Tamm
: „Wir bringen Menschen in Arbeit“

Die Restart Bildungsakademie bietet eine niederschwellige Weiterbildung in innovativen Kfz-Reparaturen an. Die Vermittlungsquote liegt bei rund 90 Prozent. Die BZ hat die Einrichtung in der Tammer Bahnhofstraße besucht und nach ihrem Erfolgskonzept gefragt.
Von
Claudia Mocek
Tamm
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Vor vielen Jahren ging Bülent Düzgün(links) bei Gerhard Veyhle in die Lehre. Nun leiten die beiden gemeinsam die Restart Bildungsakademie in der Bahnhofstraße 30 in Tamm.

/Martin Kalb

Wenn man es genau nimmt, sind wir ein Start-up“, sagt Prokurist Gerhard Veyhle. Gemeinsam mit dem Kaufmann Bülent Düzgün hat der frühere Besitzer eines Autohauses 2019 die Restart Bildungsakademie in Tamm gegründet. In Weiterbildungen lernen dort rund 60 Männer und Frauen pro Jahr in elf Monaten innovative Kfz-Reparaturmethoden. Rund 90 Prozent der Teilnehmer werden in den Arbeitsmarkt vermittelt. Außerdem bietet Restart Deutschkurse an und organisiert ein interkulturelles Café.

Ausbeultechniken ohne spachteln zu müssen, Kratzer mithilfe einer UV-Lampe reparieren, ohne Lackieren zu müssen: Smarte Reparaturen sind aus den meisten Kfz-Werkstätten nicht mehr wegzudenken. Denn sie sind kostengünstig, sagt Düzgün. Wer die Methoden beherrscht, werde als Fachkraft gesucht.

„Die Vergangenheit der Teilnehmer ist uns egal“

Vor einigen Jahren war ihm aufgefallen, dass diese Spezialisten nirgendwo in Baden-Württemberg ausgebildet werden. Das wollte er ändern und gründete Restart. Doch bevor die Bildungsakademie offiziell als Weiterbildungseinrichtung anerkannt wurde, waren viele Vorarbeiten nötig – Genehmigungen und Gespräche mit Behörden und Institutionen. Der Pragmatiker Düzgün erinnerte sich an seinen früheren Ausbildungschef Gerhard Veyhle und holte den besonnenen und gut vernetzten Fachmann mit ins Boot. Mittlerweile kann man bei Restart mehr lernen als nur innovative Reparaturmethoden.

„Der größte Teil unserer Teilnehmer sind Menschen mit Sprachproblemen“, sagt Veyhle. Ihr Angebot sei niederschwellig, die Menschen müssen sich zwar auf Deutsch verständigen könne, benötigen aber kein bestimmtes Sprachzertifikat. „Die Vergangenheit der Teilnehmer ist uns egal“, sagt Düzgün. Bei der Restart Bildungsakademie steht die Praxis an erster Stelle.

An den Arbeitsmarkt gewöhnen

In der elfmonatigen Weiterbildung lernen die Teilnehmer nicht nur das Handwerk kennen. Sie werden auch an die Gepflogenheiten des deutschen Arbeitsmarktes gewöhnt, zum Beispiel was Pünktlichkeit angeht. „Wir simulieren einen echten Betrieb“, sagt Veyhle. Die Leistungen jedes einzelnen werden täglich dokumentiert und von einem Restart-Vertreter sowie dem Teilnehmer unterschrieben. Das ermögliche das rasche Gegensteuern bei Problemen. „Wir füllen die Lücke zwischen Ausbildung und Nichttätigkeit“, sagt Düzgün. Ihre wichtigste Aufgabe sei es, „Menschen in Arbeit zu bringen“, sagt er. Und damit ist Restart erfolgreich – die Vermittlungsquote der Teilnehmer liege bei rund 90 Prozent. Eine rasche Vermittlung in Arbeit wirke sich auch positiv auf die Demokratie aus, ist Düzgün überzeugt.

„Handwerk bedeutet üben, üben, üben“, sagt Veyhle. Neben dem Lernen der Theorie arbeiten die Teilnehmer an Übungsfahrzeugen – vom ersten Tag an. Besonders gute Erfahrungen hat Restart mit Teilnehmerinnen gemacht, „sie sind oft die Besten“, sagt Düzgün.

In dem Haus, in dem Restart untergebracht ist, sind in den oberen Stockwerken Geflüchtete durch das Landratsamt untergebracht. „Wir sind das einziges Objekt mit einer solchen Kombination“, sagt Düzgün. Das Pilotprojekt habe sich bewährt. Wer oben einziehe, könne quasi am nächsten Tag die Sprache in einem der sieben Deutschkurse lernen, die Restart mittlerweile auch anbietet – mit paralleler Kinderbetreuung. Montags und donnerstags gibt es in den Räumen zudem ein interkulturelles Café. Neben der fachlichen Ausbildung steht die Förderung des einzelnen durch einen Sozialarbeiter oder eine Psychologin im Vordergrund. „Besser kann man nicht aufgestellt sein“, habe ein Sozialarbeiter gelobt.

Mit Ministerien im Austausch

Die Weiterbildungsakademie ist zertifiziert und bei entsprechender Voraussetzung zu hundert Prozent durch die Agentur für Arbeit, das Jobcenter und die Rentenversicherung förderfähig. Restart ist unter anderem Mitglied im Netzwerk für berufliche Fortbildungen Ludwigsburg. Gerhard Veyhle sitzt nicht nur dem Netzwerk vor, er steht auch im regelmäßigen Austausch mit verschiedenen Ministerien.

Sonax, Pro Glas, Flex: Die Bildungsakademie arbeitet mit verschiedenen Firmen zusammen und fungiert für sie als eine Art Trainingsstützpunkt. Dadurch bekommen die Teilnehmer die Gelegenheit, mit deren neuesten Produkten zu arbeiten – zum Beispiel mit Folien, die selbstständig einen Steinschlag heilen können, lernen neue Versiegelungstechniken, die Reinigung mit Trockeneis oder neuartige Lederreparaturen kennen.

Ob als Fachkraft in einer Werkstatt oder als selbstständiger Dienstleister: Die hervorragende Vermittlungsquote von Restart habe sich vor allem über Social Media herumgesprochen. Wer an der Weiterbildung teilnehmen möchte, muss mittlerweile mit einer Wartezeit von rund drei Monaten rechnen: „Wir sind voll“, sagt Düzgün.