Schlechtes Jahr für Honigbienen: Imker schreibt Brandbrief an Landwirtschaftsminister

Bettina und Wolfgang Mallin imkern seit 2008.⇥
Oliver BürkleMehr als die Hälfte der Honigbienen in seinem Bezirk ist im vergangenen Winter eingegangen, sagt der Bienensachverständige für Bietigheim-Bissingen, Wolfgang Mallin. Schuld am Bienensterben sei vor allem die so genannte Varroamilbe. Der Bienensachverständige, der seit 2008 imkert, bezeichnet diese Entwicklung als „dramatisch schlimm“. In einem offenen Brief hat er jetzt Landwirtschaftsminister Cem Özdemir aufgefordert, sich für eine bessere Behandlungsmöglichkeit der Varroamilbe einzusetzen, auch auf Ebene der Europäischen Union.
Milben gezählt
Dass es zehn Prozent der Bienen krankheitsbedingt nicht über den Winter schaffen, hält Wolfgang Mallin, für normal. Der Sachverständige, dessen Zuständigkeitsbereich von Pleidelsheim bis Freudental und von Bietigheim bis Löchgau reicht und der als Vorsitzender des Imkervereins Besigheim 160 Mitglieder vertritt, ist davon überzeugt, dass es im vergangenen Winter mehr Milben als sonst gab. Denn unter seinen Imkern gibt es „einen harten Kern, der die Behandlung sehr konsequent betreibt“, sagt Mallin. Mit einem Zähler in der Hand kontrollierten sie die Bienenkästen und zählten die Milben, die sich darin befinden. Weil auch Imkerinnen und Imker mit einer mehrjährigen Erfahrung betroffen sind, sei dies alarmierend.
Schon im November habe es eine auffällig hohe Zahl an Bienenverlusten gegeben, schreibt Mallin in seinem Brief an Landwirtschaftsminister Cem Özdemir. Die Milbenbelastung sei zu Beginn schon hoch gewesen und dann nach oben geschnellt – sie habe sich jeden Monat verdoppelt.
Die Behandlung im Winter durch das Beträufeln mit Oxalsäure sei beim Kampf gegen die Varroamilbe entscheidend. Aber, so Mallins Einwand: Das vom Landesbieneninstitut an der Universität Hohenheim vorgeschlagene Konzept könne nur dann gut wirken, „wenn die Bienenvölker brutfrei sind“, sagt Mallin. Durch die wärmeren Wintermonate „gehen viele Bienenvölker aber im Winter nicht mehr aus der Brut und begünstigen damit deutlich die Vermehrung der schädlichen Varroamilben“, schreibt Mallin.
Unverständnis der Imkerinnen und Imker
Eine mehrfache Behandlung mit der Säure empfehle die Uni Hohenheim nicht, da es zu hohen Bienenverlusten kommen könne. „Als logische Konsequenz muss eine Behandlungsmethode angewendet werden, die den veränderten Rahmenbedingungen angepasst ist“, fordert der Bienensachverständige. Statt die Bienen mit Oxalsäure zu beträufeln, sollte es erlaubt sein, diese mit der Säure zu bedampfen. Dies werde in einigen Ländern bereits so gehandhabt. Auch wenn sich der Deutsche Imkerbund gegen die Verdampfung von Oxalsäure ausspricht, weil die Anwender geschädigt werden könnten, betont Mallin: „Dies stößt bei vielen Imkerinnen und Imkern auf Unverständnis.“
Es gebe eine Studie, die für die Anwender im Hinblick auf Grenzwerte keine Gefahren sieht. „Auch erscheint unverständlich, warum die Oxalsäure-Verdampfung in vielen europäischen Ländern zugelassen ist, in Deutschland aber nicht“, schreibt Mallin und weist auf den Wettbewerbsnachteil hin. Da auf EU-Ebene das Tierarzneimittelgesetz überarbeitet werde, bittet Malin den Minister um eine „fachlich fundierte Prüfung der Zulassung der Oxalsäure-Verdampfung, die auf wissenschaftliche Untersuchungen basiert und nicht auf Meinung.“
Leiter des Landesinstituts für Bienen: "Würde Zulassung begrüßen"
„In diesem Jahr haben wir deutlich höhere Bienenverluste“, bestätigt der Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim, Dr. Peter Rosenkranz. Die Verluste seien aber nicht flächendeckend, betont er. Dieses Phänomen komme alle paar Jahre vor und das vergangene Jahr sei eines der „miesesten Jahre für Imker“ gewesen, sagt Rosenkranz, der selbst seit 40 Jahren imkert. Wenn die Bienenvölker nach einem schlechten Jahr geschwächt seien, würde die Varroamilbe noch größere Schäden verursachen. Aber: „Der Imker ist immer ein Teil des Spiels“, sagt Rosenkranz.
Die Varroamilbe erfolgreich zu bekämpfen, ist laut Rosenkranz „eine Herausforderung“. Jedes Jahr gebe es in Baden-Württemberg rund 1500 neue Imker. „Das ist Fluch und Segen zugleich“, sagt der Leiter der Landesanstalt. Denn die Nachwuchsimker müssten geschult werden und das Varroa-Konzept der Landesanstalt „ist sportlich und eine Herausforderung“. Die Varroamilbe könne auch Bienenvölker von erfahrenen Imkern erwischen: „Erfahren heißt nicht, dass man immer alles richtig macht.“
Was die Behandlung der Milben durch Verdampfung von Oxalsäure angeht, sagt er: „Ich persönlich würde es begrüßen, wenn dies zugelassen wird“, zumal die Methode in Österreich, Italien und der Schweiz bereits angewendet wird. Aber er ist sich auch sicher: „Die Verluste wären in diesem Jahr dadurch nicht geringer gewesen.“ Denn wer Fehler beim Imkern macht, mache diese auch bei der Verdampfung.
Keine einfache Lösung
Die Zulassung des Verfahrens sei teuer und kompliziert. Man müsse ein Unternehmen dazu animieren, denn ein Institut könnte ein solches Verfahren nicht einleiten. Aber da der Markt nicht unbedingt attraktiv ist, werde das schwierig. „Wir haben Probleme mit dem Varroa-Konzept“, gibt Rosenkranz zu, „aber die haben wir schon seit Jahren“. In milderen Wintern ließen sich die Varroamilben schlechter bekämpfen. Aber das sei nicht der einzige Faktor. Das Landesinstitut forscht an neuen Mitteln zur Bekämpfung der Varroamilbe. Rosenkranz ist aber überzeugt: Eine einfache Lösung ist in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht in Sicht.
Die Varroamilbe
Die Varroamilbe, die nach dem römischen Gelehrten Marcus Terentius Varro (116 bis 27 v. Chr.) benannt worden ist, lebt als Parasit an Honigbienen. Sie vermehrt sich in der Brut im Bienenstock. Die Art kommt ausschließlich im Inneren von Bienenstöcken vor oder auf Bienen. Die Varroamilben können Bienenvölker auf verschiedenen Wegen schwächen: Durch Aussaugen verlieren die Larven zum Beispiel an Gewicht. Ausgeschlüpfte Bienen bleiben um etwa ein Zehntel kleiner als gesunde Tiere. Die befallenen Tiere besitzen eine deutlich verkürzte Lebensspanne, haben schlechtere Lernleistungen und kehren häufiger in den Stock nicht zurück.
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