SG BBM Bietigheim II
: Ex-Profi Ana Rajic, die Mutter der Kompanie

Ex-Profi Ana Rajic führt die junge Bundesliga-Reserve der SG BBM Bietigheim in der Dritten Liga an. Die 30-Jährige kann dabei auf eine äußerst bewegte Handballkarriere zurückblicken.
Von
Sebastian Klaus
Bietigheim
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Die Kroatin Ana Rajic soll mit ihrer Erfahrung die junge Bietigheimer Reserve anführen. Mit 30 Jahren ist die Regisseurin die mit Abstand älteste Spielerin im Kader. &x21e5;

Marco Wolf

Als die SG BBM Bietigheim am 22. Januar in der großen MHP-Arena zur Aufholjagd gegen den polnischen Meister Zaglebie Lubin blies, lief sich Ana Rajic 250 Kilometer entfernt gerade warm. Während der Bundesliga-Spitzenreiter in der European League die nächsten Punkte einfuhr, ging es für Rajic an jenem Samstagabend mit der SG-Reserve gegen Schlusslicht HSG Hunsrück um wichtige Zähler im Kampf um den Klassenverbleib. Dritte Liga statt Europapokal, 50 Zuschauer im Schulzentrum Sohren anstatt stimmungsvoller Arena.

Dabei hatte es Zeiten gegeben, in denen Rajic selbst in den großen Hallen unterwegs gewesen war. Bis zu ihrem Wechsel nach Bietigheim im Sommer 2021 war die Spielmacherin sieben Jahre lang in ihrer Heimat Kroatien und in Italien als Profi im Einsatz. Der damalige Trainer der Reserve, Brian Ankersen, hatte die Kroatin über seine Kontakte überraschend aus dem Hut gezaubert. Mit ihrer Erfahrung und ihren Toren sollte sie helfen, den blutjungen Aufsteiger vor dem direkten Wiederabstieg zu bewahren. „Für mich bedeutete der Wechsel Neuland. Denn es ist das erste Mal seit 2014, dass ich nicht mehr professionell spiele“, sagt die 30-Jährige im Gespräch mit der BZ. „Brian hat gar nicht verlangt, dass ich zehn Tore in einem Spiel werfe. Er wollte, dass ich dabei helfe, das Team zu entwickeln.“

Rajics Weg in den Handball war dabei fast schon vorgezeichnet. Mit fünf Jahren begann sie mit dem Handball. Ihr Vater Dragan Rajic, selbst ehemaliger Profi, war von 1988 bis 1991 Co-Trainer von Kroatiens Trainerlegende und langjährigem Nationaltrainer Lino Cervar bei ihrem Heimatklub RK Umag, der nur 40 Kilometer vom italienischen Triest entfernt beheimatet ist. Cervar war es auch, der als Nationalcoach die italienische Auswahl 1997 erstmals in ihrer Geschichte zu einer Weltmeisterschaft führte – und somit ganz nebenbei einen regelrechten Boom bei kroatischen Handballern entfachte, ihr Glück im Nachbarland zu versuchen. Gerade für die entscheidende Playoff-Runde setzten viele italienische Spitzenklubs regelmäßig auf kurzfristige Unterstützung aus der „Handballnation“ Kroatien.

Und so versuchte auch Rajic, die mit ihrem Heimatklub Umag 2015/16 auch schon im EHF Cup Winners‘ Cup angetreten war, 2017 ihr Glück in Italien. Sprache und Kultur waren dabei kein Problem für die damals 24-Jährige, denn schließlich ist Rajic zweisprachig aufgewachsen. Mit ihren Toren verhalf sie dem abstiegsbedrohten Erstligisten Ariosto Pallamano Ferrara, der von ihrem Landsmann Zelimir Prljic trainiert wurde, zunächst zum Klassenerhalt und später erneut in den Europapokal. 2019 folgte schließlich der Wechsel zum von ihrem Vater gecoachten italienischen Triple-Sieger PDO Salerno, der gerade – Ironie der Geschichte – in der Champions-League-Quali am späteren Bietigheimer Gegner Zaglebie Lubin gescheitert war.

