PH Ludwigsburg: Mathe-Schwächen gezielt angehen

Charlotte Rechtsteiner im Materialraum der PH mit einigen der Hilfsmittel, mit denen die Studenten mit den Kindern üben.
/Oliver BürkleSchon seit 29 Jahren gibt es an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (PH) die Beratungsstelle für Kinder mit Lernschwierigkeiten in Mathematik. Seit 2016 leitet Charlotte Rechtsteiner, Professorin für Mathematik und ihre Didaktik das, wie sie sagt, „Lehr-Lern-Projekt“. In den Sommerferien soll das Projekt „Ludwigsburg macht Mathe starten“.
Win-Win-Situation
Die Beratungsstelle und „Ludwigsburg macht Mathe“ seien eine Win-Win-Situation für Studenten und Schüler. Denn nach einer ausführlichen Prüfung der sich bewerbenden Kinder durch Rechtsteiner und ihre Kolleginnen wird immer ein Schüler, eine Schülerin von zwei Studenten in Mathematik gefördert.
Dies seien, so Rechtsteiner, Kinder, die eine gravierende Lücke in ihrem Mathematikkönnen haben, die im Unterricht nicht gefüllt werden konnte und die in der Folge nicht nur zu großen Mathematikschwächen, sondern auch zu psychischen Problemen führen können. „Das sind Entwicklungsverzögerungen, da sind weder Faulheit noch mangelnde Konzentration schuld“.
Es handle sich um Grundschulkinder, die Aufgaben wie 3+4 oder 6+7 mit den Fingern zählten. Die Gründe seien komplex. In der Folge könnten diese Kinder dem Unterricht nicht mehr folgen. Oft kämen diese Schwächen schon in der ersten Klasse zum Vorschein.
Gründe für diese Entwicklungsverzögerung seien oft mangelnde Zahlbegriffsentwicklung der Kinder schon im frühen Alter. „Die Kinder haben nicht gelernt, die Zahlen in ihrem Alltag richtig wahrzunehmen“, sagt Rechtsteiner. Dass ein Kind beispielsweise nicht gerne Memory spiele, sei oft ein erstes Zeichen für eine Mathe-Schwäche. Man müsse es kontinuierlich dazu anregen, solche Spiele wie Memory oder Quartette oder Elferraus zu probieren. Hilfreich sei auch das Tischdecken mit der richtigen Anzahl der Gedecke, des Bestecks und der Benennung ihrer Anzahl. „Die Eltern sollten Zahlen und Spiele zur räumlichen Wahrnehmung in den Alltag der Kinder integrieren, damit sie automatisch mit ihnen umgehen können“, so Rechtsteiner.
Die andere Seite der Beratungsstelle: Die Studierenden auf das Lehramt Grundschule oder Sonderpädagogik mit dem Fach Mathematik lernen in dem Projekt, ihr erworbenes Wissen und ihre fachdidaktischen Fähigkeiten direkt anzuwenden. Sie müssen auch das Problem des Kindes erkennen und dann an einer Lösung arbeiten. Zudem wird die Förderung per Videomitschnitt aufgezeichnet und anschließend mit Rechtsteiner oder einer ihrer Kolleginnen diskutiert, dabei wird auch die Perspektive des Kindes berücksichtigt. „Das reflektierte Arbeiten der Studenten wird gefördert“, sagt Rechtsteiner. Bis zu zwölf Kinder pro Semester können die Förderung in Anspruch nehmen, der Andrang und die Bewerbungen, so Rechtsteiner, seien aber größer.
Die Kinder werden mit Hilfe von Spielen und verschiedenen Aktivitäten in die abstrakte Welt der Mathematik eingeführt. Das Kind erhält Anregungen und kann seine Lücken schließen. Zudem, so Rechtsteiner, werden die Eltern in die Beratung einbezogen, um zu erfahren, wie sie ihr Kind unterstützen können. „Für Kinder, die massive Probleme im Mathematikverständnis haben, reicht pures Lernen und Wiederholen nicht, man muss die Grundlagen erarbeiten“, sagt sie. Die Mathematik-Beratungsstelle unterstützt auch Lehrer, die sich Tipps und Anregungen holen können.
Kein Nachhilfeunterricht
Alle Kinder werden in einem ersten Gespräch diagnostiziert. Dadurch kann genau geschaut werden, an welchen Stellen die Schwierigkeiten sind und passgenau angeknüpft werden. „Wir sind kein Nachhilfeunterricht“, so Rechtsteiner, „wir wollen Kindern helfen, die ein grundsätzliches, tieferliegendes Problem mit Mathe haben“.
Wenn ein Kind am Ende der dreisemestrigen Unterstützung sage, „mir gefällt Mathe immer noch nicht, aber ich weiß jetzt, dass ich es kann“, dann habe die Förderung, wie Rechtsteiner es nennt, geholfen. Dann könne es wieder Anschluss an den Schulstoff finden.
Rechtsteiner geht in der Matheförderung aber noch weiter: In diesem Jahr soll das Projekt „Ludwigsburg macht Mathe“ seine Premiere haben. Zusammen mit Hanno Hoehn, dem Chief Performance Officer (CPO) von Mann und Hummel in Ludwigsburg hat sie das Projekt entwickelt und Mann und Hummel unterstützt es auch finanziell.
„Ludwigsburg macht Mathe“
So soll es in den Sommerferien an fünf Vormittagen für Kinder mit Lernschwierigkeiten in Mathe eine Art Sommercamp an der PH geben und im Anschluss ein Jahr mit wöchentlichen Übungszeiten. 30 Kinder können angenommen werden, zwei Studierende arbeiten mit jeweils sechs Kindern. Eltern von Erst- bis Drittklässlern können ihre Kinder bis Ende März für das Projekt anmelden.
„Ohne die finanzielle Hilfe der Geldgeber könnte so ein Projekt niemals stattfinden“, sagt Rechtsteiner. Hoehn hat als zusätzliche Projektpartner und Geldgeber die Firmen Götze Armaturen in Ludwigsburg, die Stadtwerke Ludwigsburg und die Württembergische Versicherung ins Boot geholt. Nach einem Jahr wollen die Projektbeteiligten eine Art Evaluation machen. Ein zweites Jahr „Ludwigsburg macht Mathe“ soll es auf jeden Fall geben und wenn alle Beteiligten weiter mitmachen, auch länger.
„Im Moment haben wir nur 30 Plätze und müssen hierfür Standortschulen suchen. Sollten wir irgendwann mehr Plätze vergeben können, können wir auch kreisweite Kooperationsschulen suchen“, sagt Rechtsteiner. Eine Anmeldung ist auf der Projekt-Homepage möglich.