Sachsenheim: Mit Kindern über den Tod reden

32 Kinder der zwei dritten Klassen der Kirbachschule Hohenhaslach waren laut der Betreuer aufmerksam und mit Engagement bei der Projektwoche rund um das Thema „Sterben und Tod“ dabei.
/Martin Kalb„Ich habe gelernt, dass jeder Mensch einmal sterben muss“, erzählt Riham. Und Mina hat es gefallen, als sie alle zusammen auf den Friedhof gegangen sind und Gräber angeguckt haben. „Das war gut und schon etwas traurig, wir haben verstorbene Bekannte besucht, auch welche, die ins Feuer gegangen sind“, ergänzt Ida.
Die drei Mädchen haben wie 29 weitere Schülerinnen und Schüler der Klassen 3a und b der Bergschule Hohenhaslach an der Projektwoche „Hospiz macht Schule“ teilgenommen.
Die für einen Grundschulalltag in Deutschland sehr ungewohnte Thematik über das Sterben und den Tod füllte die ganze Unterrichtswoche aus. An fünf Tagen zu jeweils vier Stunden widmeten sich die Kinder mithilfe von insgesamt sieben Mitarbeitenden des Hospiz Bietigheim-Bissingen Fragen „die direkt das Leben betreffen“, so Magdalene Wolf.
Die zwei hauptamtlichen Koordinatorinnen Magdalene Wolf und Uki Eith-Baur sowie fünf Ehrenamtliche hatten zuvor bei einer Schulung zu „Hospiz macht Schule“ den kindgerechten Zugang zum Thema Tod gelernt. „Man braucht Zeit für dieses Lebensthema, eine Projektwoche ist dafür schon richtig“ sagt Wolf.
Kinder sind offen und interessiert
Die Stimmung bei den neun- und zehnjährigen Schülern sei sehr aufmerksam und gut gewesen, auch wenn das Gefühl der Traurigkeit natürlich auch zum Ausdruck kam, kommen durfte und zum Thema gehörte, wie Wolf erzählt. „Die Kinder waren sehr aufgeschlossen und interessiert“, erzählt die Hospiz-Koordinatorin.
Auch am Donnerstag, dem vorletzten Tag dieser intensiven Woche, machen die Kinder trotz der nahenden überfälligen Pause rege bei der Gesprächsrunde mit der Bietigheimer Zeitung mit. Sieben Finger schnellen hoch bei der Frage, wie der Tod ihnen schon einmal begegnet ist und was ihnen in der Zeit geholfen hat.
Großeltern verloren
Mina erwähnt, dass sie ihre Uroma verloren hat, ebenso Ida, und Marta ihren Onkel. Jakob erzählt: „Ich war sehr traurig, als mein Hund Balduin gestorben ist.“ Ihm habe es geholfen, darüber zu reden. Auch Ivan berichtet von seinem verstorbenen Haustier, der Hündin Mia. „Es hat mir geholfen, dass wir Erinnerungstücke von ihr haben, ein Kuscheltier, ein Stück Fell, oder ein Foto von ihr am Küchenfenster.“ Ida hat es bei einem Trauerfall getröstet, mit ihren Eltern zu kuscheln.
„Kinder gehen ganz offen und neugierig auf die Thematik Tod zu. Es sind vielmehr die Erwachsenen, die oft damit Probleme hätten“, so die Erfahrung einer der ehrenamtlichen Hospizmitarbeitenden der Projektwoche, Ursula Sauerbrey. „Auch wenn der Zugang zu dem nicht so leichten Thema erst einmal herausfordernd war, war die Woche mit den Kindern für uns sehr beschwingend“, sagt der Ehrenamtliche Berthold Daniel.
An den fünf Tagen tauchten die Grundschüler in Kleingruppen mit jeweils einer betreuenden Person in die Themen rund um das Abschiednehmen ein: „Vom Werden und Vergehen“, „Krankheit und Leid“, „Sterben und Tod“, „Vom Traurig sein“ und „Trost und Trösten“ hießen die Unterrichtstage. „Die Kinder haben die Stunden sichtlich genossen und hingen richtig an der Gruppenleitung“, schwärmt Sandra Haumann, die Klassenlehrerin der 3a. So hätten sich auch schüchterne Kinder bei diesem Thema geöffnet.
Gemalte Jenseitsvorstellungen
Spielerisch und einfühlsam war die Herangehensweise an die Thematik und für alle Kulturen und Religionen offen, wie etwa die gemalten Bilder von den Jenseitsvorstellungen zeigen, die in einem Klassenraum an der Wand hängen: Viele bunte Zeichnungen von Engeln, Regenbogen, Musiknoten, Bäumen sind darunter, und Texte wie „Oma Lina, ich vermisse dich sehr“.
Spannend war auch der Besuch des Hospizarztes Dr. Christoph Küenzlen, erzählt die Schülerin Riham und mit „Fingerfarben unsere Gefühle zu malen“, so Nelia. Vor allem vom Film „Willi wills wissen – Wie ist das mit dem Tod? “, waren die Kinder angetan.
Durch die Initiative von Sandra Haumann kam diese außergewöhnliche Projektwoche zustande: Die Grundschullehrerin ist seit einigen Jahren selbst als Ehrenamtliche am Bietigheimer Hospiz engagiert, zweimal im Monat ist sie für vier Stunden in der Einrichtung für unheilbar Kranke, spricht mit den Menschen, gibt Handmassagen, verbringt mit ihnen Zeit. „Mir geht es sehr gut nach dem Hospiz“, sagt sie. „Die Menschen dort sind ehrlich, authentisch, es ist nicht oberflächig, es herrscht eine andere Tiefe“, erzählt sie begeistert von ihrer für sie sehr erfüllenden Arbeit.
Über Sterben und Tod reden
Sie schlug das Präventionsprojekt in der Hohenhaslacher Grundschule vor. „Der Schulleiter und die Eltern waren glücklicherweise offen dafür“, so Haumann. Es sei Präventionsarbeit, „damit die Kinder mit dem unausweichlichen Lebensthema Sterben und Tod in Berührung kommen und die Scheu verlieren, darüber offen zu reden, ihre Gefühle auszudrücken, auch Angst davor zu nehmen und sich bewusst zu werden, was in solchen Situationen helfen kann“, sagt Haumann.
Zu den Projekttagen
„Hospiz macht Schule“ gibt es als deutschlandweites Projekt der Bundes-Hospiz-Akademie seit 2008. Ziel der Initiative ist es, Kinder mit dem Thema „Tod und Sterben“ nicht alleine zu lassen.