Knieverletzung ändert alles

„Ich weiß nicht, ob es so gut ist, unter dem eigenen Vater zu spielen“, sagt Rajic in Erinnerung an so manche Mitspielerinnen, die plötzlich still waren, als sie sich ihnen näherte. „Die Erwartungshaltung ist enorm hoch.“

Eine hartnäckigen Knieverletzung veränderte dann bei der ehemaligen kroatischen Junioren-Nationalspielerin, die im Alter von 14 bis 21 alle Auswahlmannschaften ihres Landes durchlief, so langsam die Perspektive auf den Handball und das Leben. „Handball ist meine große Leidenschaft, aber der Sport hat für mich nicht mehr Priorität“, sagt Rajic, die sich in Bietigheim mit einem Fabriknebenjob gerade so über Wasser halten kann. Fehlende Deutschkenntnisse verhinderten bisher, dass sich die 30-Jährige, die in ihrer Heimat Wirtschaft studiert hat, hierzulande eine besser bezahlte Arbeit angeln konnte. Und auch wenn es Rajic in Bietigheim sehr gut gefällt, ihre ältere Schwester im nahen Sindelfingen wohnt, und ihre Mannschaft mit ihr als Leaderin derzeit in der Dritten Liga groß aufspielt, müsste sich die Kroatin nach der Saison verabschieden. „Ich würde gerne noch zwei bis drei Jahre spielen, aber so wie es jetzt ist, geht es nicht mehr“, sagt Rajic, die bei der SG-Reserve viermal die Woche trainiert.

Für ihre Mitspielerinnen ist Rajic so etwas wie die Mutter der Kompanie, wie auch ihr Trainer Klaus Hüppchen bestätigt. „Es war seltsam in ein Team zu kommen, in dem alle zwischen 16 und 22 Jahre alt sind“, erinnert sich die 30-Jährige an ihre Anfänge bei der Spielgemeinschaft. Doch inzwischen fühlt sie sich pudelwohl im Kreis der Mannschaft: „Wir haben eine richtig gute Beziehung. Alle sind so lieb und höflich. Sie hören zu und brennen richtig für den Handball“, sagt Rajic. „Wir haben ein super Team mit richtig guten Talenten. Niemand hatte vor der Saison etwas von uns erwartet und jetzt stehen wir so gut da. Ich hoffe, die Mädels bleiben dem Handball erhalten.“

Pokalsiegerin in Katar

An den Lippen der Kroatin hängen ihre Mitspielerinnen vor allem, wenn sie von ihren großen sportlichen Momenten erzählt. Von der U20-WM in Südkorea zum Beispiel. Oder den European University Games 2018 in Portugal. Ein ganz besonderes Schmankerl sind allerdings Rajics gut dotierte Abstecher nach Katar, wo sie bereits zweimal beim sogenannten Emirates-Cup den Meister des Landes verstärkte und mit ihm sogar einmal den Pokal gewinnen konnte. „2015 hatten mich die Veranstalter bei Facebook angeschrieben. Ich dachte erst, da erlaubt sich jemand einen Scherz. Doch es war ihr Ernst. Sie haben sehr gut bezahlt, mir ein Dreijahresvisum und eine Wohnung besorgt“, erinnert sich Rajic an ihre Kurzjobs in Doha.

In diesem Sommer könnte es erneut etwas werden mit einem Engagement im Wüstenstaat, denn im Gegensatz zu den Gesprächen mit den Verantwortlichen der SG BBM sind die Verhandlungen mit den Kataris schon recht vielversprechend: „Ich hoffe wirklich, dass ich in diesem Jahr wieder hin kann“, sagt Rajic. Helfen dürfte dabei natürlich der klangvolle Name SG BBM Bietigheim im Lebenslauf. Denn ob die Kroatin nun an jenem Samstag im Januar gegen die HSG Hunsrück oder gegen Zaglebie Lubin auf der Platte stand, wird im fernen Doha nun wirklich niemand wissen.