Tamm: Wie Buchjuroren arbeiten

Stefanie Uhl und Werner Stephan können bei Bedarf auch schnell lesen. Die beiden Bibliothekare sind Teil der Jury des Buchpreises „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung.
/Martin KalbAuf Buchcovern prangen sie: die Sticker mit dem Verweis auf die Long- oder Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Manch Leser hat zu Hause ein Regal extra für die Gewinner des Literaturnobelpreises reserviert. Buchpreise machen Autorinnen und Autoren sichtbar und bringen eine große Aufmerksamkeit auf Lektüren, die im Zuge der Preisverleihungen thematisiert werden. Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse wird nun auch wieder der Deutsche Buchpreis han diesem Montag im Frankfurter Römer verliehen.
Manch einer möchte Mäuschen spielen, um zu erfahren, wie die Jury zu ihrem Ergebnis kommt. Beim Deutschen Buchpreis ist jedoch alles geheim, doch nicht bei allen Buchpreisen ist das so. Einen Blick hinter die Kulissen konnte die BZ im Gespräch mit Stefanie Uhl und Werner Stephan werfen. Die Leiterin der Tammer Stadtbücherei und der Tammer und ehemalige Direktor der Universitätsbibliothek Stuttgart sind Mitglieder der Jury, die den Buchpreis „Das politische Buch“ vergibt. Der Preis der SPD nahen Friedrich-Ebert-Stiftung ist mit 10.000 Euro dotiert und wird seit 1982 verliehen.
Werner Stephan ist bereits seit 1989 Mitglied in der Jury und fragte vor zwei Jahren Stefanie Uhl an, ob sie sich vorstellen könne, in die Jury zu kommen. „Durch Gespräche im Kollegenkreis bin ich auf Frau Uhl gekommen“, sagt Stephan. Durch ihre Forschung zu Bibliotheken als Ort der Menschenrechtsbildung habe sie sehr gut in die Jury gepasst und wurde aufgenommen. Er selbst kam 1989 über eine Kollegin in die Jury, die das Gremium verlassen wollte. Seit zwei Jahren lesen sich die beiden nun gemeinsam durch die Einreichungen zum Buchpreis „Das politische Buch“.
Checkliste erstellen
In Uhls erstem Jury-Jahr wurden mehr als 300 Bücher und Schriften eingereicht. „Das war schon viel. In der Regel sind es 220 bis 250“, erklärt Stephan. Und dann begann für die beiden Jurymitglieder die Recherche. „Zuerst habe ich mir Kurzrezensionen und die Vita der Autorinnen und Autoren angesehen. Damit habe ich mir eine Art Checkliste erstellt für die erste Jury-Sitzung im November“, erklärt Uhl. Dabei achtet die Bibliothekarin auch auf besondere Autorenhintergründe. „Der Buchpreis soll natürlich auch abbilden, was die Leserschaft in den Bibliotheken erreicht und den Zeitgeist des jeweiligen Jahres treffen“, sagt Uhl. In diesem Jahr lag der Fokus der Einreichungen auf dem Thema KI und Ethik in der Digitalisierung.
Durch Stefanie Uhls Arbeit in der Bücherei bringe sie einen wichtigen Blick mit in die Jury, als Leiterin einer kleineren Stadtbücherei, sagt Stephan. Das sei wichtig, um möglichst aus vielen Blickwinkeln über die Einreichungen zu diskutieren.
Bei der ersten Sitzung liegen dann alle eingereichten Bücher in dreifacher Ausführung in einem Raum. „Das sieht ganz schön beeindruckend aus“, sagt Stephan. Dann geht es in die Diskussion. Die Mitglieder besprechen, welche Bücher in die engere Auswahl kommen. „Diese Vorabauswahl und die Recherche zu den Büchern ist eine zunehmend wichtige Aufgabe“, sagt Uhl.
