Sachsenheim
: Aufzug zum Gleis erst 2029

Die Stadt Sachsenheim wächst, aber zu den Zügen führt weiterhin nur eine steile Treppe. Die Bahn lässt sich mit dem barrierefreien Ausbau des Bahnhofs Zeit.
Von
Bigna Fink
Sachsenheim
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Oft treffe sie mit ihrer kleinen Tochter in der Bahnhofsunterführung Mutter mit Kind im Wagen, die ratlos sind, wie sie hier hochkommen, erzählt die Sachsenheimerin Elke Bauernfeind (links).

/Martin Kalb

Von der nicht-barrierefreien Situation am Sachsenheimer Bahnhof sind wir sehr stark betroffen“, erzählt Corina Blum. „Wir nutzen fast ausschließlich die Bahn, mehrfach die Woche, zur Arbeit und mit unseren zwei Kleinkindern.“ Die 39-Jährige und ihre Familie aus Großsachsenheim leben autolos. Mit den fünf- und zweijährigen Kindern sei so ein Lebensstil, wenn man in Sachsenheim wohnt, sehr beschwerlich, erzählt sie. Wie die Blums sind viele Menschen, vor allem mit Rollstuhl, Kinderwagen oder schwerem Gepäck, von dem nicht-barrierefreien Bahnhof in Sachsenheim täglich beeinträchtigt.

Vorplanungen zum Umbau laufen

Klar ist seit diesem Jahr: Die Stadt, die bald die 20 000-Einwohnermarke geknackt hat und bald zur Großen Kreisstadt werden könnte, bekommt laut Deutscher Bahn einen barrierefreien Bahnhofsumbau – allerdings erst in etwa sechs Jahren.

Die Vorplanungen zum barrierefreien Ausbau des Bahnhofs sind im Gange. „In diesem Zuge möchte die Deutsche Bahn einen Aufzug am Bahnhof Sachsenheim installieren“, heißt es von einer Bahnsprecherin auf Anfrage. Allerdings sei es nicht möglich, kurzfristig einen Aufzug am Bahnhof Sachsenheim zu bauen und in Betrieb zu nehmen. Die Sprecherin konkretisiert: „Die Inbetriebnahme des Aufzugs ist nach jetzigem Planungsstand für 2029 vorgesehen.“ Bedingt durch Planungsprozesse, baubetriebliche Eintaktung und Prüfungsprozedere dauere der Ausbau von Bahnhöfen in dieser Größenordnung von der Vorplanung bis zur Inbetriebnahme in der Regel einige Jahre.

Der Ausbau hänge auch von den Kapazitäten von Planungs- und Baufirmen ab. Es müsse nun ein Ingenieurbüro für die Baumaßnahmen gefunden werden, „die Ausschreibungen sind raus“, sagt Jan Freitag, Vertriebsleiter Mobility Südwest bei der DB Station & Service AG. Geplant seien auch taktile Handschilder für Sehbehinderte.

Nach Bietigheim zum Pendeln

Harald Weiß fährt mit dem Rollstuhl aus dem Bahnhofsgelände, bei dem es zumindest von der Bahnhofstraße zur Unterführung einen breiten Weg gibt. Der 55-Jährige aus Kleinsachsenheim, der seit sieben Jahren auf seinen Rollstuhl angewiesen ist, fährt oft mit dem Bus zum Bahnhof Bietigheim-Ellental, um da mit dem Zug weiterzufahren. Dort sei der Bahnhof wunderbar barrierefrei ausgebaut und der Bahnsteig auf gleicher Höhe wie Zug und S-Bahn, so Weiß. Bei dem Sachsenheimer Bahnhof komme nämlich hinzu, dass der Bahnsteig eine unterschiedliche Höhe als der Zug habe, sodass Rollstuhlfahrer auf Hilfe beim Einsteigen angewiesen seien.

Als Weiß einmal den Bahnhof in Sachsenheim nutzen musste, halfen ihm sechs Personen, die ihn und den Rollstuhl – insgesamt 250 Kilogramm – die Treppe hinuntertrugen. Von Fahrstühlen ist Weiß „nicht so begeistert. Dann sind wir von einer funktionierenden Mechanik abhängig.“ Oft seien Bahnhofsfahrstühle auf längere Zeit kaputt. Optimal wäre für ihn eine reine Schräge, die zum Bahnsteig führt.

Keine Schieberinnen und Schrägen

Corina Blum ärgert sich, dass es nicht mal Schieberinnen, wie etwa an den Treppen am Bahnhof Besigheim, gibt oder geplant sind. „Mein Mann und ich haben uns schon bei der Bahn erkundigt“, etwa bei der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg. Dort erfuhren sie, dass die Treppe zu steil für eine Rampe sei. „Schieberinnen dürfen aus Sicherheitsgründen an Bestandsanlagen nicht nachgerüstet werden“, heißt es von der DB.

