Musical in Bietigheim-Bissingen: In einem halben Jahr „echt explodiert“

Sie haben das Musical auf die Beine gestellt (von links): Stefan Raab, Barbara Hernandez, Saskia Tabler, Franziska Kleinert und Sandra Willmann.
/Martin KalbBoah ey, ist das die Neue?“ – der Empfang, der Katharina als neuer Schülerin an einer Bietigheimer Schule bereitet wird ist nicht nett, schon bald wird sie von einer Mädchen-Clique ausgegrenzt. Doch Katharina kontert musikalisch: „Du hast Vorurteile, bitte nimm mir meine“, singt sie in „Vorurteile“, dem Stück, das eigens für das Musical komponiert wurde: „Musik macht Freu(n)de“ feiert am kommenden Samstag im Kronenzentrum Premiere.
Das Stück ist Teil von „BiBi Pop“, der Veranstaltungsreihe, die in diesem Jahr die musikalische Geschichte der Stadt ins Zentrum stellt. So wird die genaue Zeit der Handlung auch bewusst im Unklaren gelassen, erklärt Stefan Raab von der Jugendkunstschule Labyrinth – Katharinas schwierige Ankunft in der neuen Bietigheimer Klasse könnte sowohl heute als auch vor 60 Jahren spielen, Bühnenbild und Kostüme bleiben da vage. Man habe mit dem Stück versucht, „eine Brücke zu schlagen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart“, so Raab – passend dazu ziert auch das Viadukt den Flyer. „Mit der Musik etwas Verbindendes schaffen“, das sei das Ziel, so Raab.
Kooperation mit Musikschule
Das Musicalprojekt ist eine Kooperation von Raabs Kunstschule und der Musikschule im Schloss, die Barbara Hernández leitet. Die Kooperation war organisatorisch durchaus anspruchsvoll, berichten die beiden – hat sich aber gelohnt: mit Gesang, Tanzchoreografie und Schauspiel können sich die Schauspielerinnen in allen drei Bereichen ausprobieren, angeleitet von Saskia Tabler, Maria Cultrera und Sandra Willmann haben sie für jeden Bereich eine Anleitung, die auch selbst große Rollen übernehmen. Eine der Herausforderungen: Schon der schnelle Übergang vom Gesang schlagartig zum gesprochenen Text ist nicht ohne, erklärt Raab weiter.
„Wir waren im Oktober überrascht über die Qualität und die Spielfreude der jungen Leute, erinnert sich Raab an den Start der Proben: „Die haben gleich schon am ersten Tag beim Training vorsingen wollen – das ist nicht selbstverständlich, dass junge Menschen im Alter von zehn bis zwölf Jahren gleich am ersten Tag vor fremden Menschen vorsingen und spielen wollen“, weiß er aus langer Erfahrung. Manche waren anfangs durchaus auch noch schüchtern – „die sind in dem halben Jahr echt explodiert“, sagt die musikalische Leiterin und Komponistin des Musicals Franziska Kleinert. Sie hätten jetzt Hauptrollen, von denen man nie gedacht habe, dass sie diese übernehmen würden.
Das Stück entstand auch in engem Austausch mit den Darstellerinnen. „Leider fehlen uns jetzt noch Jungs“, bedauert Kleinert den Mangel männlicher Darsteller in dem Stück.
Viele Pur-Bezüge
Viel wurde noch in der Gruppe angepasst: „Ist die Geschichte auch passend zu den Personen?“, müsse immer gefragt werden, erklärt Kleinert. Unter anderem mit dem Erstellen von Steckbriefen charakterisierten sie ihre jeweiligen Charaktere. Für das Projekt bediente sich Kleinert in der Bietigheimer Popszene, viele Pur-Bezüge, angepasste Texte, auch von Bausa und Camouflage. Alte Cover zieren die Bühne.
„Das hat jetzt so gut geklappt – ich hatte auch Tränen in den Augen bei den Proben“, gesteht Kleinert, „die haben das so toll gemacht“. „Was da in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt wurde, ist schon erstaunlich – wir kommen ja eigentlich von null“, stimmt auch Hernández zu.
Eine weitere Herausforderung: Die Zusammenarbeit mit der Live-Band auf der Bühne, wo auch unterschiedliche Altersgruppen erfolgreich zusammenarbeiten: zehn bis zwölf Jahre alt sind die Darstellerinnen, in der Band sind sie Anfang 20. „Das ist was anderes, das Playback zu üben“, stellt Kleinert klar. Auch alterstechnisch ist die Probenzeit eigentlich unterschiedlich, zudem muss räumlich die gemeinsame Probe der beiden Schulen organisiert werden – klingt leicht, ist es nicht unbedingt.
Rollen doppelt besetzt
Die letzte, entscheidende Phase der Endprobenwoche beginnt jetzt: Am Montag standen sie das erste Mal auf der Bühne des Kronenzentrums, am Freitag ist Generalprobe. Täglich üben nun Band und Schauspielerinnen zusammen. Die Teilnehmerinnen haben nur zum Teil schon Bühnenerfahrung. Zehn Rollen gibt es, mit der Band stehen 20 Personen auf der Bühne. Die Rollen sind doppelt besetzt, sodass jede auch Hauptrollen spielt. „Da kommt eine spannende Woche auf uns zu“, ist man sich am Montag im Leitungsteam einig.
Initiiert durch das aktuelle Projekt des Musicals für „BiBi Pop“ wird das Kursangebot „On Stage“, bei dem die Kinder in Kooperation von Kunst- und Musikschule singen, tanzen und schauspielern lernen, indes weitergeführt: Im kommenden Jahr kommt ein neues Stück auf die Bühne. Dann könne man vielleicht auch den Männermangel überwinden, hofft das Team.