Pfarrer aus Westukraine berichtet
: „Es herrschen Not und Elend“

Peter Szeghljánik – Pfarrer, Organisator und Logistiker – berichtet exklusiv der BZ von der Situation in seiner Gemeinde im ukrainischen Transkarpatien.
Von
Jürgen Kunz
Ludwigsburg
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Pfarrer Peter Szeghljánik (links) aus dem ukrainischen Transkarpatien berichtete über die von ihm, mit Unterstützung der BZ-Aktion, organisierten Hilfstransporte. Der Brackenheimer Landwirt Albrecht Döbler hat sich spontan dazu entschlossen, den nun dritten Hilfstransport zu begleiten und in der Ukraine bei der Aussaat zu helfen.⇥

Martin Kalb

Wir kommen aus einem Land, wo Not und Elend herrschen. Es wäre eine Sünde nicht zu helfen“, sagt Pfarrer Peter Szeghljánik im Gespräch mit der BZ. Wie der Seelsorger aus Transkarpatien in der Ukraine und Leiter der Hilfstransporte, die auch von der BZ-Aktion unterstützt werden, erklärte, nutzte er wohl eine letzte Gelegenheit sein Land zu verlassen, um vor Ort in Deutschland, Holland und der Schweiz Hilfsprojekte für die Menschen in der Ukraine zu organisieren.

„Ohne die Kraft des Glaubens, könnten wir das alles nicht ertragen“, sagt Szeghljánik zu Beginn des zweieinhalbstündigen Gesprächs im Verlag der Bietigheimer, Sachsenheimer, Bönnigheimer Zeitung und dabei wird deutlich, dass sein bedingungsloser christlicher Glaube ihm die Kraft für seine oft gefährlichen Hilfstransporte in die Kriegsgebiete gibt. Szeghljánik versorgt nicht nur seine Gemeindeglieder von Csonkapapi, sondern auch über hunderte von Binnenflüchtlinge aus Kiew. Weil einige davon in seinem Pfarrhaus untergekommen sind, schläft der Pfarrer in seinem Kleinbus. „Die etwa 64 000 Gemeindeglieder große Reformierte Kirche in Transkarpatien ist mit ihrer ungarischen Geschichte unter den 44 Millionen vor dem Krieg lebenden Ukrainern in einer doppelten Diaspora. Deshalb pflegt das Gustav-Adolf-Werk (GAW) schon sehr lange intensive Beziehungen zu dieser kleinen Kirche im Südwesten der Ukraine“, erklärt Ulrich Hirsch, ehrenamtlicher Projektleiter für Hilfstransporte des GAW. So sei es selbstverständlich gewesen, dass die langjährigen Verbindungen jetzt in der Kriegsnot sich als tragfähig, verlässlich und verbindlich erweisen.

Rettung von Familien aus dem bedrohten Kiew

„In den ersten Tagen des Krieges war ganz wichtig, dass wir nicht Angst haben, sondern die Liebe Gottes uns Kraft und Hoffnung gibt“, betont der Seelsorger. Man habe jetzt die Möglichkeit „unsere Liebe zu zeigen“, so Szeghjánik, obwohl man „durch eine kleine Minderheit in Kiew Unterdrückung erlebt“ habe. Mit bewegenden Worten schildert er die derzeitige Situation, die Rettung einzelner Familien aus der bedrohten Hauptstadt, aber auch die durch Zwangsrekrutierung zerrissenen Familien und den Bedarf an Lebensnotwendigem. „Wir müssen mit den kleinen Dingen helfen. Etwa mit einem warmen Tee für einen Menschen der auf der Flucht ist, mit einer warmen Suppe, mit einem Bett“, sagt Szeghljánik.

Offen spricht der Pfarrer über die „Zwangsrekrutierung“ zum Militärdienst in der Ukraine. So seien fünf junge Männer aus seiner Helfergruppe zum Dienst an der Waffe eingezogen worden. „Diese Männer sind bei ihren Hilfslieferungen in die Gefahrenbereiche gegangen. Sie waren dabei genauso mutig, wie jetzt mit den Waffen“, sagt er.

Ungewöhnliche Fracht für die Ukraine befördert der dritte Hilfstransport des GAW, der am 28. April unter Leitung des Sachsenheimer Diakons Hirsch beladen wird. Neben Lebensmitteln aus Wangen, Pflegebetten aus Heilbronn, Mais aus Brackenheim, Pflanzkartoffeln aus Geislingen, Möbeln aus Sachsenheim und Mineralwasser aus Ensingen kommen auf den ungarischen 40-Tonner zwei Gabelstapler, die in den Materialdepots von Szeghljánik dringend benötigt werden.

