Sersheim: RAF-Experte wird zum Youtuber

Am 21. Mai 1975 begann in der Mehrzweckhalle in Stuttgart-Stammheim der Prozess gegen die Terroristen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, den sogenannten harten Kern der Roten Armee Fraktion.
Picture-alliance / dpa/UPIMit knapp 80 Jahren hat sich Klaus Pflieger, früherer Staatsanwalt aus Sersheim, ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen: Er dokumentiert seine umfangreiche Expertise zu Themen wie RAF-Terrorismus, Rechtsterrorismus und Justiz in Youtube-Videos. Die Inhalte basieren auf Vorträgen, die er seit Jahren in Volkshochschulen und Bildungseinrichtungen auch im Landkreis Ludwigsburg hält. Dabei geht es ihm um historische Aufarbeitung, juristische Grundlagen und die Frage, wie Justiz und Gesellschaft mit extremen Herausforderungen umgehen.
Pfliegers berufliche Laufbahn ist geprägt von komplexen und brisanten Fällen. Der Jurist bearbeitete zum Beispiel die Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer (1977). Darüber hinaus war er viele Jahre intensiv mit der Aufarbeitung des Terrorismus der Roten Armee Fraktion (RAF) und extremistischen Straftaten befasst. Wenn Klaus Pflieger kenntnisreich und unterhaltsam von seinen Erfahrungen berichtet, wird Zeitgeschichte lebendig. Darüber hinaus werden seine Erzählungen, so ganz nebenbei, zu einer Lehrstunde über juristische Grundlagen – ohne je belehrend zu sein.
Mord an Polizisten gestanden
Ein eindrucksvolles Kapitel spielte sich laut Pflieger nach dem Mauerfall ab: Nach der Wende wurden zehn ehemalige RAF-Mitglieder verhaftet, die zehn Jahre lang in der DDR mit neuer Identität gelebt hatten – mit Wissen der DDR-Regierung. Einer dieser Häftlinge, Werner Lotze, wurde zu Pflieger per Hubschrauber nach Karlsruhe gebracht. Bei der Belehrung über seine Rechte brach Lotze in Tränen aus und gestand spontan: „Ich habe einen Polizisten erschossen.“
Pflieger vernahm den Mann über zwei Monate lang, in denen er ein umfassendes Geständnis ablegte und Mittäter verriet. Als erster in der bundesdeutschen Justizgeschichte zur RAF kam Lotze so in den Genuss der Kronzeugenregelung – ein Instrument, das Pflieger für entscheidend hält. „Diese Handhabung der Kronzeugenregelung hat dazu beigetragen, dass die RAF seit 1998 nicht mehr existiert“, erklärt er. „Denn das Schlimmste, was in einer Mafia-ähnlichen Gruppierung passieren kann, ist der Verrat.“
Seit seiner Pensionierung engagiert sich Pflieger mit seinen Vorträgen in der Erwachsenenbildung. Mit insgesamt etwa 30 bis 35 Veranstaltungen pro Jahr trägt er zur historischen und juristischen Aufklärung bei. Seine Vorträge kommen gut an – auch bei der Fachhochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen, bei der er kürzlich war, seien die Zuhörer angetan gewesen. „Ich erzähle nicht nur von der Vergangenheit, ich war dabei. Ich plaudere auch aus dem Nähkästchen – welche Maßnahmen ergriffen wurden, wie die Kriminaltechnik arbeitet.“ Viele Teilnehmer seiner Vorträge wollten die Inhalte gerne nachvollziehen können, erzählt er. „Da ist es peinlich, immer auf meine Bücher zu verweisen“, sagt Pflieger, der schon einige veröffentlicht hat. Hinzu kommt: „Ich werde bald 80 Jahre alt. Da habe ich den Eindruck, es geht etwas verloren, wenn ich das nicht irgendwo festhalte.“ Deshalb hat er sich an das neue Projekt gewagt: Rund 30 Videos zu unterschiedlichen Themen sollen es werden. Seine Familie unterstützt ihn – sein Schwiegersohn hilft zum Beispiel bei der technischen Umsetzung.
