Mindestlohn: Das sagen Unternehmer und Gewerkschaft
: „Der Kuchen wird nicht größer“

Viele Unternehmer sind für eine leistungsgerechte Bezahlung. Doch der Verbraucher müsse mit höheren Preise rechnen, warnen sie.
Von
Claudia Mocek
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Bei den 800 Mitarbeitern der DPD in Ludwigsburg spielt der Mindestlohn kaum eine Rolle.⇥

Ralf Poller/Avanti via www.imago-images.de

Grundsätzlich ist es richtig, dass die Löhne steigen“, sagt Bäckerei-Inhaber Frank Clement aus Sachsenheim: „Das ist eine Frage der Wertschätzung und die haben die Mitarbeiter verdient.“ Aber den Mindestlohn von zwölf Euro, wie er im Koalitionsvertrag steht, hält er „für ein Riesenärgernis“. Der Grund: Er wird die Preise für Backwaren erhöhen müssen, was seitens der Politik nicht klar kommuniziert werde. Und den Ärger der Kunden werden die Verkäuferinnen und Verkäufer abbekommen, befürchtet er. Vor allem der Staat werde durch die Lohn- und Mehrwertsteuer vom gestiegenen Mindestlohn profitieren, ist Clement überzeugt.

„Wir arbeiten im Niedriglohnsektor, die Marge gibt nicht viel her“, sagt Frank Clement und verweist darauf, dass die Personalkosten in seinem Betrieb mittlerweile 50 Prozent ausmachen, „ohne Geschäftsführer-Gehalt“. Die Kosten für Rohstoffe wie Butter, Zucker oder Himbeeren seien zwar auch explodiert, aber das sei bei der Preisentwicklung nicht der Haupttreiber.

„Besser anfühlen“

Die SPD habe im Wahlkampf betont, dass es sich für die Mitarbeiter „besser anfühlen müsse“, sagt Clement. Aber dadurch werde die Kaufkraft nicht gestärkt, betont er. Denn: „Wir müssen die höheren Kosten an die Kunden weitergeben“, sagt Clement.

Außerdem werde beim Lohngefüge eine Spirale in Gang gesetzt, Clement spricht von einem „psychologischen Effekt“. Derjenige, der jetzt mehr verdiene als ein Kollege mit Mindestlohn, werde dann auch mehr Geld fordern, damit der Abstand untereinander wieder stimme. Aber: „Der Kuchen wird nicht größer.“

Auch Katrin Fritz von der Metzgerei Fritz aus Ingersheim ist davon überzeugt, dass sich der gestiegene Mindestlohn auf die Preise niederschlagen wird. Denn im Lebensmittelbereich ließen sich die Stunden nicht separat abrechnen wie bei anderen Handwerkern, etwa Malern oder im Sanitärbereich.

Uwe Keil, Inhaber von Intercoiffeur Keil aus Bietigheim-Bissingen, ist die Erhöhung des Mindestlohns „eher Recht, als dass ich dagegen wäre“. Die Branche habe den Ruf, dass sie schlechte Löhne zahle. „Wir müssen aus der Spirale herauskommen, immer nur auf billig zu machen“, sagt Keil.

Das Friseurhandwerk sei personalintensiv. Auch wenn er die steigenden Kosten an die Kunden weitergeben muss, findet Keil „gescheite Preise“ sinnvoll, um davon dann auch bessere Löhne zahlen zu können. Er verweist auf ein gesamtgesellschaftliches Problem: Viele würden glauben, dass alle Kinder Abitur machen und studieren müssten. „Aber ein guter Handwerker ist besser dran als ein Akademiker“, findet er.

Im Familienbetrieb Hotel und Restaurant Otterbach in Bietigheim-Bissingen gibt es nur einzelne Aushilfen, die nach Mindestlohn bezahlt werden, alle anderen liegen darüber, erklärt die Assistentin der Geschäftsleitung, Tabea Böser. Auch bei ihnen führe kein Weg daran vorbei, die steigenden Kosten auf die Preise umzulegen. Böser geht aber davon aus, dass sich die Hotelgäste „über drei Euro mehr keine Gedanken machen“.

Beim Paketversand DPD arbeiten am Standort Ludwigsburg rund 800 Mitarbeiter, sagt Pressesprecher Sebastian Zeh. Da die Region zu den wirtschaftsstarken Gegenden zähle, „liegt der Lohn der Mitarbeiter deutlich über dem Mindestlohn“, sagt er. Deutschlandweit sei die Branche aber auch von der Erhöhung des Mindestlohns betroffen. Da darüber hinaus auch das Volumen an Paketen immer weiter zunehme, werde der Paketpreis steigen. Einen Zusammenhang zwischen steigendem Mindestlohn und dem Mangel an Mitarbeitern sieht er nicht: „Das ist nichts, was der Mindestlohn befeuern würde.“

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) habe schon vor zehn Jahren den Mindestlohn gefordert, sagt der NGG-Geschäftsführer der Region Stuttgart, Hartmut Zacher. Von den Steigerungen seien die Billiglohnbranchen am stärksten betroffen. Wenn Unternehmen daran scheitern würden, seien sie schon vorher „knapp auf Kante genäht“, ist er überzeugt.

Der Knackpunkt

Bei der anstehenden Erhöhung werde der Abstand zwischen Mitarbeitern, die Mindestlohn bekommen, und denen, die zum Beispiel Tariflohn erhalten, zum Knackpunkt, sagt Zacher.

Den steigenden Preisen für Lebensmittel hält er entgegen: „Wo sind Lebensmittel so billig wie bei uns? Nirgends.“ Das sei auch der Grund, weshalb die Allgemeinheit viele Arbeitnehmer durch Leistungen wie etwa Wohngeld unterstützen müsste. Oft wüssten die Kunden gar nicht, wie wenig die Verkäuferinnen und Verkäufer zurzeit verdienen würden. Auch wenn diese trotz gestiegenem Mindestlohn netto nicht wesentlich mehr Geld im Portemonnaie hätten, ist das für Zacher „auch eine Frage der Würde“.

  • Einige Friseure wollen das schlechte Image, das über ihre Branche kursiert, korrigieren.⇥

    Magdalena Troendle
  • Von der Erhöhung des Mindestlohns sind viele Branchen betroffen, vor allem auch der Einzelhandel.⇥

    Soeren Stache
1 / 2