Murrbrücke bei Marbach: Neubau in 75 statt 730 Tagen

Im Juni beginnen die Vorbereitungen zum Abriss und Neubau der Murrbrücke bei Marbach. Mit Beginn der Sommerferien Ende August/Anfang September ist die Brücke für den Verkehr gesperrt. Innerhalb von 75 Tagen errichtet die Baufirma Echterhoff den Neubau.
Martin KalbEs wurde früher nicht schlecht gebaut. Die Brücken von früher sind für andere Belastungen bemessen worden“, sagt Theo Reddemann im Gespräch mit der BZ. Die Brücke über die Murr bei Marbach wurde im Jahr 1956 errichtet – Fahrzeuge waren damals deutlich leichter und auch die Frequenz, mit der die Brücke überquert wurde, lag deutlich niedriger als heutzutage. Mittlerweile ist die Murrbrücke eine der zahlreichen maroden Brücken in Deutschland – alleine 16.000 im Zuständigkeitsbereich des Bundes –, die saniert werden müssen. Und das so schnell wie möglich. Die Murrbrücke weist Mängel an der Bausubstanz auf. Sie enthält Spannstahl, der nach heutigem Kenntnisstand zu Spannungsrisskorrosion führt. Dies kann in plötzlichen Brüchen enden. Spätestens der Einsturz der Carolabrücke in Dresden im September 2024 hat ein Exempel statuiert.
60 Brücken im Regierungsbezirk
„Mit dem Brückenerhaltungsprogramm bauen wir bis 2030 landesweit rund 180 Brücken neu“, sagte im Februar Landesverkehrsminister Winfried Hermann. Davon 60 Brücken im Regierungsbezirk Stuttgart (siehe Infobox). Dabei fällt der Murrbrücke eine besondere Rolle zu, sie ist das Vorzeigeprojekt: die erste Expressbrücke Baden-Württembergs.
Und an dieser Stelle kommt Theo Reddemann ins Spiel. Er ist Geschäftsführer und technischer Leiter der Bauunternehmung Gebr. Echterhoff Gmbh & Co. KG, die ihren Hauptsitz in Westerkappeln in Nordrhein-Westfalen hat. Außerdem ist er der Erfinder der sogenannten Expressbrücke. „Seit 2019 haben wir 25 Brücken in dieser Bauweise fertiggestellt. Derzeit haben wir noch 15 Brücken in Auftrag“, sagt er. Eine davon ist die Murrbrücke.
Eine Expressbrücke macht aus, wie der Name schon sagt, dass sie in einem Bruchteil der Zeit gebaut werden kann. Im Fall der Murrbrücke kann die angenommene Bauzeit von zwei Jahren auf 75 Tage reduziert werden. Das funktioniert durch den Einsatz von Fertigbauteilen. Wie Reddemann erklärt, werden massive Beton-Fertigteil-Wände vorproduziert und vor Ort zusammengesetzt. Senkrechte Bauteile werden liegend hergestellt; die Bodenplatte wird mit Stahlbewährung (eine Verstärkung aus Stahl, die die Tragfähigkeit des Betons erhöht) und Ortbeton, also Beton, der vor Ort gegossen wird, ergänzt. Der Überbau, auf dem künftig die Autos fahren werden, besteht aus Spannbetonträgern.
„Ich habe vor etwa 8,5 Jahren angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen und habe das System der Expressbrücken entwickelt“, berichtet Reddemann der BZ. Es gibt ja bereits Verfahren zur schnelleren Umsetzung von Bauprojekten. So wurde etwa die Stützwand an der Stuttgarter Straße in Bietigheim-Bissingen entlang der B 27 bei der Firma Valeo im Redi-Rock-Stützwandverfahren errichtet. Oder auch Haussanierungen in Rekordzeit – etwa die Sanierungssprints von Ronald Meyer (die BZ berichtete). Warum vor ihm noch keiner auf die Idee gekommen sei? „Das frage ich mich auch“, sagt Reddemann und lacht. Er ist überzeugt von seinem Brückenbauverfahren.
