Stadt-Ensemble Ludwigsburg: Der Chor der grauen Menschen

Das 17-köpfige Ensemble verwandelt sich in einen Chor von grauen Menschen, das durch die zentrale Stelle führt und viele Fragen aufwirft.
/Martin KalbEs ist ein ungewöhnlicher Ort, den die Theatertruppe der Tanz- und Theaterwerkstatt, das Stadt-Ensemble, für seine neue Produktion gewählt hat. Die „Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“ an der Schorndorfer Straße in Ludwigsburg ist ein unscheinbares Gebäude aus dem Jahre 1853, das früher einmal als Gefängnis diente. Hier lagern die Zeugnisse der Verbrechen Tausender SS-Angehöriger, Nazi-Kader, Wachpersonal aus Konzentrationslagern und Mitläufern der NS-Zeit. Staatsanwälte der Zentralen Stelle haben seit 1958 gegen sie ermittelt und sie vor Gericht gebracht: 1992 Lagerkommandant Josef Schwammberger, 2011 KZ-Wachmann John Demjanjuk, um zwei spektakuläre Beispiele zu nennen. Einen Rückblick auf ihre Arbeit der Aufklärung und Erinnerung liefert die Ausstellung im benachbarten Schorndorfer Torhaus.
Keine bloße historische Perspektive
Mit seinem Titel „Das ist kein Rückblick“ verweigert sich die Inszenierung jedoch einer bloßen historischen Perspektive. Das 17-köpfige Ensemble verwandelt sich in einen Chor von grauen Menschen. In dunkler Arbeitskleidung und tief in die Stirn gezogenen Mützen (Kostüme: Gesine Mahr) deklamieren die Schauspieler an verschiedenen Stationen im Inneren des Geländes und des Gebäudes ihren Text. Ihre ernsten Mienen erinnern an die Gesichter der Überlebenden von Konzentrationslagern. Deren von Luigi Toscano gefertigten überlebensgroßen fotografischen Porträts sind vor dem Torhaus ausgestellt.
Die Texte der Inszenierung drehen sich um die Fragen von Ordnung, Einordnung, Anpassung, Vertrauen und Entspannung, aber auch um Ausgrenzung, Erinnerung und die Bewertung der Vergangenheit. Laut und fordernd vorgetragen, scheinen sie keinen Widerspruch zu dulden. Das sorgt für Unbehaglichkeit. „Wir schaffen Ordnung, damit nichts aus dem Ruder läuft“, heißt es. „Vertrauen entsteht, wenn Du dich anpasst“ oder auch, individueller: „Man Körper passt nicht in die Ordnung, also hat man mich geordnet“. Mal sprechen die Schauspieler im Chor, mal wenden sie sich hautnah ans Publikum, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Was stellen sie dar? Eine Wachmannschaft aus dem Konzentrationslager? Einen Todesmarsch von Häftlingen, dem noch gegen Ende des Krieges so viele Gefangene zum Opfer gefallen sind? Oder nur die graue Mehrheit der Bevölkerung, die dem Geschehen damals mehr oder weniger zugesehen und sich der Ordnung gefügt hat? Denn in den alten Geschichten herumzugraben, „bringt nur Unruhe“, heißt es an einer Stelle. „Man will ja nicht verdrängen, man will nur nicht jeden Tag erinnert werden.“
Schnüffelei und Denunziation lauteten die Vorwürfe
Mit dieser Einstellung hatte auch die Zentrale Stelle lange Zeit zu kämpfen. Schnüffelei und Denunziation lauteten die Vorwürfe, nicht nur von alten Nazis. Anton Saur, Ludwigsburger OB in den 1960er-Jahren soll von einem „Schandfleck“ der Stadt gesprochen haben. In der Zentralen Stelle liegen Akten mit Antworten, „die keiner hören wollte“, heißt es im Stück.
Die Deklamation der Texte, die unter der Regie von Axel Brauch entstanden sind, kennzeichnen das Stück. Es fehlt an Dialogen und fast gänzlich an Aktion zwischen den Schauspielern, dadurch wirkt die Inszenierung steif (Choreografie Markus Tomczyk). Die Texte sind nicht wirklich belehrend, eher vorsichtig hinführend zu Zweifeln und Fragen an die eigene Haltung, mit denen sich die Zuschauer am Ende direkt konfrontiert sehen. Eine mögliche Antwort: „Sei still, es wird vorübergehen“, vorgetragen zu den Akkordeonklängen von „Lilli Marleen“. Eine andere: „Zögern, Verrat und Zweifel sind eine Form der Bequemlichkeit. Wegsehen ist eine Richtung.“
Vielleicht, so heißt es am Schluss, muss man wieder von vorne anfangen, selbst auf die Gefahr hin, sich wieder zu irren. „Doch dann sind wir wenigstens nicht allein.“