Gerade bei politischen Büchern gebe es eine Unterwanderung der demokratischen Werte auch im Bibliothekswesen. „Wir müssen die Gefahr umgehen, unbeabsichtigt instrumentalisiert zu werden“, sagt Uhl. „Bibliotheken müssen die Öffentlichkeit informiert halten, aber dann auch darauf hinweisen, dass manche Inhalte gefährlich sind“, sagt Stephan, der dies noch zu gut aus seiner Zeit als Bibliotheksleiter der Uni Stuttgart kennt. Nachdem die Argumente in der Jury ausgetauscht wurden, wird die erste Auswahl aufgeteilt. Jedes Jurymitglied liest bis Weihnachten fünf bis sechs Bücher. Jedes ausgewählte Buch erhält drei Jury-Leser, die sich dann zur gelesenen Lektüre austauschen. Das sei zwar eine relativ kurze Zeit, doch die beiden Bibliothekare sind erfahrene Leser.
Acht Sekunden pro Seite
Während seiner Zeit in der Deutschen Nationalbibliothek hat sich Werner Stephan ein besonders schnelles Lesetempo angeeignet. „Ich kann mit einer Geschwindigkeit von acht Sekunden pro Seite lesen“, sagt er. Das habe er sich aneignen müssen, da er für die Verschlagwortung der neu angekommenen Bücher zuständig war. „Da hatte ich 30 bis 40 neue Bücher pro Tag auf dem Tisch.“
Sind die Bücher gelesen, geht es für die Jury dann in die zweite Runde: „In der zweiten Runde sind dann um die 30 Bücher übrig und meist werden acht bis zehn davon ernster diskutiert“, sagt Stephan.
Diskussion oder Einigkeit
Daraus muss dann sowohl das Gewinnerbuch als auch fünf weitere Bücher ermittelt werden, die auf einer Empfehlungsliste landen. „2024 waren wir uns schnell einig für ein Buch“, erinnert sich Uhl. „Und ansonsten wird eben diskutiert“, sagt Stephan. Es sei ein echter Meinungsaustausch, sind sich die beiden Jurymitglieder einig. „Man lernt wahnsinnig viel“, erklärt Uhl ihre Motivation in der Jury mitzuarbeiten. So erweitere sie ihren Blick als Frau aus Süddeutschland und erfahre, was die gesellschaftlichen Themen in Nord- und Ostdeutschland sind. Oder auch wie das deutschsprachige Ausland auf deutsche Gesellschaftsthemen blickt.
„Im Februar fällt dann die Entscheidung, wer der Preisträger ist und am 10. Mai wird der Preis in Berlin bei der Friedrich-Ebert-Stiftung verliehen“, sagt Stephan. Für die Verleihung werde dann ein besonderer Redner meist aus der Politik für die Laudatio ausgesucht. Danach beginne der Kreislauf von Neuem. Bis zum 31. Oktober können die Schriften eingereicht werden und dann beginnt die Jury wieder ihre Arbeit.
Buchpreis „Das politische Buch“
Der Buchpreis „Das politische Buch“ der Friedrich Ebert Stiftung, der seit 1982 verliehen wird, nimmt nicht nur Sachbücher in den Blick, auch Kinder- und Jugendbücher sowie Romane können eingereicht werden. „Ausgezeichnet werden herausragende Neuerscheinungen, die sich kritisch mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinandersetzen, richtungsweisende Denkanstöße geben und diese Inhalte einem breiten Publikum zugänglich machen“, heißt es auf der Homepage der Stiftung.
Zu den Preisträgern gehören auch politische Persönlichkeiten wie der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, der Altbundeskanzler Helmut Schmid und Michail Gorbatschow.
„Die Verleihung an Václav Havel war mein erstes Jahr in der Jury. Damals sind wir alle nach Prag gereist, um den Preis zu überreichen“, erzählt Werner Stephan. Das war 1989. Während die Preisverleihung anfangs noch in Bonn stattfanden, da dort der Sitz der Stiftung war, finden diese nach dem Umzug des Bundestags und der Stiftung nun in Berlin statt.
Alle Infos rund um den Buchpreis „Das politische Buch“ gibt es auf der Homepage der Friedrich Ebert Stiftung www.fes.de/preis-das-politische-buch.