Zwar kostet eine Expressbrücke 20 bis 30 Prozent mehr in der Umsetzung als eine reguläre Brücke. Im Falle der Murrbrücke liegen die Kosten für den Ersatzneubau plus Anpassungen im Straßenbereich insgesamt bei rund 9,5 Millionen Euro, die vom Land getragen werden. Dafür sei die Verkehrsbehinderung deutlich kürzer und die Kosten für die angepasste Verkehrsführung während der Bauzeit sinke dramatisch. „Zu lange Streckensperrungen können wir uns einfach nicht leisten“, findet Reddemann. Das Hauptargument für den Erfinder sei jedoch die Reduzierung der CO2-Emissionen. Denn: „Jeder Verkehrsstau erzeugt einen hohen CO2-Ausstoß.“ Dabei hätten Untersuchungen gezeigt, dass 83 Prozent aller CO2-Emissionen während der Bauzeit durch Stau entstünden – und das obwohl bei der Zementherstellung jede Menge Kohlenstoffdioxid freigesetzt wird.
2024 wurde mit der Planung der Murrbrücke begonnen. Zunächst war vorgesehen, die Brücke innerhalb von zwei Jahren konventionell zu erneuern. Mitte letzen Jahres startete die Ausschreibung. Zu der Zeit reiste Reddemann durch Deutschland, um bei verschiedenen Veranstaltungen das neue System der Expressbrücke zu erklären. So kam es zum Treffen zwischen ihm und dem Leiter des Baureferats West im Regierungspräsidium Stuttgart, Andreas Klein. Das Bauunternehmen Echterhoff machte letztendlich das Rennen in der Ausschreibung und setzt nun das Projekt um – und das als Pilotprojekt für Baden-Württemberg. Beim Abbruch der Murrbrücke arbeitet das Unternehmen Echterhoff mit der Firma Peter Gross Bau zusammen.
80 Prozent der Bauteile für die Expressbrücke werden durch Facharbeiter in Fertigteilwerken vorproduziert. Das habe den Vorteil, dass man witterungsunabhängig arbeiten könne. „Dadurch geht keine Zeit verloren“, sagt Reddemann. Echterhoff hat insgesamt 750 Mitarbeiter.
Vorbereitungen starten am 1. Juni
„Die vorbereitenden Arbeiten vor Ort beginnen am 1. Juni“, kündigt Reddemann an. Mit Beginn der Sommerferien am 30. Juli startet dann der tatsächliche Brückenbau. Innerhalb von 75 Tagen wird der Neubau unter Vollsperrung errichtet. Um die Leistungsfähigkeit des angrenzenden Knotenpunkts der L 1100 mit der L 1138 Richtung Benningen zu verbessern, wird die neue Brücke von bislang zwei auf vier Fahrstreifen verbreitert. Bis voraussichtlich Mitte Oktober wird der Abschnitt der L 1100 von der Oehlerkreuzung bis zur Einmündung der L 1138 für den Verkehr gesperrt.
Ob die Murrbrücke im Vergleich zu Großprojekten wie der Brücke an der B 51 in Münster oder der Brücke über die A 516 bei Oberhausen nicht ein eher beschauliches Kleinprojekt sei? „Nein, gar nicht. Die Murrbrücke ist eine spannende Bauaufgabe“, sagt Reddemann. Das Bauwerk sei zwar verhältnismäßig klein, führe jedoch über ein Gewässer, „das ist immer nochmal etwas anderes“, so der Diplomingenieur. Man müsse Hochwasser- und Naturschutzbelange beachten. Doch auch darin sei das Bauunternehmen erfahren, so habe Echterhoff nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 bei Weilerswist-Derkum eine durch das Hochwasser der Erft unterspülte Brücke durch eine Expressbrücke ersetzt. Die Bauzeit betrug zwei statt den üblichen acht Monaten. Qualitätseinbußen infolge der Schnelligkeit gebe es übrigens nicht, versichert Reddemann. „Wir halten uns an alle Vorschriften und vorgegebenen Belastungen.“
Zum Brückenerhaltungsprogramm des Landes Baden-Württemberg
Im Oktober 2025 wurde das Brückenerhaltungsprogramm des Landes, Stufe I (2025-2030), vorgestellt, in dem die Modernisierung von rund 180 Brücken in Baden-Württemberg bis 2030 enthalten ist. Im Regierungsbezirk Stuttgart geht es in der ersten Stufe um 35 Brücken an Bundes- und 25 an Landesstraßen. Das Regierungspräsidium Stuttgart ist für insgesamt 2000 Brücken an Bundes- und Landesstraßen zuständig.