Von Brackenheim auf
ukrainische Äcker

Besonders freut sich der zur ungarischen Minderheit gehörende Organisator und Logistiker Szeghljánik aber auf die ebenfalls im Truck mitreisende personelle Unterstützung: Erstmals begleitet den Hilfstransport in die Ukraine auch Albrecht Döbler. Der 56-jährige Vollerwerbslandwirt betreibt einen Aussiedlerhof in Brackenheim. Beim Friedensgebet vor Ostern berührten ihn Infos über die Ukraine von Projektleiter Hirsch so sehr, dass er spontan seine persönliche Mitarbeit bei der Aussaat auf ukrainischen Feldern anbot. Albrecht Döbler wird die 1300 Kilometer von Brackenheim in das ukrainische Grenzdorf Csonkapapi als Truckbegleiter zurücklegen, um vor Ort in der Landwirtschaft mitzuhelfen.

Mit seiner Fachkenntnis will der engagierte Landwirt und Weinbauer aus dem Zabergäu seinen Beitrag für die vom Krieg gebeutelten Menschen in der Ukraine leisten.

Mit dem bereits beim letzten Transport angelieferten Saatgut, bestehend aus Saatmais und Pflanzkartoffeln, jetzt mit einer weiteren Lieferung ergänzt, wartet dort genug Arbeit auf den Brackenheimer. „Wenn nicht ausgesät wird, kann man nicht ernten“, sagt Döbler ganz pragmatisch.

Szeghlánik ist begeistert über diesen selbstlosen Einsatz, sorgt für Einreise, Unterbringung und Verpflegung des willkommenen schwäbischen Helfers. Er kann diese zupackende Hilfe auch deshalb besonders gut gebrauchen, weil wegen drohender Zwangsrekrutierung zahlreiche Männer seiner Gemeinden auf der Flucht im Ausland seien und deshalb für die Bestellung der Felder fehlten.

Für die zurückbleibenden auseinander gerissenen Familien und die aus Kiew nach Transkarpatien Geflüchteten sei die Aussaat von Mais und Kartoffeln ein großes Zeichen der Hoffnung auf Zukunft, sagt GAW-Projektleiter Hirsch.

Transkarpatien – 1000 Jahre ungarisch

Transkarpatien ist seit 1991 eine Verwaltungseinheit der Ukraine im äußersten Westen des Landes. Sie hat rund 1,3 Millionen Einwohner. Rund 1000 Jahre gehörte der Landstrich in den Karpaten zu Ungarn (Österreich), dann zur Tschechoslowakei und heute zur Ukraine. Die historische Region befindet sich am südlichen Rande der Karpaten und umfasst das angrenzende Tal im Einzugsgebiet des Flusses Theiß.

Nach Auskunft von Peter Szeghljánik sind rund 400 000 überwiegend ukrainisch und russisch sprechende Flüchtlinge in Transkarpatien registriert, das entspricht rund einem Drittel der bisherigen Bevölkerung. „Als der Krieg losging, wollten die Ukrainer nicht mehr im Land bleiben“, sagt Pfarrer Szeghljánik. Durch die Lage Transkarpatiens mit den Grenzen zu Rumänien, Ungarn, die Slowakei und Polen kamen viele Flüchtlingen, für die er in Zusammenarbeit mit vielen ehrenamtlichen Helfern Unterkünfte bereitgestellt hat. Szeghljánik sieht aber auch die Gefahr, es werde „durch diese Nationalitäten nicht mehr lange dauern, dass die ungarisch sprechende Bevölkerung aussterben wird“.

Bereits 2014, als im russisch-ukrainischen Krieg Russland die ukrainischen Halbinsel Krim annektierte, wurde von allen Nationen, die im Gebiet der Unterkarpaten leben, dazu gehören Ukrainer, Russen, Ungarn, Rumänen, Slowaken und Deutsche, eine Friedenserklärung verfasst, in dem „der sinnlose Krieg und Gewalt zutiefst verurteilt“ wurde. In der Erklärung heißt es: „Unsere feste Überzeugung ist es, dass im 21. Jahrhundert alle Krisensituationen, die in der Ukraine auf verschiedenen Ebenen entstanden sind, ausschließlich auf friedliche, demokratische Weise, ohne Auslöschen von Menschenleben, zu lösen sind.“ Ausdrücklich betonen die Unterzeichner, dass die Bevölkerung der Unterkarpaten die geografische Einheit anstrebe. Man kämpfe dafür, dass alle Nationen der Ukraine friedlich zusammenleben. „Deshalb sind wir fest dagegen, dass die Bevölkerung der Unterkarpaten zu kriegerischen gewaltsamen Handlungen ausgebildet und gezwungen wird“, heißt es in der Erklärung und weiter: „Wir bitten darum, dass der Präsident der Ukraine, der Oberste Rat, das Europaparlament, der Europarat und alle zivilisierten Staaten Europas, in unserem Bestreben uns zur Seite stehen.“ ⇥knz