Theatersommer in Ludwigsburg
: Ein „Sturm“ zieht auf

Die Peter-Kratz-Inszenierung von William Shakespeares „Der Sturm“ entfesselte bei der Premiere im Clussgarten in Ludwigsburg tosenden Applaus.
Von
Heike Rommel
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Shakespeares „ Der Sturm“ war im Clussgarten Ludwigsburg zu sehen.

/Oliver Bürkle

Es darf auch bei einem Drama gelacht werden und es muss nicht immer Hochsprache sein: Mit seiner freien Inszenierung von William Shakespeares „Der Sturm“ ist es Peter Kratz, dem Intendanten des Theatersommers Ludwigsburg, gelungen, einen wuchtigen Klassiker der Weltliteratur für alle Generationen angenehm und interessant zu machen. Bei der Premiere im Clussgarten in Ludwigsburg gab’s tosenden Applaus für das turbulente Insel-Schauspiel mit Livemusik.

Beeindruckendes Bühnenbild

Eine Steinküste für die zahlreichen Handlungsebenen, Sand, Totholz, Blumenkübel mit Pampasgras, ein Meer aus blauen Stoffstreifen, Seerosen und karibisches Flair standen als Bühnenbild wieder einmal dafür, wie viel das Theatersommer-Team aus wenig machen kann. Was auf der Insel unter dem Handlungsführer Prospero (Andreas Klaue) passierte, spielte in alle politischen und menschlichen Lebensbereiche hinein. Vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis heute.

Prospero, der Herzog von Mailand, ist von seinem Bruder Antonio (Sandro Howald) vertrieben worden und lebt mit seiner Tochter Miranda (Yasmin Münter) auf dieser einsamen Insel. „Nicht quälen“ jammert der wilde Ureinwohner Caliban, Sohn der Hexe Sycorax (Lennart Alessandro Naether) versklavt vom Tyrannen Prospero, der das beste Beispiel für einen Kolonialherren abgibt und unbedingt verhindern muss, dass sich seine pubertierende Tochter auf die wilde Bestie einlässt. Mit hochgeklappten Sonnengläsern seiner Brille erblickt Prospero das Schiff seines verhassten Bruders. „Ariel erscheine“ kommt hier die Magie ins Stück. Der Luftgeist (Janina Zamani) entfacht den Sturm und lässt das Schiff an der Insel stranden. „Meine Rache lodert flammengleich“, dirigiert der Hauptdarsteller die Zuschauer durch weitere Themen vom Herrschaftsanspruch des Menschen über die Natur, politische Intrigen, Ausbeutung, Bruderzwist, Mordlust, Neid, und Erbkrieg, wobei die Songs des Hauskomponisten John King, den Schauspielern auf den Leib geschrieben, eine zentrale Rolle spielen. Beim singen von Blues und Popmusik hängen sie locker aus Bühnenseilen auf den Herrscher herab, bis dieser seine Magie aufgibt, Caliban begnadigt, Ariel freilässt und Miranda ihren Ferdinand (Sandro Howald) heiraten lässt.

Howald und Zamani, die auch noch als Antonios Mätresse Trincula auftritt, spielen ihre Doppelrollen in „Der Sturm“ so gekonnt, dass es dem Publikum kaum auffällt. Als Antonio und seine Mätresse suchen sie den totgeglaubten Ferdinand als Repräsentanten der königlichen Gesellschaft wie zwei zu schrill gekleidete Touristen im Tigermuster-Outfit und verpesten die reine Inselluft auch noch mit süßlichem Chanel-Duft. Sportlich und auch akrobatisch fit zeigen sich alle um den Protagonisten Prospero und das mit sattem zweisprachigen und aus verschiedenen Sprachstilen kommenden Text für zwei Stunden Spieldauer. Prospero liest auch in Hochsprache aus dem dicken Schinken vor, der als Gesamtausgabe von William Shakespeare mit auf die Insel verbannt worden ist.

Ob der Dramatiker durch die zufällige Entdeckung der Bermudas durch die Engländer im Jahr 1609 zu „Der Sturm“ angeregt wurde, weiß keiner so genau. Der Intendant des Theatersommers, Peter Kratz jedenfalls hat das Potenzial des Werkes für die heutige Zeit erkannt und bis zum Thema Selbstversorger mit Papayas und Mangos ohne Kartoffelsalat und Dosenpfirsiche gut ausgeschöpft.

Der Zuschauer findet sich wieder in Shakespears Menschenbild und dessen Wertesystem. Im modernen „Sturm“ darf es dabei auch durchaus komödiantisch zugehen, wenn Miranda den Ureinwohner Caliban fragt „what a fuck, from what for a world are you“, bevor Prospero in einer Trockeneiswolke von Inselnebel original säuselt, „wir sind aus einem Stoff, aus dem die Träume sind“.

„Nun dringt mein Werk voran:“ Darauf kann Peter Kratz mit seiner Shakespeare-Inszenierung aus Prosperos Munde gesprochen getrost hoffen, nachdem er mit „Der Sturm“ zum 33sten Mal die Ludwigsburger Freilichttheatersaison eröffnet hat.   Heike Rommel