Sterbefälle durch Corona: Was die Zahlen zeigen

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bzAuch im Kreis steigt die Zahl derjenigen Menschen, die an Corona sterben. Derzeit liegt sie bei über 300. Aber was sagt diese Zahl eigentlich aus? Um herauszufinden, ob mehr Menschen starben als in einem Jahr ohne Corona, muss man diese Todesfälle mit denen der Vorjahre vergleichen, in denen es keine Pandemie gab. Doch dabei gibt es einiges zu beachten. Dr. Uschi Traub, Leiterin des Fachbereichs Gesundheitsförderung, Gesundheitsplanung, Kommunale Gesundheitskonferenz am Landratsamt, erklärt, warum sich die Zahlen nur unter Vorbehalt vergleichen lassen.
Um eine Aussage zur so genannten Übersterblichkeit treffen zu können, vergleicht das Statistische Bundesamt die Zahlen der Verstorbenen des Jahres mit dem der vergangenen vier Jahre und ihrem Durchschnitt miteinander. Der Grund: Nur so lässt sich der Einfluss von besonderen Ereignissen verringern. Zum Beispiel die Folgen einer starken Grippewelle wie 2018 oder einer extremen Hitzewelle, bei der die Sterblichkeit „alarmierend hoch“ sein kann, wie Traub erläutert.
Warum werden bei der Berechnung die Zahlen aus vier Jahren betrachtet?
Dr. Uschi Traub: Weil sich Altersstruktur der Gesellschaft im Laufe der Zeit ändert. Die Zahl der Hochbetagten nimmt zu – und damit steigt auch die Sterblichkeitsrate. Ein zeitlich längerer Querschnitt würde laut Traub zu Unschärfe führen.
Lässt sich die Übersterblichkeit pro Gemeinde berechnen?
Nein, je kleiner die Region ist, die betrachtet wird, umso unsauberer werden die Berechnungen, weil die Basis zu gering ist.
Wie sehen die Sterblichkeitszahlen für die Jahre 2016 bis 2019 im Verhältnis zu 2020 denn nun aus?
Noch liegen dem Gesundheitsamt nicht alle Angaben (zum Beispiel über die Todesursachen) für das Jahr 2020 vor. Uschi Traub geht davon aus, dass diese erst Mitte des Jahres verfügbar sein werden. Die Meldung an und mit Covid-19 Verstorbener erfolgt unmittelbar ans Gesundheitsamt. Bis das Statistische Landesamt die Meldungen vorliegen hat, kann allerdings einige Zeit vergehen.
Woran liegt das?
Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Zum Beispiel sterben nicht alle Einwohner des Kreises auch hier in der Region. Bis der Leichenschauschein vorliegt, könne einige Zeit vergehen, sagt Traub. Ist die Todesursache unklar, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Dann könne es Monate dauern, bis die entsprechenden Unterlagen in der Ludwigsburger Behörde landen. Die Todeszahlen, die das Gesundheitsamt an das Statistische Landesamt weitermeldet, schwanken daher zunächst noch. Nach einem Monat seien im Schnitt rund 97 Prozent beim Statistischen Bundesamt.
Wieso liegen für ganz Deutschland die Zahlen für 2020 schon vor?
Für die Bundesebene gibt es laut Uschi Traub eine „Sonderauswertung der vorläufigen Sterbefälle“.
Wie eindeutig ist die Angabe „mit oder an Corona gestorben“?
Uschi Traub berichtet von einem Patienten, der an Corona erkrankt war, im Krankenhaus lag und einige Zeit später an einem Herzinfarkt verstarb. „Es ist komplex zu sagen, was genau was verschuldet hat“, sagt sie. Das treffe nicht nur auf Covid-Patienten zu. Oft gebe es mehrere Ursachen, die sich gegenseitig beeinflussen. „Wenn man nicht gerade eine Autopsie durchführt, lässt sich die Todesursache nicht immer mit hundertprozentiger Sicherheit sagen“, erläutert Traub. Das sei bei den bundesweit rund 10 000 Fällen pro Jahr, die an einer Pneumokokkeninfektion sterben genauso wie bei denjenigen, die an den Folgen einer Grippe sterben.
Was lässt sich vor diesem Hintergrund tendenziell dennoch heute schon zur Übersterblichkeit 2020 im Kreis Ludwigsburg sagen?
Mit und an Covid sind nach Stand 26. Januar 333 Menschen gestorben. 79 von ihnen im Zeitraum von Januar bis September, also in den ersten neun Monaten. 254 Menschen starben allein in den letzten Monaten an Corona. Hier sind seit November auch die Personen, die nur einen Antigen-Test hatten, mitgezählt. „Das sind sehr viel mehr als vorher“, sagt Traub und verweist auf den bundesweiten Trend, nach dem es bei der zweiten Welle eine deutlich höhere Sterblichkeit gab als bei der ersten Welle. Laut Statistischem Bundesamt lag die Sterbefallzahlen im September 2020 „etwas über dem Durchschnitt der Vorjahre. Einen weiteren auffälligen Anstieg über den Durchschnitt hinaus gab es ab der zweiten Oktoberhälfte“.
„Im Vergleich dazu gab es 2020 im Landkreis vier Grippe-Tote“, sagt Traub. Im vergangenen Jahr habe sich die Influenza aufgrund der Hygieneregeln weniger stark verbreitet, vermutet sie. Es sei auch weniger daraufhin getestet worden, aber der Unterschied zu den Vorjahren sei dennoch deutlich.
Was rät die Gesundheitsexpertin?
Uschi Traub rät allen, sich so gut wie möglich vor dem Virus zu schützen, durch Einhaltung der Hygieneregeln und Impfung. „Man kann nie vorhersagen, wie sich eine mögliche Corona-Infektion bei einem auswirkt“, betont Traub und erzählt von Fällen, die monatelang an den Folgen der Infektion gelitten hätten. Neuere Studien aus England würden von Langzeitfolgen der Lunge ausgehen.