Trauer
: Wenn die Erinnerungen wie eine Lawine fließen

Kerstin Meyle, Bestatterin aus Tamm hat eine zweieinhalbjährige Ausbildung zur zertifizierten Trauerbegleiterin gemacht und ist freie Trauerrednerin.
Von
Gabriele Szczegulski
Ludwigsburg
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In der Aussegnungshalle in Margröningen hält Kerstin Meyle Trauerreden. Dabei muss die Rede nicht immer tieftraurig sein, sondern kann auch lustige Erinnerungen enthalten. ⇥

Martin Kalb

Am Anfang einer Ausbildung zum Trauerbegleiter steht die Psychologie. Erst wenn man sich selbst versteht, so erklärt Trauerbegleiterin Kerstin Meyle aus Tamm, könne man Empathie für andere empfinden und eine Hilfe für Trauernde sein.

Die Ausbildung zum Trauerbegleiter ist vom Bundesverband Trauerbegleitung genau beschrieben. Für Kerstin Meyle, die die Qualifizierung in zwei Jahren in Lübeck und Kassel absolvierte, war es „unbedingt notwendig, Trauer zu verstehen, um meinen Beruf als Bestatterin gut zu machen“. Kerstin Meyle ist Mitinhaberin der Firma Bestattungen Meyle, die auch in Markgröningen, Sachsenheim, Bietigheim-Bissingen und Asperg Filialen unterhält. Zudem ist sie freie Trauerrednerin. Wenn Angehörige keinen Pfarrer als Redner wollen, sorgt sie für die richtigen Worte.

Andenken bewahren

Die Ausbildung half ihr nicht nur dabei, den Hinterbliebenen eine gute Begleitung zu sein, sondern vor allem, alles dafür zu tun, um auch das Andenken des Toten zu bewahren: „Die wirkliche Trauerbegleitung beginnt erst zirka drei Monate nach dem Tod eines geliebten Menschen, vorher ist das noch gar nicht möglich, weil die Hinterbliebenen noch zu beschäftigt und auch für nichts anderes zugänglich sind als für ihre persönliche Trauer.“ Die professionelle Trauerbegleitung soll einen sicheren, geschützten Rahmen zum Wahrnehmen der Gefühle bieten, mit Platz für Abschiedsrituale, Gesprächen und individuellen Ausdrucksformen der Trauer. Trauerbegleitung kann in Einzelbegegnungen, in der Familie oder in Gruppen stattfinden. „Gemeint ist damit eine zwischenmenschliche Begleitung, denn wenn ich merke, ein Mensch wird durch seine Trauer krank, muss ich ihn an den Arzt verweisen, dann benötigt er professionelle Hilfe“, sagt Meyle.

Trauer als natürliche Reaktion auf Verlust erfordere keine Therapie, sondern Menschen, die in der Lage sind, sich solchen Situationen zu stellen, sie aus halten und auf Augenhöhe im Tempo des Trauernden in eine menschliche Begleitung zu gehen, so Meyle. Es sei aber auch für den Trauerbegleiter wichtig, sich ständig selbst zu reflektieren, seine Sozialkompetenz zu überprüfen. „Es braucht eine starke innere Haltung und viel Empathie, um sich achtsam um Trauernde zu kümmern“, so Meyle. Oft sei es nur eine Stunde mit Kaffee und Kuchen, die dem Trauernden zeige, das Leben habe auch noch schöne Seiten. Die Ausbildung hilft ihr auch, ihre Aufgabe als freie Trauerrednerin auszuüben. Die Suche nach Erinnernswertem im Leben des Verstorbenen sei die erste Trauerarbeit für Hinterbliebene.

Respekt vor den Toten

Indem gemeinsam Fotos ausgesucht werden, würden Erinnerungen an ein ausgefülltes Leben wach, dass den Angehörigen Trost spende. Sie müsse den Verstorbenen „spüren“. Wenn von den Angehörigen Sätze kommen wie „Ohne Käsekuchen war es bei meiner Mutter kein Sonntag“, dann „habe ich es richtig gemacht“, so Meyle. Meistens kämen dann die Erinnerungen „wie eine Lawine“. Dann könne sie die Trauerrede ganz persönlich halten. Fünf bis sechs Stunden schreibe sie an einer Trauerrede, so viel Zeit wolle sie sich schon aus Respekt vor dem Toten nehmen. „Ich habe kein Schema, wie ich die Reden schreibe, jede Rede ist anders, auf den Verstorbenen und seine Angehörigen zugeschnitten“, sagt sie.

Für ihre Aufgabe als Trauerbegleiterin, wie als Bestatterin sei Achtsamkeit gegenüber Lebenden und Verstorbenen die wichtigste Eigenschaft, sagt Kerstin Meyle. „Lebenden zu helfen und Verstorbene wert zu schätzen, das ist doch ein toller Beruf“, sagt sie.