Schleifmühle in Bönnigheim: Aus dem Dornröschenschlaf erweckt

Daniel Seybold vor dem mächtigen Schleifstein, der über Transmissionsriemen mit der Wasserkraft des Mühlbachs angetrieben wird und heute noch funktionsfähig ist.
/Oliver BürkleBis 2017 lebten und arbeiteten die beiden studierten Fotografen Silke und Daniel Seybold in Detroit, dann begann das Ehepaar ihr Projekt „Fluch und Segen“ mit der Sanierung der Hohensteiner Schleifmühle, die seit 1919 in Familienbesitz ist. „Die Dorfjugend nannte es die Geistervilla“, erzählt Daniel Seybold. Kein Wunder, schließlich wurde in den vergangenen 50 Jahren nichts in das Gebäude investiert. Heute ein Segen für die beiden. „Wir mussten drei Monate lang ausräumen, und durften entscheiden, was wir behalten und was wir wegwerfen“, erzählt Daniel Seybold. So fanden sie viele Fundstücke, die eine spannende Familiengeschichte erzählen.
Wilhelm Seybold, der Urgroßvater von Silke Seybold, hatte das Anwesen in Hohenstein im Januar 1919 von einer Familie Bihl gekauft. Diese Familie betrieb dort eine Lohmühle, in der Gerbmittel aus Eichenrinde hergestellt wurden. „Wilhelm konnte das Gebäude zu einem günstigen Kaufpreis erwerben, weil inzwischen die BASF Gerbstoffe chemisch herstellen konnte“, fanden Silke und Daniel Seybold heraus. Für den Messerschmied sei es ideal gewesen, weil er damit die Wasserkraft am Hause hatte. Nur vier Jahre nach dem Kauf baute er im Untergeschoss einen Backsteinanbau für die Schmiedearbeiten.
Auf nach Amerika
„Er war ein Tausendsassa, der keine Grenzen gekannt hat“, sagt Silke Seybold über ihren Urgroßvater, der auch an internationalen Wettkämpfen als Bodenturner teilgenommen hatte. 1927 fasste er den Entschluss, mit Produkten seiner „Zugmesser-Fabrik Hohenstein“, wie er seine kleine Firma selbstbewusst nannte, in der amerikanischen Metropole Detroit Fuß zu fassen, da Detroit in den 1920er-Jahren die größte und reichste Stadt der USA war. Als „hochgradiger Fabrikant“ packte er sein Musterköfferchen, um dort seine Zugmesser zu verkaufen, „um wenige Monate später mit dem selben Koffer wieder nach Hohenstein zurückzukehren“, wie Daniel Seybold herausfand. Frau und Kind waren in diesen Monaten in Hohenstein zurückgeblieben.
Inzwischen ist das ehemalige Schlafzimmer von Wilhelm das Schlafzimmer von Silke und Daniel Seybold. „Hinten links an der Wand“ entdeckten die beiden beim Ausräumen das Porträt einer jungen Frau aus dem Jahr 1927. Nur wenig war über sie bekannt. Silke und Daniel Seybold fanden heraus, dass es sich um die Schwester von Wilhelm handelt, die kurz nach der Jahrhundertwende nach Detroit ausgewandert war.
„Uns gefallen alte Geschichten und die Historie und deshalb wollen wir das Gebäude retten“, betont Daniel Seybold, und ihnen sei von Beginn an klar gewesen, aus der Schleifmühle muss ein Museum werden. Von dem Rat der Verwandtschaft, „reißt den alten Scheiß ab“, ließen sich die beiden nicht leiten. „Nach unseren Recherchen haben wir die einzige Schleifmühle, die noch im Originalzustand ist, allen originale Maschinen und Gerätschaften“, sagt Daniel Seybold.
Ein Mehrgenerationenhaus
Im Laufe der Zeit haben in der Hohensteiner Schleifmühle zwölf Erwachsene und drei Kinder gelebt – eben ein Mehrfamilienhaus. Paul Seybold, der Sohn von Wilhelm, und später dessen Sohn Werner, alle haben das Messerschmiedehandwerk gelernt. Sein komplettes Leben hat Paul Seybold in der Hohensteiner Schleifmühle verbracht und dort gearbeitet sowie einen Laden betrieben. „Seine Ehefrau Lore hatte einen Haushaltswarenladen in Besigheim, was zu dieser Zeit für eine Frau recht ungewöhnlich war“, sagt Silke Seybold über ihre Oma. Silkes inzwischen 71-jähriger Vater Werner Seybold blieb beruflich auch den scharfen Messern treu und betrieb bis zu seinem Ruhestand eine Werkstatt in Heilbronn.
Silke und Daniel Seybold ist es ein Bedürfnis, die lange Handwerksgeschichte der Schleifmühle zu zeigen. Nach fünf Jahren Gebäudesanierung ist die Werkstatt jetzt öffentlich zugänglich und macht einen Blick auf einen ungewöhnlichen Mühlenantrieb mit verschiedenen Wellen und Zahnrädern möglich. Sowohl die Werkstatt, der Technikraum und der unveränderte Laden versetzen die Besucher in die 1930er- und 1940er-Jahre. Völlig unberührt sind dabei auch die Schmiede mit Esse und eine „uralte Drehbank“. Für die beiden studierten Fotografen gibt es nach Abschluss der Renovierung „in dem sehr großen Haus, in dem in vergangenen 50 Jahren nichts verändert wurde“ ein Wunschprojekt: Sie wollen Fotoworkshops anbieten. „Natürlich analog und auch in der Dunkelkammer“, sagt Daniel Seybold.