Sersheim: Vom „Mühlenfahrrad“ bis zu selbst gebranntem Whiskey

Was macht groß und stark? Na klar: frisch gebackenes Brot. Am besten aus dem Mehl der Fessler-Mühle natürlich.
/Martin KalbDas Wasser schafft, der Müller frönt dem Rebensaft“, ist eins der Mottos der Müllerei, die man am vergangenen Pfingstmontag von Wolfgang Fessler lernen konnte. Seine Mühle öffnete mit bundesweit circa 650 anderen ihre Tore zum Deutschen Mühlentag.
Doch so ganz einfach geht das Handwerk dann wohl auch nicht, tatsächlich gehört viel Arbeit dazu, dass die traditionsreiche Mühle nicht dem Mühlensterben zum Opfer fiel. Bislang mit Erfolg: Seit 1396 gibt es die Fessler-Mühle. Das Jahr steht auch auf Gebäuden und Produkten der Mühle; Archivare verschoben das Datum der Ersterwähnung erst kürzlich nach hinten.
Hör auf das Mehl
So arbeiten in der Fessler-Mühle heute noch alt bewährte Vermahlungsmaschinen als Rückschüttmühle mit hochmodernen Produktionsmaschinen gewissermaßen Hand in Hand. „Das Fühlen ist notwendig“, lernten die Besucher bei der Mühlenfühlung: So wie jeder Acker in seiner Beschaffenheit einzigartig ist, sei es auch das Getreide, das darauf wächst – und muss eventuell anders gemahlen werden.
Das althergebrachte Hören beim Mahlen und Fühlen des Mehls werde auch die moderne Technik nicht ersetzen, ist man sich hier sicher, „zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren“. Am Prinzip „Zerkleinern und Sieben“ hat sich auch wenig getan in den vergangenen 100 Jahren.
Weil in der Fessler-Mühle anders als in den Großbetrieben – mittelgroße Mühlen gibt es so gut wie gar nicht mehr – nicht alles vollautomatisch läuft, ist sie auch ein beliebter Ausbildungsplatz: Zum Teil auch aus Brasilien kommen werdende Müller an die Metter. Während die Mühle 200 bis 300 Tonnen pro Jahr mahlt, macht ein Großbetrieb das in einer Schicht.
Zum Mühlentag waren Kollegen aus ganz Deutschland angereist, etwa Friedrich Rabus, dessen Wolfsmühle, eine von 60 in Bayern, bis 1156 datiert. Er und Wolfgang Fessler kennen sich noch vom Blockunterricht in Stuttgart, der den Müllerberuf zum Lehrberuf macht. Das war früher anders: Die Müllerei galt lange als „unehrlich“, weil sie erst ab dem 17. Jahrhundert in einer Zunft organisiert war.
Fessler und Rabus sehen den Rückgang an Mühlen mit Sorge: „In Notzeiten ist die Versorgung mit Lebensmitteln nicht gesichert“, sagt Fessler. Während Corona hätten sich lange Schlangen vor der Mühle gebildet, weil den Supermärkten die Produkte fehlten. Und wenn eine Mühle erstmal schließt, ist es finanziell fast unmöglich, sie wieder zu öffnen, sind sich beide einig.
Das Mühlenmuseum im Dachgeschoss zeigt Besuchern nicht nur die Geschichte der Mühle, sondern ist eine Zeitkapsel des ganzen Ortes. Etwa in der Sammlung der gut erhaltenen Mehlsäcke, in denen die Anwohner ihr Getreide zur Mühle brachten und dann das Mehl abholten, alle beschriftet mit Name, Beruf und Wohnort des Besitzers: Der Seifensieder von 1743 liegt so neben dem Chirurg, daneben die Witwe in Gutenberg, 1873. Meisterbriefe und Mühl-Ordnungen aus vergangenen Jahrhunderten liegen gesiegelt nebeneinander. Insgesamt 50.000 Kinder besuchten insgesamt schon Mühle und Museum, erzählt Fessler.
Radeln auf dem „Mühlenfahrrad“
Bis zu 4000 Gäste kamen schon am Mühlentag, mit 2000 bis 3000 rechnet Wolfgang Fessler am Pfingstmontag, als bereits um die 600 auf dem Gelände waren – und sich etwa am „Mühlenfahrrad“ versuchten, wo man mit Muskelkraft Mehl herstellte. Andere probierten lieber an der Cocktailbar die weiteren Produkte der Mühle, den hauseigenen Whisky und Gin etwa. Die Destille hat Wolfgang Fessler eingerichtet.
Dass er damit Erfolge hat – zahlreiche Preise, einen Auftrag vom größten Irish-Folk-Festival Deutschlands und die Kooperation mit einer schottischen Band – liege auch in der Größe des Betriebs, erklärt Fessler. Mit dem alten System der Mühle lasse sich das Schrot für den Whiskey anders vermahlen und ein besseres Aroma erzielen. Auch können sie verschiedenste Getreidesorten verwenden, etwa Dinkel. Und das Single-Cask-Verfahren, bei dem alle Flaschen nur einem einzigen Fass entstammen und daher einzigartig sind, sei bei einem Großproduzenten undenkbar.
„Nur wenige Mühlen können vom Kerngeschäft leben“, weiß Fessler. Bei ihm mache die Destille ein Viertel vom Umsatz aus, zusammen mit dem klassischen Mahlen die Hälfte. Der Rest des Umsatzes kommt von der Kleinkunst und Events in der Mühle sowie von dem Fitnessstudio.
Die Nachfolge ist gesichert
„Die Zeiten sind schwierig“, gibt der Müller zu. Diskussionen um Kohlenhydrat- und Alkoholkonsum sind nicht unbedingt förderlich. Andererseits hat der Trend zum Selber-Backen in den vergangenen fünf bis sechs Jahren wieder zugenommen, nachdem er in den 1990ern einbrach. Grundsätzlich blickt der Müller aber zuversichtlich in die Zukunft seiner Mühle. Vor zwei Jahren hat er sie seinem Sohn Tobias übergeben. Mit seinem Vater leben damit jetzt drei Müllergenerationen auf der Fessler-Mühle.








