Regionale Erzeuger im Kreis Ludwigsburg: Gärtnereien unter Druck

Tobias Willmann hofft, dass sein neuer Laden, der in die Ingersheimer Innenstadt kommt, mehr Kunden für ihn bringt. Für ihn ist die Direktvermarktung der Weg aus der schwierigen Situation.
/Martin KalbSo ein Jahr wie letztes Jahr können wir nicht noch mal durchhalten“, sagt Tobias Willmann von der Gärtnerei Willmann aus Ingersheim. Ihm geht es wie vielen Obst- und Gemüsegärtnern in ganz Baden-Württemberg: Die Produktionskosten steigen, doch wenn Obst und Gemüse teurer werden, kaufen weniger Menschen die heimischen Produkte, wenn es günstigere aus dem Ausland gibt. Bei jeder Branche werde akzeptiert, wenn die Kostensteigerung über den Produktpreis kompensiert werde, nur nicht in der Lebensmittelbranche, so Willmann.
Die Großhändler geben die Marktpreise vor: „Wir müssen uns daran orientieren, sonst bekommen wir unsere Produkte nicht verkauft, doch leider decken diese extrem niedrigen Preise teilweise nicht einmal die Kosten für die Produktion“, erklärt Willmann. Deshalb sei die Direktvermarktung so wichtig, denn wer sein Obst und Gemüse ohne Zwischenhändler an den Kunden bringt, erhält mehr Geld für die Lebensmittel.
Die Gärtnerei Willmann hat einen Hofladen in Ingersheim direkt bei der Gärtnerei. Doch richtig angekommen sei das bei der Kundschaft noch nicht. „Deshalb eröffnen wir im Juni einen Laden in der Ingersheimer Ortsmitte, in dem man Produkte von uns und auch unseren regionalen Partnern kaufen kann“, kündigt Willmann an. Zum Aufgeben, wie es schon andere getan haben, sei er noch nicht bereit.
Regionale Versorgung erhalten
Mit Sorge blickt er auf die weltweite Entwicklung: „Die Globalisierung bei Lebensmitteln ist nicht der richtige Weg. Die heimischen Erzeuger werden kaputtgespart und was passiert, wenn die Versorgung von Außen nicht mehr funktioniert?“ Das Problem hat in Großbritannien bereits zu leeren Regalen geführt, weil sich die heimischen Produzenten nicht mehr halten konnten.
Auch der Bietigheim-Bissinger Gärtnerei Kiemle machen die extremen Kostensteigerungen für Löhne und Energie zu schaffen. „Bei der Energie gab es Steigerungen um bis zu 300 Prozent“, sagt Gerhard Kiemle. Es gebe eine starke Zurückhaltung beim Käufer und das mache es den Gärtnereibetrieben schwer, die Ware zu verkaufen. In diesem Jahr haben die Bissinger Gärtner mit der Pflanzung erst vier bis sechs Wochen später als noch in den Vorjahren begonnen, um die Heizungskosten für die Gewächshäuser zu reduzieren. Dadurch dauerte es in diesem Jahr etwas länger bis Gemüse, wie zum Beispiel Gurken verkauft werden konnten.
„Am Anfang waren die Preise dadurch extrem hoch, doch nach zwei bis drei Wochen hatten sie sich auch wieder auf dem Vorjahresniveau eingependelt. Der Kunde hält sich trotzdem zurück“, erzählt Kiemle. Fragt man den erfahrenen Gemüsegärtner, wie es nun weitergeht im Betrieb, stellt er die Gegenfrage: „Was soll ich machen?“ Bis November werde er erst einmal so weitermachen wie bisher, dann müsse man sehen, wie es weitergeht. In den vergangenen 40 Jahren habe er nie stark auf Veränderungen reagieren müssen, was die Pflanzung angeht, doch das könne sich nun ändern.
„Ich habe ja Verständnis, die Verbraucher müssen auch sparen. Aber die, die es sich noch leisten können, sollten auch weiterhin die heimische Produktion unterstützen“, sagt Kiemle. Rund 70 Prozent seines Umsatzes kommen aus Produkten, die im Gewächshaus wachsen, 30 Prozent aus dem Freilandbetrieb. Das neueste Gewächshaus ist jetzt sechs Jahre alt. Die Finanzierung für ein solches Projekt läuft bis zu 20 Jahre, erklärt Kiemle.
Auf 8,5 Hektar pflanzt die Gärtnerei in Gewächshäusern und unter Folien Gemüse an. Dort werden häufig auch Heizungen eingesetzt, deren Energiekosten für die Gärtnerei gerade extrem hoch sind. „Wir versuchen über die Runden zu kommen, ohne unter die Räder zu kommen“, sagt Kiemle. Schließlich beschäftigt die Gärtnerei zwischen 80 und 100 Mitarbeiter, von denen rund die Hälfte aus der Region seien. Auch für sie muss der Betrieb weiterlaufen.
Die gestiegenen Lohnkosten sind auch für Rolf Fritz mit seinem Betrieb Rolf’s Frische Früchte aus Besigheim ein Problem. Zwölf Euro Mindestlohn gibt es auch für Saisonarbeiter auf den Feldern, die die Gärtner und Bauern ihnen zahlen müssen. „Wir haben jetzt nur noch die Hälfte unserer Erdbeeren und mussten auch bei den Steillagen gnadenlos reduzieren“, sagt Fritz.
Mindestpreis von Politik
Noch während Corona sei das Geschäft gut gelaufen, doch vor zwei Jahren kam der Einbruch, erinnert sich Fritz. Er kenne viele Kollegen, die bereits aufgegeben haben. Auch er musste die Präsenz auf Wochenmärkten um die Hälfte reduzieren und die Hofladen-Öffnungszeiten hat er ebenfalls halbiert. „Was soll ich machen, wenn keiner kommt?“ Er hofft auf eine gute Erdbeersaison diesen Sommer und viele Kunden, die wieder zu ihm kommen.
Von der Politik wünscht er sich, dass bei der Einführung von Mindestlöhnen auch ein Mindestpreis festgelegt wird, gerne auch auf europäischer Ebene, damit die „heimischen Produzenten nicht einfach ausgeschaltet werden“. Schließlich kümmern sich die Bauern und Obst- und Gemüsegärtner auch um den Erhalt der Landschaften. „Der Mindestlohn war politisch richtig, ist für uns aber so nicht zu stemmen“, findet auch Tobias Willmann.
Alle wollen weitermachen, jeder mit seiner eigenen Strategie. Gerade die Direktvermarktung sei wichtig. Doch wenn die Kosten weiterhin so hoch bleiben und die Nachfrage nicht steigt, werde es schwierig für heimische Produzenten.