Mitbegründer Fairtrade Deutschland aus Bietigheim-Bissingen: „Das Bewusstsein der Menschen verändern“

Bei seinem damaligen Arbeitgeber SAP hat Johannes Schockenhoff vor 30 Jahren fair gehandelten Kaffee eingeführt. Der Softwarekonzern ist seither einer der größten Abnehmer von Gepa-Kaffee.
privatSeit 30 Jahren kämpft der Verein Fairtrade Deutschland dafür, dass mehr fair gehandelte Ware gekauft wird. Mit der BZ hat Gründungsmitglied Johannes Schockenhoff aus Bietigheim auf die Gründerzeit und die aktuelle Lage des fairen Handels in Deutschland und in der Region geblickt.
Was bedeutet für Sie fairer Handel? Johannes Schockenhoff: Gerechte Wirtschaftsbeziehungen, keine Ausnutzung der stärkeren Position, Bedürfnisse der Produzenten berücksichtigen. Konkret heißt das, Kleinbauern und Plantagenarbeitern Preise zu bezahlen, von denen sie leben können.
Wie kam es zu Ihrem Verein, der heute den Handel mitgestaltet?
Begonnen hat unser Einsatz vor 40 Jahren, 1982, an der Uni Tübingen. Ich engagierte mich – auch heute noch – beim Arbeitskreis der katholischen Hochschulgemeinde, Aktion Arme Welt. Wir waren eine bunte Gruppe von etwa 30 Studenten. Angehende Juristen, Lehrer, Ärzte, die ein Grundproblem sahen: Der ungerechte Welthandel, in dem das Recht der Stärkeren herrscht.
Was unternahmen Sie dagegen?
Wir reisten privat in Länder wie Indien, Guatemala, Peru und erkannten, dass man vor Ort konkret etwas an den Lebensbedingungen der Menschen verbessern muss. Bis heute setzen wir uns mit Projekten – zum Beispiel helfe ich in Guatemala, Kaffeebäume zu pflanzen – persönlich in den Entwicklungsländern ein. Wir sahen aber, dass das nicht reicht. Denn auch das Bewusstsein der Menschen hierzulande muss sich verändern.
Wie wollten Sie das erreichen?
Es gab damals schon Weltläden mit fair gehandelter Ware. Wir wollten den fairen Handel aber in die Breite des Konsums bringen, in die großen Handelsketten. Denn was kann der Kleinbauer in Peru für unsere kapitalistischen Strukturen im Einzelhandel? Daraufhin haben wir ein Zertifizierungslabel entwickelt, das von einer unabhängigen Zertifizierungsorganisation überwacht wird. Denn die normalen Kunden sollten anhand eines Siegels die Produkte deutlich erkennen und darauf vertrauen können, dass sie auch wirklich fair gehandelt sind.
1992 kam die Professionalisierung?
Genau. Zusammen mit größeren Mitstreitern wie kirchlichen Hilfsorganisationen, dem Fair-Handels-Importeur Gepa und weiteren, gesellschaftlichen Gruppierungen gründeten wir 1992 den Verein TransFair, der heute Fairtrade Deutschland heißt und das Fairtrade-Siegel an Produkte vergibt. Wir wollten unser Vorhaben professionalisieren und stellten damals einen hauptamtlichen Geschäftsführer ein, Wolfgang Overath, der bis diesen Juni erfolgreich den Verein leitete.
Wie entwickelt sich der faire Handel in Deutschland?
Nach wie vor ist der Umsatz pro Kopf gering. Rund 2,1 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2021 für fair Gehandeltes aus, ein Rekordwert. Das sind 25 Euro pro Kopf und Jahr. In der Schweiz oder Großbritannien ist der Pro-Kopf-Umsatz doppelt so hoch. Es wird besser: Die Kunden machen sich mehr Gedanken, wie Sachen produziert werden. Aber die große Mehrheit der Verbraucher geht leider nur nach dem Preis. Der Kaffeebauer, der von dem Preis nicht leben kann, kommt in deren Welt nicht vor. Bei Kaffee sind beispielsweise nur vier Prozent fair gehandelt. Deutschland hat noch viel Nachholbedarf.
Welchen Einkaufs-Tipp haben Sie?
Eine gute Idee ist es, den Weltmarkt in der Altstadt zu besuchen, und die fair gehandelten Produkte kennenzulernen, Gewürze, Bananen, aber auch Textilien und Geschenkartikel. Im Supermarkt und Discounter ist es gut, stets auf das Siegel zu achten.
Was macht Bietigheim-Bissingen für den fairen Handel?
Seit 2013 ist die Stadt FairtradeTown. Die Verwaltung, einige Läden, Restaurants, Kirchen und Vereine unterstützen den fairen Handel. So befolgt die Stadt seit zehn Jahren die Vorschrift, keine Steine aus Kinderarbeit zu verbauen. Auch gibt es Fairtrade-Schools: die Grundschule im Buch, die Schillerschule und das berufliche Schulzentrum, in denen Schüler durch Projekte und Kurse mehr über den fairen Handel erfahren.
Wo fehlt es in Bietigheim und Umgebung noch an fair gehandelter Ware?
Wo es noch hapert, ist in der Gastronomie. Dort würden wir gerne noch mehr Restaurants oder Hotels finden, die bewusst fair gehandelten Kaffee, Tee oder Orangensaft anbieten und darauf auf der Karte mit dem Fairtrade-Label hinweisen. Auch bei den Firmen in der Cafeteria oder im Büro könnte noch häufiger fairer Kaffee verwendet werden.
Zur Person Johannes Schockenhoff
Der 62-jährige
Johannes Schockenhoff ist gebürtiger Ludwigsburger und wohnt seit 30 Jahren in Bietigheim. Er hat Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen studiert, und im dortigen Arbeitskreis „Aktion Arme Welt“ seine Frau kennengelernt. Er ist Vorsitzender der Bietigheim-Bissinger Tafel und gewählter Vorsitzender des Kirchengemeinderates von St. Laurentius in Bietigheim.