„Ich habe schon gesehen, dass sich Rollstuhlfahrer auf allen vieren die Treppe hochziehen“, berichtet FDP-Stadtrat Karl Willig Ende Juli bei einer Ortsbegehung des Bahnhofs mit Vertretern der Deutschen Bahn und der Kommunal- und Landespolitik zum Thema S-Bahn-Anschluss und Barrierefreiheit des Bahnhofs. Beides ist seit Jahrzehnten in der Stadt immer wieder Thema. „So etwas ist eigentlich bei uns nicht vorstellbar“, ärgert sich Willig. Und doch seien solche Szenen in Sachsenheim Realität. „Wir sind in ständigem Austausch mit der Deutschen Bahn und dem Verkehrsministerium“, sagt an diesem Termin Holger Albrich, der Bürgermeister Sachsenheims und fügt hinzu: „Wir bekommen immer mehr Einwohner und Pendler. Der Bahnverkehr muss unbedingt attraktiver werden.“ Überall im Land würden Bahnhöfe modernisiert, in Sachsenheim habe sich bisher nichts getan.

„Doch wir sind froh, dass wir nun auf dem Weg zum barrierefreien Bahnhof sind und allen dankbar, die sich daran beteiligen“, so Albrich. „Wir können als Stadt nicht viel tun, unterstützen aber, wo wir können.“ Er freue sich, dass das Land bei der Planung der Barrierefreiheit im Rahmen des des Bahnhofsmodernisierungsprogramms II in Vorleistung gehe.

1,4 Milliarden Euro für die Bahnhöfe

Pro Jahr plane die Deutsche Bahn rund 100 Bahnhöfe barrierefrei um, heißt es von einer Bahnsprecherin auf Anfrage. Und weiter: „2022 investierte die DB deutschlandweit rund 1,4 Milliarden Euro, um Bahnhöfe neu zu bauen oder - immer auch mit Blick auf die Verbesserung der Barrierefreiheit - zu modernisieren.“ Fördermittel von Bund und Ländern unterstützten den barrierefreien Ausbau.

Elke Bauernfeind und ihr Mann waren 2010 bewusst nach Sachsenheim gezogen, da es hier einen Bahnhof gibt, mit dem die Arbeitsorte im Stuttgarter Raum gut zu erreichen schienen. „Zwei Jahre bin ich fleißig gependelt, aber seit zehn Jahren nutze ich die Bahn in Sachsenheim nicht mehr.“

Eigentlich sei immer jemand da, gewesen, der ihr geholfen habe, den Kinderwagen hoch zum Gleis oder runter zu tragen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen bestätigt auch die zweifache Mutter Corina Blum. Doch ein Erlebnis war für Elke Bauernfeind mit ihrem damaligen Baby einschneidend: Ein älterer Mann habe ihr geholfen, den Kinderwagen die Treppen hinunter zu tragen. Doch dann sei ihm der Griff aus der Hand gerutscht, und das Baby sei beinahe auf die Treppen gefallen.

Gefährlich mit dem Kinderwagen

Derzeit nutzt die 44-Jährige einen Buggy für ihre zweite Tochter, die jetzt eineinhalb Jahre ist. Den Buggy könne man ja vorsichtig hoch ziehen, da das Kind angeschnallt ist, meint Bauernfeind. „Aber wenn die Babys klein sind und in einer Kinderwagenwanne unangeschnallt liegen, ist es gefährlich, sie die Treppen im Wagen hoch und runter zu tragen.“

Dann heißt es warten, bis jemand passendes helfen kann. Sie nutzt weiterhin den Zug, fährt aber nach dem damaligen traumatischen Erlebnis mit ihren Kindern per Auto von Sachsenheim zum Bietigheimer Bahnhof. Sie habe sich mit dem Pendeln arrangiert, aber „ich ärgere mich schon seit zehn Jahren, dass es am Bahnhof keinen Fahrstuhl gibt.“

Die Deutsche Bahn empfiehlt „mobilitätseingeschränkten Reisenden, ihre Reise bei der DB-Mobilitätsservice-Zentrale anzumelden. Sie hilft bei der Planung barrierefreier Alternativrouten.“ Fahrgäste könnten sich bis spätestens einen Werktag vor der Reise melden. Flexibel und spontan sei dieser Weg nicht, meinen die beiden zweifachen Mütter aus Sachsenheim, Corina Blum und Elke Bauernfeind, die heute und nicht erst in sechs Jahren auf einen barrierefreien Bahnhof angewiesen sind.