Raserprozess
: Mutter einer Getöteten: „Für uns wird die Sonne nie mehr scheinen“

Am fünften Prozesstag um ein verbotenes Autorennen in Ludwigsburg, bei dem zwei Frauen starben, wurden auch persönliche Briefe eines Angeklagten verlesen. 
Von
Petra Häussermann
Ludwigsburg
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Im März dieses Jahres sind zwei unschuldige Frauen ums Leben gekommen. Derzeit wird der Prozess am Landgericht Stuttgart verhandelt.

KS-Images.de/Andreas Rometsch

Das Innenleben eines Angeklagten stand am Donnerstag im Mittelpunkt des Prozesses um ein verbotenes Autorennen in der Ludwigsburger Innenstadt, bei dem zwei junge Frauen getötet wurden. Das Gericht hatte mehrere Briefe des 32-Jährigen beschlagnahmt, die er seiner Geliebten aus der Untersuchungshaft vor und nach Prozessbeginn geschrieben hatte.

Briefe an die Geliebte

„Das ist die Folge davon, wenn man sich vor Gericht nicht einlässt“, sagte der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann am fünften Verhandlungstag zum Angeklagten, der den Kopf tief hängen ließ, „dann müssen wir Ihre Briefe hier verlesen.“ Neben zahlreichen Liebesschwüren an die 36-Jährige, die am Vortag selbst aussagen musste, empörten etliche Aussagen die Nebenkläger. Die Rede war etwa „von der Gnade der Justiz“ und dass er seine „Arme und Beine opfern würde für die Schwestern“, womit er die beiden Opfer meinte.

Die Staatsanwaltschaft wirft den drei angeklagten türkischen Staatsbürgern im Alter von 32, 35 und 25 Jahren zweifachen Mord und versuchten Mord vor, weil sie bei ihrem Autorennen zwei 22 und 23 Jahre alte Frauen töteten. Die beiden Brüder und ihr junger Cousin verabredeten sich der Anklage zufolge am 20. März zu einem „Beschleunigungsrennen“ und rasten mit bis zu 150 Stundenkilometern in ihren hochmotorisierten Mercedes mehrmals durch Tempo-50-Zonen in Ludwigsburg.

Auf der Schwieberdinger Straße prallte der Mercedes des 32-Jährigen auf den Kleinwagen der Frauen, die gerade eine Tankstelle verließen. Für die jungen Frauen kam jede Hilfe zu spät.

Neben Albträumen und Schlafstörungen klagte der Angeklagte in seinen Briefen, dass niemand ihn verstehe. Allerdings hoffe er, der Richter, der ihn an seinen Opa erinnere, schaue in seine Seele und erkenne, dass er „kein Mörder“ sei. In einem Punkt allerdings dürfte der Angeklagte und Vater einer fünfjährigen Tochter richtig liegen: „Für keine Seite wird es jemals wieder normal.“

Zeugen berichten von Raserei

Im Gegensatz zu den Zeugen des Vortages berichteten am Donnerstag Menschen neutral von ihren Beobachtungen unmittelbar vor dem Unfall und einhellig empfanden sie die Geschwindigkeiten der aufgemotzten Fahrzeuge, die an ihnen vorbeirasten, als viel zu hoch. Ein Zeuge bezeichnete die Fahrer als „Irre“ und empfand ihre Autos als „Waffen“.

Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Stuttgart verlas darüber hinaus Schriftstücke, unter anderem eine Mitteilung der Justizvollzugsanstalt (JVA) Mannheim, in der der 32-Jährige seit dem Unfall in Untersuchungshaft sitzt. Offenkundig über die Zensur im Bilde hatte er versucht, über einen Mithäftling seine Briefe an der Kontrolle durch die JVA-Beamten vorbei an die Geliebte zu versenden.

Zusätzlich wurde bekannt, dass bei der Hausdurchsuchung des mitangeklagten 25-jährigen Cousins eine Waffe gefunden wurde.

„Der schreibt, jetzt ist es dunkel, aber die Sonne kommt wieder für uns“, sagte an diesem fünften Prozesstag die Mutter der 22-jährigen Getöteten mit kraftloser Stimme, „für uns wird die Sonne nie mehr scheinen.“ Dennoch will sie diesen Prozess als Nebenklägerin mit ihrem Mann und den beiden älteren Töchtern durchstehen: „Ich will nichts verpassen, will alles hören, was meinem Kind geschehen ist.“