckchen. Acht Wochen ist die kleine Igeldame jetzt alt und bringt 200 Gramm Körpergewicht auf die Waage. Smartie muss noch mindestens 400 Gramm an Gewicht zulegen, damit sie den Winterschlaf in diesem Jahr mühelos übersteht.
„Igel, die mit unter 600 Gramm Körpergewicht in den Winterschlaf gehen, wachen im Frühjahr in der Regel nicht mehr auf. Daher haben wir jetzt noch alle Hände voll zu tun, um unsere derzeit 24 Igel aufzupäppeln“, erzählt Tatjana Bauz, die gemeinsam mit ihrem Mann Sebastian seit 2021 im Vaihinger Teilort Enzweihingen eine ehrenamtliche Igel-Hilfe betreibt.
Zur Igelexpertin geworden
Tatjana Bauz hat sich inzwischen durch eine Prüfung, einen Sachkundenachweis und mehrere Fortbildungen zu einer wahren Igelexpertin entwickelt und erkennt meist auf den ersten Blick, ob ein Igel ernsthaft erkrankt ist und dringend Hilfe benötigt. Zudem kann sie auf die Unterstützung eines Tierarztes zurückgreifen. „Meist informieren uns die Menschen telefonisch oder über die Sozialen Medien über einen aufgefundenen, kranken oder schwachen Igel, den sie entweder selbst zu uns bringen oder mit dem ‚Tier-Taxi‘ zu uns transportieren lassen“, erklärt Bauz. Oft haben die stacheligen Tiere offene Wunden, die versorgt werden müssen, oder andere Verletzungen.
Im August kommen viele Jungtiere in die private Igel-Station, da die Mutter des Igelnachwuchses das Nest verlassen hat, weil sie aufgeschreckt oder überfahren wurde. Manche Igelmütter können auch ihre bis zu sieben Jungen nicht aus eigener Kraft aufziehen. „Die Kleinen müssen wir alle zwei bis vier Stunden mit der Spritze füttern, auch nachts. Bei manchmal bis zu zehn Igeljungtiere, die wir zeitgleich unter unserer Obhut haben, kann dies sehr anstrengend werden“, berichtet Bauz.
Katzenfutter stärkt die Igel
Gefüttert werden die Igel bei Familie Bauz mit Katzenfutter mit einem Fleischanteil von mindestens 80 Prozent oder mit Soldatennahrung. Jeder Igel hat in der Igelstation seine eigene Kiste oder Box, in der das Tier verbleibt, bis es wieder ausgewildert werden kann.
„Viele Finderfamilien möchten die Auswilderung selbst in ihrem Garten vornehmen und die Igel kommen manchmal noch Jahre danach wieder in den Garten zurück“, schildert Bauz.
Sie appelliert an Hobbygärtner, gerade jetzt im Herbst auch einen Laubhaufen einmal im heimischen Grün liegen zu lassen, damit die stacheligen Gesellen darin Schutz und Wärme suchen können. Über einen insektenfreundlich angelegten Garten freuen sich die Igel ebenfalls, die sich hauptsächlich von Käfern oder Raupen ernähren. „Es ist ein Irrglaube, dass Igel Schnecken fressen, denn davon werden sie krank. Schnecken können die gefährlichen Lungenwürmer übertragen. Nur im äußersten Notfall rühren Igel Schnecken an“, unterstreicht Sebastian Bauz. Ein großes Problem für die kleinen Tiere stellen auch die Mähroboter dar, die in immer mehr Gärten zu finden sind.
„Jeder Gartenbesitzer sollte sich fragen, ob er seinen Mähroboter unbedingt nachts und ununterbrochen auf dem Rasen umherfahren lassen muss“, gibt Bauz zu bedenken.
Die Tiere werden liebevoll gepflegt
Wenn ein Igel Atemnot hat, apathisch durch den Garten torkelt, sichtbare Wunden oder Verletzungen zeigt oder auch in der Winterzeit noch wach ist, ist ein Anruf bei der Igel-Hilfe in Enzweihingen ratsam.
Die Igel erhalten in der ehrenamtlichen Station einen Namen und werden liebevoll gesund gepflegt. Für interessierte Finderfamilien finden auch Informationsabende darüber statt, wie die Tiere bei der Auswilderung begleitet werden können. „Wir finanzieren uns nur durch Spenden, erhalten Futtergaben vom Tierheim Vaihingen und verkaufen selbst hergestellte Dekorationsartikel – beispielsweise auf Weihnachtsmärkten in den umliegenden Gemeinden“, berichtet das Ehepaar aus Enzweihingen.
Für diese Spendenaktionen würden sie sich auch über weitere Unterstützung freuen. Für die kleine Igeldame Smartie jedenfalls sehen die Prognosen positiv aus. „Wenn sie weiterhin so gut an Gewicht zunimmt, kann sie schon bald ausgewildert werden und wird den Winter gut überstehen“, hofft Tatjana Bauz.