Umweltfreundliche Kernenergie?: Für GKN-Gegner der Super-GAU

Atomkraftgegner bei einem der Sonntagsspaziergänge vor die Tore des GKN im Sommer 2013. ⇥
Pangerl HelmutTaxonomie – hinter diesem allgemeinen, sperrigen Begriff verbirgt sich das Bemühen der EU-Kommission, die Erzeugung von Energie durch Atomkraft und mittels Gas einheitlich einzuordnen: als umweltfreundlich und geeignet, die CO2-Emissionen auf Dauer zu senken. Das diene dem Klimaschutz. Klar formuliertes Ziel ist aber auch: Mittels dieser Einschätzung sollen Investoren mobilisiert werden, die teuren Kernkraftwerke zu bauen – vermutlich mit Hilfe von EU-Fördergeldern. Innerhalb der Europäischen Union wäre Deutschland, wo in etwa einem Jahr die letzten Kernkaftwerke abgeschaltet werden, darunter Block II des GKN in Ludwigsburg, mit seiner Energiepolitik damit isoliert.
„Grundverkehrt“ sei dies aus Sicht der Bundesregierung, sagt Sandra Detzer, Bundestagsabgeordnete der Grünen im Wahlkreis Ludwigsburg. Sie führt die bekannten Argumente gegen Kernkraft an: die ungeklärte Endlagerfrage, das hohe Sicherheitsrisiko, die teure Infrastruktur im Vergleich zu erneuerbaren Energien. Gibt es noch eine Chance, die EU-Taxonomie zu verhindern? Das sei offen, sagt die Abgeordnete. Detzer gibt sich überzeugt: Die Atomkraft wird in der EU keine Zukunft haben.
Kernenergie kommt teuer
Und wenn doch Geld der EU und damit auch aus Deutschland beispielsweise nach Polen fließt, um dort ein AKW zu bauen? Ließe sich das den grünen Wählern überhaupt vermitteln? Diese Gefahr sieht Detzer momentan nicht. Sie bezweifelt, dass ein EU-Land wie Polen den Einstieg in die Atomkraft tatsächlich betriebswirtschaftlich realistisch planen könnte. Ihnen fehlten die finanziellen Mittel, es sei zu teuer. Daran werde auch die Taxonomie der EU nichts ändern.
Seit rund 35 Jahren kämpfen Herbert Würth und Markus Steuerwald gegen den Einsatz der Kernenergie, in den Reihen des Anti-Atomkraftbündnisses Castor-Widerstand. Für Würth war der Auslöser des Protests der Beschluss zum Bau von Block II in Neckarwestheim im Jahr 1983, für Steuerwald die Katastrophe von Tschernobyl 1986. Würth, der nach einer kaufmännischen Ausbildung viele Jahre bei einem Autozulieferer tätig war, bezeichnet sich selbst als „Atomkraftgegner von Beruf“. Er ist seit den Protesten gegen die Castor-Transporte nach Gorleben 1997 aktiv, bei denen die Protestbewegung einen großen Zulauf bekam.
Mit den beiden Beschlüssen zum Atomausstieg im Jahr 2000 durch die Regierung Schröder und nach der Fukushima-Katastrophe 2011 durch die Regierung Merkel verlor die Protestbewegung an Zulauf. Doch Würth, Steuerwald und einige andere Aktivisten hielten durch, protestierten gegen den Bau von Interimslager und Zwischenlager für Castor-Behälter, gegen den Transport von Castoren über den Neckar nach Neckarwestheim und organisierten in den letzten Jahren die Sonntagsspaziergänge. Sie führen bekanntlich von Kirchheim vor die Tore des GKN. Ihre Kritik daran, dass GKN II nach wie vor in Betrieb ist ergänzen sie seit einigen Jahren mit Infos über die Energiewende.
Jetzt müssen Würth und Steuerwald mit ansehen, dass die Atomkraft womöglich in großen Teilen Europas wieder an Geltung und Renommee gewinnt. „Ein politischer Skandal“ sei das, meint Würth, an dem auch die aktuelle Bundesregierung in Teilen schuld sei – der Super-GAU, um in der Sprache der Atomkraftgegner zu bleiben. Seit Anfang 2021 sei die Taxonomie unter Beteiligung der großen Koalition verhandelt worden. Die Grünen hätten dazu mit Blick auf die Bundestagswahl geschwiegen.
Wird die Einschätzung der Atom-Energie als umweltfreundlich Realität, ziehe das der Protestbewegung aber keinesfalls den Boden unter den Füßen weg. „Wir werden national und international den Protest dagegen organisieren“, kündigt Würth an. Und das schon beim nächsten Sonntagsspaziergang am 6. Februar, 14 Uhr.
Aus Sicht von GKN-Betreiber EnBW ändert sich durch die EU-Politik nichts an ihrer Erzeugungsstrategie, wird in einer Stellungsnahme des Energieerzeugers deutlich. Die EnBW habe nach beschlossenem Atomausstieg die Energiewende aktiv weiter vorangetrieben. Von den fünf Kernkraftwerken, die einst betrieben wurden, sei heute nur noch Block II in Neckarwestheim in Betrieb.
Die anderen vier Anlagen werden zurückgebaut, der Verwaltungs-Prozess für den Rückbau von Block II sei weit fortgeschritten, dies sei eine langfristige Strategie. Das heißt: Alle diese Schritte lassen sich nicht mehr zurückdrehen. „Die Nutzung der Kernenergie für die Stromproduktion hat sich damit in Deutschland erledigt“, erklärt eine Unternehmenssprecherin.