Sachsenheim: Längst kein Geheimtipp mehr

Nett hier: Der Veranstaltungsort „Tender“ kann sich nach umfangreicher Renovierung sehen lassen – und doch nicht verhehlen, dass er früher einmal der Wartesaal des Bahnhofs war. Einer der beiden früheren Fahrkartenschalter (rechts) dient noch heute als Kasse.
/Oliver BürkleEigentlich, trotz aller Unscheinbarkeit, ist das Sachsenheimer Bahnhöfle ein hübsches Gebäude. Gut, der untere Teil der Fassade ist sichtlich in die Jahre gekommen und die Sandsteinquader bräuchten zumindest mittelfristig eine Auffrischung, aber sonst schaut es recht nett aus. Sein Herz jedoch schlägt innen.
Denn dort, wo früher Fahrkarten ausgegeben wurden, die Menschen – unter gleißendem Neonlicht und auf unbequemen, ungepolsterten Stühlen sitzend – auf ihren Zug oder auf eintreffende Gäste gewartet haben, befindet sich seit knapp zehn Jahren der Veranstaltungsort „Tender“.
Vieles geschah in Eigenregie
Initiiert hat ihn der Verein „Ibisa“, die, so die Bedeutung der Abkürzung, „Initiative zur Belebung der Innenstadt Sachsenheims“. Die BZ hat sich mit zwei der Macher, Karl Heinz Siber und Herbert Deumelhuber, getroffen.
„Als wir diesen Teil des ehemaligen Wartebereichs von der Stadt übernommen haben, fanden wir Räume voller Gerümpel vor, es war schrecklich verdreckt“, sagt Siber. Die Bahn hatte sich im Zuge der Privatisierung Mitte der 1990er-Jahre vom Bahnhöfle getrennt und die Immobilie, wie andernorts auch, in städtische Verantwortung gegeben – mitsamt dem ganzen Unrat.
Da traf es sich gut, dass der Verein „Ibisa“ dort tätig werden und dem Wartesaal eine neue Bestimmung geben wollte. „Also fingen wir mit unseren Mitgliedern im Jahr 2016 an, die ganzen Zimmer samt Wartesaal leer zu räumen und machten uns an die Renovierungsarbeiten, das meiste geschah in Eigenregie“, sagt Siber, und ein gewisser Stolz in seiner Stimme schwingt mit.
Zu Recht, denn das, was heute der „Tender“ ist, hat so gar nichts mehr gemein mit der üblich schmuddeligen Anmutung früherer Bundesbahn-Wartesäle, in denen es immer etwas muffig nach altem Papier, verbrauchter Luft und kaltem Rauch roch.
Es gab allerhand zu tun, es mussten Wände geweißelt und der Boden in Ordnung gebracht werden, und man stieß durchaus auf die eine oder andere Herausforderung: „Wie sollten wir, fragten wir uns, denn die Decken streichen?“, erinnert sich Herbert Deumelhuber, denn dies erschien bei einer Raumhöhe von 3,70 Meter zunächst ein Ding der Unmöglichkeit. Doch habe man einen Malermeister gefunden, der ihnen ein dementsprechend dafür ausgerichtetes Gerüst leihen konnte – unentgeltlich, versteht sich. Außerdem brauchten die „Ibisa“-Mitglieder für ihren neuen Raum, der bis dato noch keinen Namen hatte, einen Zugang zu den Nebenräumen.
Der Architekt, mit denen sie zu tun hatten, schlug vor, einen der beiden (schon lange) entbehrlich gewordenen Fahrkartenschalter herauszureißen und statt dessen eine Tür einzusetzen. Eine in sich logische Sache, doch hatten die Ehrenamtlichen hier – wie auch in manch anderen Bereichen – nicht das Landesdenkmalamt auf der Rechnung.
„Dennoch fiel einer der Schalter dann weg – wo kein Kläger, da kein Richter“, lacht Karl Heinz Siber, denn durch den Architekten ermutigt, gingen sie davon aus, dass der brave Denkmalschutzbeauftragte eh nicht mehr auftauchen würde. „So war es dann auch“, sagt Siber, und so konnte im „Tender“, wie der Veranstaltungsort nach einem Ideenwettbewerb und passend zur bahnvergangenheitlichen Umgebung heißen sollte, im Herbst 2017 der Betrieb aufgenommen werden. Seither ist dieser Veranstaltungsort nicht mehr aus dem kulturellen Leben der Stadt wegzudenken und schon lange kein Geheimtipp mehr. Immer freitags ist der „Jour fixe“ im „Tender“, dort finden allerhand Veranstaltungen statt. „Wir hatten schon Kunstausstellungen und kleine Konzerte, Kino-Abende, und auch Vereine dürfen sich hier gerne einmieten“, sagt Deumelhuber, „und“, ergänzt Siber, „unsere Quiz- wie auch die Spieleabende und das Reparatur-Café sind mittlerweile zu Selbstläufern geworden.“ Einzig die Vinyl-Party habe man des fehlenden Platzes wegen ins Kulturhaus „umzonen“ müssen.
„Wir sind stolz auf das Erreichte“, sagen die beiden, aber auch: „Die 70 haben wir schon lange hinter uns gelassen, es wäre also Zeit für junge Kollegen im Vorstand, aber auch sonst freuen wir uns über neue Mitglieder.“
Neue Mitstreiter willkommen
Mehr als 70 Leute formen heute die „Ibisa“, erfüllen sie mit ehrenamtlichem Engagement und haben aus einem zugemüllten Raum ein wahres Kleinod geschaffen.
Ein letzter Blick schweift über die langen, gepolsterten Sitzbänke, die, obwohl aus einem aufgelassenen Allgäuer Gasthaus, so ausschauen, als hätten sie schon immer hier gestanden. Die Blicke taxieren die original erhaltenen dunkelgrün lasierten Fliesen unter dem Fahrkartenschalter, der immer noch – und zur Gaudi der Cineasten – an Kinoabenden als Kasse dient und die in freundlichen Farben gehaltenen Wände und Decken sowie die original erhaltenen Kleiderhaken im Windfang. Und als sich die aus den frühen 1950er-Jahren stammende zweiflügelige Eingangstüre, die in Kürze auch wieder in altem Glanz strahlen soll, schließt, ist klar – hier haben Ehrenamtliche wirklich Großes geleistet. Zum Nutzen aller – und auch ein Stück weit zur Belebung der Innenstadt Sachsenheims.