Vier Filme stehen unter https://www.youtube.com/@klauspflieger1947 schon online. Zunächst stellt sich Pflieger, in einem kleinen Wohnwagen sitzend, selbst vor. „Zufällig habe ich in der Nachbarschaft diesen kleinen Wohnwagen entdeckt – ein Foto-Studio. Ein italienischer Nachbar hat darin das Video gedreht“, verrät er und lacht. Die Videos sollen alle einer klaren Struktur folgen. Pfliegers Live-Vorträge dauern meistens rund drei Stunden, die Videos sollen nicht länger als 30 Minuten dauern. „Die RAF ist meiner Meinung nach mindestens vier, fünf Stunden wert. Allein für den RAF-Komplex habe ich neun Teile vorgesehen.“ Der zweite Film behandelt die erste Generation und die Baader-Meinhof-Gruppe. Die dritte Folge deckt die RAF-Geschichte bis zum Sommer 1977, also bis zum Beginn des Deutschen Herbstes, ab. Im vierten Video will sich Pflieger auf die Schleyer-Entführung konzentrieren. „Ich will die Videos im Abstand von etwa zehn Tagen veröffentlichen, um es für den Zuschauer spannend zu machen“, sagt er.
Während er im Vorstellungsvideo selbst zu sehen ist, gibt er seine Erfahrungen in den weiteren Filmen per Tonspur weiter und unterlegt den Text mit zahlreichen Fotos und Dokumenten der Zeitgeschichte. Neben der RAF will Pflieger auf seinem Youtube-Kanal weitere Justiz-Themen behandeln: „Gnade vor Recht – was bedeutet das eigentlich?“, „Recht und Gerechtigkeit – was hat das miteinander zu tun?“
Ein gefragtes Thema ist für ihn „Rettung durch Folter oder Tötung“. Dabei bezieht er sich auf den Fall Daschner: 2002 hatte Magnus Gäfgen einen Elfjährigen entführt und erstickt. Der Frankfurter Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner wies einen Beamten an, dem Festgenommenen Schmerzen anzudrohen, um den Aufenthaltsort des Jungen zu erfahren und dessen Leben zu retten. Gäfgen nannte daraufhin einen See, an dem die Leiche später gefunden wurde. Für die Androhung von Folter wurde Daschner später wegen Verleitung zu einer Straftat im Amt schuldig gesprochen. „Das Gericht hat entschieden: Folter ist strafbar, nur dann nicht, wenn es das allerletzte Mittel ist. Das war es in diesem Fall nicht“, erklärt der Jurist Klaus Pflieger.
Einfluss der Politik auf die Justiz
Ein weiteres Thema ist Rechtsterrorismus – von Morden an linken Politikern in den 1920er-Jahren über die Verbrechen des Dritten Reiches bis hin zur NSU. Pflieger war selbst mit dem Fall der ermordeten Polizistin Michel Kiesewetter beschäftigt. Auch „Politik und Unabhängigkeit der Justiz“ ist für ihn ein zentrales Thema: „Wie versucht die Politik weltweit, auf die Justiz Einfluss zu nehmen? Amerika, Ungarn, Polen, Israel – überall sehen wir das.“
Der Aufklärungseffekt ist Pfliegers Hauptmotivation. „Ich will mit den Videos kein Geld verdienen. Er betont, wie wichtig es ist, komplexe Zusammenhänge zu verstehen: „Auch die Medien müssen solche Dinge erklären. Was bedeutet eine juristische Entscheidung? Was bedeutet lebenslang? Das muss die Allgemeinheit verstehen“, sagt Pflieger. Mit seinen Videos will er sein Wissen für kommende Generationen bewahren und gleichzeitig zur Aufklärung über komplexe juristische und historische Fragen beitragen – ein Vermächtnis aus der Region Ludwigsburg für ein breites Publikum.