Schloss Ludwigsburg: Fotos wie gemacht für die Alte Porzellanmanufaktur

Die Ausstellungseröffnung mit Fotografien von Vera Mercer im Schloss Ludwigsburg am Sonntagnachmittag war sehr gut besucht, teilweise mussten die Besucher im Außenbereich warten.
/Andreas EssigDort, wo einstens schönes, exklusives Porzellan hergestellt wurde, hängen derzeit Fotos in barocker Manier mit appetitanregenden Speisen, arrangiert zwischen Blumen und barockem Ambiente. Die Fotokünstlerin Vera Mercer stellt im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele in der Alten Porzellanmanufaktur zwölf ihrer Fotografien aus. Und als ob die 89-jährige gebürtige Berlinerin geahnt hätte, wo sie einmal ausstellen wird, sind ihre barock anmutenden Stillleben wie gemacht für das Schloss Ludwigsburg und die Räume, in denen früher das feine Geschirr der Porzellanmanufaktur angeboten wurde.
89-jährige Künstlerin ist anwesend.
Trotz ihres hohen Alters und Bewegungseinschränkungen ist Vera Mercer aus Omaha/Nebraska in den USA mit einem mehrtägigen Zwischenstopp in Paris nach Ludwigsburg zur Ausstellungseröffnung am vergangenen Sonntag gekommen. „Dieses Schloss ist einmalig und Ludwigsburg ist so grün, voller Natur“, sagt die Künstlerin im Gespräch mit der BZ in einem charmanten Mischmasch der Sprache von Englisch und Deutsch.
Sie sei noch nie in Ludwigsburg gewesen und habe sich das Schloss nicht „so barock“ vorgestellt. „Diese Räume inszenieren meine Fotos perfekt“, sagt sie. Mit der Kamera, die sie immer in der Hand hält, fotografiert sie Momente, die für sie würdig sind festzuhalten. Für ihre Erinnerung, denn ihre Kunst sind nicht Momentaufnahmen sondern stilisierte Stillleben, die wie Gemälde niederländischer Meister anmuten.
Ihr Ex-Mann, der Künstler Daniel Spoerri prägte in Paris den Begriff „Eat Art“ und bis heute trifft dieser Begriff auf Mercers Art zu. Und nicht nur das: Mercer besitzt selbst zwei Restaurants und ein Delikatessengeschäft. Ihre sorgsam ausgewählten Gegenstände sowie frische Lebensmittel platziert Mercer auf Tischen in ihren Wohnungen in Paris und Omaha. Die Hintergründe, so erklärt Günter Baumann von der Stuttgarter Galerie Schlichtenmaier, sind oft tatsächliche Wände oder aber auch frühere Stillleben der Künstlerin, sodass eine Art Bild im Bild entsteht.
Besteck, Früchte, Kräuter, Obst, Blumen – meist Pfingstrosen in Pink- oder Lilatönen –, sowie Tiere werden Teil eines sorgsam inszenierten Bühnenensembles. Alles ist bis ins kleinste Detail durchkomponiert, sodass bestimmte Stimmungen entstehen. Mal ist die Stimmung mystisch wie im Werk „Flowers in our Appartment“, mal sommerlich-frisch wie in „Night Blooming Cereus“. Es sind, so Baumann, „surreale Momente und visuelle Welten“.
Vera Mercer isst alles, was sie fotografiert
Die Fotografien als rein dekorativ zu sehen, hieße, Vera Mercers Kunst zu degradieren. Es geht ihr nicht um schöne Stimmungen, sondern um die Darstellung von Gegenständen und Speisen, da das Genießen von Essen zu ihrem Lebensmotto gehört. Andererseits sind es aber auch momentane Zustände: das Verwelken von Blumen oder halb aufgegessene Speisen. „Ich esse alles, was ich fotografiere“, sagt sie. So fließt ihre persönliche Lebenswelt in ihre Kunst ein. Ihre neo-barocke Ästhetik holt das Stillleben aus der Schatzkiste versunkener Kunst wieder hervor. Und schon in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts ging es in den Stillleben um Vergänglichkeit des Lebens.
Vera Mercer bezieht das Vergängliche in ihre Werke ein, feiert aber gleichzeitig unter einem verwelkten Blumenstrauß den Genuss von Gebäck oder die Schönheit einer Sardine, die in einer Schüssel badet kurz vor dem gegessen werden. Denn dramatische Momente dürfen nicht fehlen in Vera Mercers Stillleben.
Vera Mercer wurde 1936 in Berlin geboren.. Durch ihren Vater, den Bühnenbildner Franz Mertz, kommt sie zum Fotografieren. Nach ihrem Umzug nach Paris taucht sie in den 1950er-Jahren in die Kunstszene ein. 1958 heiratet sie den „Eat-Art“-Künstler Daniel Spoerri, von dem sie sich nach wenigen Jahren wieder trennt. Sie siedelt in die USA über.
International bekannt wird sie durch Reportagen und Fotos von Marcel Duchamp, Samuel Beckett, Andy Warhol, Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, Eva Aeppli. Sie fertigte Wandbilder für Gastronomie und Hotels, ihr gehören zwei Restaurants und ein Delikatessengeschäft. Sie besitzt noch heute eine Wohnung in Paris und ein Haus in Omaha/Nebraska.